Wenn der Tod nicht plötzlich kommt und einen mitten aus dem Leben reißt, ist er, genau wie das Leben selber, ein Weg, auf dem wir stetig wandeln. Genau genommen stellt er lediglich das letzte Stück des Lebensweges dar und ist damit elementarer Teil des Lebens selbst. Der krebskranke Tiziano spürt, dass er nur noch wenig Zeit hat und ruft seinen Sohn zu sich, um ihm sein Vermächtnis zu hinterlassen, das in seinen Erkenntnissen über das Leben und den Tod besteht. Das Ende ist mein Anfang ist eine verklärte Interpretation vom Sterben, die trotz eines authentischen Hauptdarstellers insgesamt viel zu glatt wirkt, um glaubhaft zu erscheinen.
Als der italienische Journalist und Autor Tiziano Terzani, der drei Jahrzehnte als Korrespondent für das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel tätig war, von seiner Krebserkrankung erfährt, zieht es ihn, der zeitlebens mit Asien stark verbunden war (ab 1971 lebte er in Singapur, später in Saigon und in den 80ern in China), in den Himalaya. Drei Jahre meditiert er über sein nahendes Ende und gelangt darüber zu ganz neuen Erkenntnissen über das Leben. Nach seiner Rückkehr ruft er kurz vor seinem Tod seinen Sohn zu sich, um in einem Interview über sein Leben Rede-und-Antwort zu stehen und über seine jetzige Sicht auf das Unvermeidbare zu sprechen. Aus diesen Interviews entsteht das letzte Buch Terzanis Das Ende ist mein Anfang, welches gleichnamig nun verfilmt wurde.
Es sind wunderschöne, spätsommerlich anmutende Tage als Folco (Elio Germano) in der Toscana eintrifft. Er hat den langen Weg aus New York auf sich genommen, um seinen im Sterben befindlichen Vater zu besuchen. Nach einer herzlichen Begrüßung beginnen beide gleich mit der Arbeit. Tiziano (Bruno Ganz) möchte seinem Sohn und der Welt ein Vermächtnis hinterlassen. Er hat zwar schon eine Reihe von Büchern geschrieben und veröffentlicht, dieses letzte soll aber das Persönlichste beinhalten, was man zu Papier bringen kann: Das Erleben des eigenen Todes.
Tiziano berichtet zunächst von seiner Jugend und anschließend von seiner Zeit als Asienkorrespondent. Wie er die Umwälzungen im maoistischen China empfand und dass er den Sieg der Nordvietnamesischen Streitkräfte, der mit der Einnahme Saigons am 30. April 1975 besiegelt wurde, seinerzeit als den "Sieg der Gerechtigkeit" empfand. Später relativiert er diese Ansichten und kommt zum Schluss, dass Krieg an sich immer völlig unsinnig sei, auch wenn nicht immer vermeidbar. Zuletzt widmet er sich seiner Erkrankung und dem Weg, auf dem er jetzt wandelt und der erst mit seinem physischen Tod vollendet sein wird.
Der Film orientiert sich stark am Buch und deshalb finden sich auch keine Rückblenden darin, welche die geschilderten Ereignisse lebendig hätten abbilden können. Dass dies nicht unbedingt zur Auflockerung der Schilderungen beiträgt, braucht nicht ausdrücklich betont zu werden. Bruno Ganz legt sich dafür redlich ins Zeug und befüllt seine Filmfigur mit Leben, Charisma, Seele und Weisheit; und versucht damit, den Film regelrecht im Alleingang zu tragen. Das gelingt ihm über lange Distanzen sogar, verhindert aber nicht, dass die Erleuchtungslitaneien - deren Botschaften zudem einiges an Redundanzen aufweisen - irgendwann die Qualität von aneinandergereihten Glückskeksweisheiten bekommen.
Wenn verklärt über den Sozialismus doziert wird, fühlt man sich glatt in seine späte Teenagerzeit zurückversetzt, als man selbst nach einer Prise Marx und Engels glaubte, dass es eine Form von Sozialismus geben möge, der die Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt beseitigt. Nach einer schulischen Videoaufführung der Trickfilmadaption von George Orwells Animal Farm verflüchtigten sich diese Gedankengänge aber schnell. Auch die fernöstlichen Weisheiten, die in Das Ende ist mein Anfang zum Besten gegeben werden, versetzen einen zurück zu einem Lebenszeitpunkt, als man dachte, der Buddhismus und ähnliche Lehren wären der westlichen Denkweise in vielen Punkten überlegen. Natürlich ist einiges wahr daran, dass wir nichts von dem Erreichten mitnehmen können, wenn wir dieses Leben hinter uns lassen. Und dass wir im Westen vielen materiellen wie intellektuellen Dingen eine zu große Bedeutung beimessen, lässt sich kaum bestreiten. Aber es gehört nun mal zu unserer Lebensart, nach etwas zu streben, um unserer Existenz einen tieferen Sinn zu verleihen. Selbst ein Dalai-Lama kann schließlich nicht leugnen, dass er besonderes Gehör findet, weil er eben der ist, der er ist; und nicht einfach deshalb, da er einfach als weiser Mann gilt.
Wer glaubt in Das Ende ist mein Anfang weltbewegende neue Wahrheiten vorzufinden, könnte glatt immens enttäuscht werden. Zuweilen sind die halbmessianischen Plattitüden nicht nur leicht abgedroschen, sondern langweilen mangels Tiefgang. Um letzten Endes nicht den Eindruck einer Fiktion-Doku mit Frontalinterview-Charakter zu erwecken, lockerte man das Geschehen mit einigen postkartenästhetischen Landschaftsimpressionen auf, die sich des Kitschvorwurfes aber nicht ernstlich erwehren können. Selbst der Sterbeprozess, der eigentlich den Kern der Geschichte ausmachen sollte, bekommt eine guruhaft zelebrierte Leichtigkeit, die jeder, der einen krebskranken Angehörigen auf diesem bitteren Weg begleitete, für lächerlich absurd erachten würde.
Transzendente Wahrheiten über das Überwechseln von der körperlichen in eine nichtstöffliche Existenz gibt es in vielen anderen Filmen auch - und womöglich sogar besser. Vielleicht ist es die ausgesprochene Stärke dieses Filmes aber, dass er auf aufgesetztes Pathos verzichtet und von einem überragenden Hauptdarsteller getragen wird. Auf der anderen Seite degradiert er alle anderen Akteure zur Staffage und die Poesie der in Wolken gehüllten Berggipfel, auf denen Tiziano Terzani mit Rauschebart und weißem Kaftan kurz vor seinem Ende wandelt, wirkt wie aus einem New-Age-Magazin herausgeschnitten. Als konfliktfreie, glattgebügelte und positivistische Utopie des (physischen) Lebensendes mag der Film aber einige (versteckte) Qualitäten beinhalten - man muss sie nur finden wollen.