Skandale in der Bundesliga sind weder neu noch selten. Meist handelt es sich um eine Wettmafia, die wieder mal die Spiele manipuliert oder homosexuelle Schiedsrichter, denen die Hände entgleiten. Im Jahre 2001 erschütterte aber ein Skandal einer ganz anderen Art die höchste Spielklasse des deutschen Fußballs. Dem Nigerianer Jonathan Akpoborie, der zu dieser Zeit beim VFL Wolfsburg spielte, wurde vorgeworfen, im Menschenhandel verstrickt zu sein. Ein Vorwurf, der seine Karriere zerstörte. Interessante Doku mit Akribie und journalistischer Sorgfalt in Szene gesetzt, die manchmal etwas richtungsschwach wirkt, dennoch wichtige Einsichten vermittelt.
Vor der Küste des westafrikanischen Staates Gabuns wird im Jahr 2001 eine Fähre aufgegriffen. An Bord über 200 Kinder. Das sogenannte Sklavenschiff, das dem damaligen Fußball-Profi Jonathan Akpoborie gehört, transportiert diese Kinder, die angeblich von ihren Eltern als billige Arbeitskräfte verkauft wurden, von Gabun nach Benin. Praktisch über Nacht trennt sich daraufhin sein Verein von ihm, ohne dass ihm aber eine Mitwisserschaft, geschweige denn eine Mittäterschaft nachgewiesen werden kann. Akpobories Karriere ist damit jäh beendet.
Das Schiff des Torjägers, ein Film der Schweizer Filmemacherin Heidi Specogna, lässt diese Ereignisse Jahre später noch einmal Revue passieren. Dabei geht es nicht explizit darum, die Wahrheit zu ergründen oder klassischen investigativen Journalismus zu betreiben. Vielmehr steht im Mittelpunkt, die Verflechtungen von übernationalen ökonomischen Abhängigkeiten und deren Auswüchse aufzuzeigen, ohne aber über irgendjemand ein Urteil zu fällen. Dementsprechend wird die Geschichte auch aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Specogna lässt sowohl Akpoborie selbst zu der Angelegenheit Stellung nehmen, als auch Kinder, die sich damals auf der Fähre befanden.
Die Regisseurin zeigt ein Afrika gefangen zwischen Tradition und Moderne; das darüber hinaus den Kräften der Globalisierung (hilflos) ausgesetzt ist. Drei Jahre bereiste sie den Westen des Schwarzen Kontinents und sprach mit Behörden und Beteiligten - ihre primäre Absicht war stets, aus der Geschichte keinen Krimi zu machen und immer unparteiisch zu bleiben. Solch eine Vorgehensweise ist von der journalistischen Neutralitätspflicht und der Verpflichtung zur Ausgewogenheit der Berichterstattung absolut einwandfrei, muss dennoch nicht jedem gefallen, der sich beispielsweise lieber eine Tendenz oder zumindest Fakten gewünscht hätte, die ein klares Resümee zulassen würden.
Ob man den Aussagen Akpobories Glauben schenken will, muss jeder für sich selbst entscheiden. Der Ex-Fußballprofi gibt vor, damals zwei alte dänische Fähren gekauft zu haben, damit sich seine Familie dauerhaft eine eigene ökonomische Existenz aufbauen kann und der Armut, der auch er selbst entstammte, ein für allemal entkommt. Er war aber offensichtlich auch naiv genug, nie zu überprüfen, wie damit in der Praxis verfahren und gewirtschaftet wurde. Völlig losgelöst vom Wahrheitsgehalt, gehört es aber vielleicht ebenfalls zu den großen Stärken des Films, dass er somit vor Augen führt, wie schnell alles zu einer einzigen Grauzone verwischen kann; besonders in Afrika, das so ganz anders als das vertraute Europa funktioniert.
Der Handel mit menschlichen Wesen spielt in der Doku selbstverständlich die zentrale Rolle. Mitunter entstehen dabei erstaunliche Parallelen zum gigantischen Multi-Millionen-Markt des internationalen Fußballs. Diese Analogie relativiert zwar keinesfalls den Handel mit Kindersklaven, zeigt aber, dass der Mensch sehr wohl auf vielen Ebenen zu einer Ware verkommt. Das Schiff des Torjägers liefert somit Impulse, den Blick kritisch auf die Geschehnisse vor der Haustür, als auch in der Ferne zu richten. Die Dokumentation verlangt aber auch ein Stückweit Geduld ab. Der ständige Wechsel von Personen, Örtlichkeiten und der Versuch, atmosphärisch mit dem Einfangen des Lokalkolorits zu arbeiten, lässt den Film zuweilen zerfahren wirken, was es spürbar anstrengend gestaltet, am Ball zu bleiben. Und natürlich stellt sich auch hier die grundlegende Frage, ob es unbedingt das Kinoformat sein musste oder ob die - sicherlich bald folgende - TV-Fassung persönlich ausreicht. Unterm Strich bleiben aber genug Einblicke hängen, die (ob Kino oder TV) Anreiz bieten sollten, sich mit dem Film auseinander zu setzen.