Jedem Idol einer Leitkultur werden irgendwann filmische Ehren zuteil. Bansky ist der bedeutendste Street-Artist der Gegenwart. Seine Kunst findet sich auf der ganzen Welt. Und doch ist er selbst der große Unbekannte. Banksy - Exit Through the Gift Shop ist aber nicht seine Geschichte oder die seines Schaffens. Es ist nicht einmal die Geschichte der Street Art. Dieser Film, der als amateurhaft unbeholfene Doku beginnt, schreitet voran, etwas ganz anderes zu leisten; und konfrontiert damit die Generation-Event mit der Funktionsweise ihrer eigenen Wirklichkeit. Ein feiner Kabinettsstreich, den sich Gesellschafts- und Zeitgeistzyniker nicht entgehen lassen sollten.
Kunst spiegelte seit jeher die Gesellschaft und ihre innere Befindlichkeit wider. Anderseits vermochte sie der Gesellschaft immer wieder den Spiegel vorzuhalten. Einerseits Produkt, gelang es ihr damit auch die eine oder andere Revolution auslösen. In einer immer schnelllebigeren (Konsum)Gesellschaft wird aber selbst die Kunst letztendlich zum Verbrauchsgegenstand und verliert ihre ursprüngliche Funktion. Auf der letzten Stufe, der "schnellen Kunst", die regelrecht aus der Hüfte geschossen wird, landet man bei der Graffiti- und Street-Art-Szene. Ursprünglich kamen diese wie der Rap, der Breakdance und der Hip Hop aus dem Ghetto und verkörperten den Protest gegen überprivilegierte Schichten und die Obrigkeit. Inzwischen geht aber selbst dort der gesellschaftliche Kontext allmählich verloren. Heutzutage geht es scheinbar überall einzig und allein darum, seine "Marke" zu hinterlassen.
Einem Straßenkünstler gelang es dennoch, über das bloße Imageerzeugen hinaus, eine Botschaft zu formulieren. Banksy, einer Art Mensch-Phantom, dessen Markenzeichen eine stilisierte Ratte ist, und dessen Werke Fassaden und Mauern auf der ganzen Welt zieren, bis hin zum Gaza-Streifen. Mit ihm erhielt diese Kunstform wieder ihre politische Aussagefähigkeit zurück. Doch niemand weiß, wer dieser sagenumwobene und gefeierte Street-Artist in Wirklichkeit ist.
Banksy - Exit Through the Gift Shop erzählt aber nicht die Geschichte des bedeutendsten Graffitikünstlers der Gegenwart. Es ist vielmehr die Geschichte eines ganz anderen Phänomens: Thierry Guetta war ein geschäftstüchtiger, aber leicht schräger Franzose, der früher kiloweise Textilien zu Schleuderpreisen einkaufte, diese etwas "frisierte" und anschließend als Designerware wieder verkaufte. Zuweilen machte er mit einem Sack Klamotten, den er für 50 Dollar erwarb, 5000 Dollar Umsatz. Eines Tages bekam er eine Videokamera in die Hände, niemand erinnert sich heute noch genau wann und wie es begann, aber fortan war er vom Filmen wie besessen. Man traf Thierry nirgends mehr ohne Kamera an.
Thierry war aber auch noch von einer anderen Sache fasziniert. Der Graffiti- und Street Art. Und so entschloss sich der (nun) selbsternannte Dokumentarfilmer, eine Doku über diese Kunstform zu machen. Als ihm ein befreundeter Street-Artist auch noch den Kontakt zum Heiligtum der Szene, zu Banksy, herstellte, schien alles perfekt. Banksy war von der Idee eines Films, der die Seele der Street-Art einfangen sollte, ebenfalls angetan: Ich wollte einen Film machen, der für Street Art das bewirkt, was Karate Kid für den Kampfsport bewirkt hat - ein Film, der jedes Schulkind dazu bewegen würde, eine Spraydose in die Hand zu nehmen und los zu legen. Aber wie sich herausstellte, haben wir einen Film gemacht, der für Street Art so viel getan hat, wie Der Weiße Hai für den Wassersport.
Banksy hatte die Rechnung ohne Thierry gemacht. Der hatte gefilmt und gefilmt; hatte Hunderte von Stunden Material zusammengetragen, davon aber weder etwas sortiert, geschweige denn irgendwie geordnet. Aus Dutzenden Kisten voller unbeschrifteter Tapes galt es jetzt einen anderthalb Stunden langen Film zu schneiden. Monate später präsentierte Thierry Banksy das Werk: ein 90-minütiger konfuser, psychedelischer Trip, bei dem man schmerzerfüllt darum fleht, er möge aufhören. Banksy schickte Thierry daraufhin in den Urlaub und empfahl ihm, es selbst mal mit Street Art zu probieren - ein wenig selber künstlerisch tätig sein, als nur darüber zu filmen. Wahrscheinlich bereut er diese Entscheidung bis heute.
Was als Doku in der Doku beginnt, als ein Film von einem Möchtegern-Filmemacher, der im Prinzip von dem, was er gerade macht, überhaupt keine Ahnung hat, entwickelt mit der Zeit eine (Eigen)Dynamik, über die man vergisst, möglicherweise die entscheidende Frage zu stellen: Was ist hier noch Realität und was bereits Inszenierung? Banksy - Exit Through the Gift Shop wandelt sich zusehends in eine ultracoole Medien-, Kunst-, und Zeitgeistsatire. Es ist die Geschichte eines Mannes, der eigentlich nichts konnte, aber einen Riecher fürs Geschäft hatte. Eine Geschichte über jemanden, der mit dem Allheilmittel der Informationskultur des noch jungen 21. Jahrhunderts, Copy & Paste, innerhalb kürzester Zeit Millionen scheffelte.
Ganz gleich, ob wahre Story oder Inszenierung in der Inszenierung, es bewahrheitet sich, dass in (reinen) Konsumgesellschaften, wie sich die westlichen Staaten präsentieren, es zuweilen reicht, die entscheidenden Instanzen zu bewegen, die Botschaft zu formulieren, dass eine bestimmte Sache derzeit absolut angesagt ist - schon wird eine Hypemaschinerie in Gang gesetzt, die kaum vorstellbar ist. Es ist wie ein Dominoeffekt aus dem Nichts, der die Massen dazu antreibt, an etwas "Größerem" partizipieren zu wollen. So werden über Nacht Stars erschaffen. Und das funktioniert in nahezu jedem Bereich, bei dem es nicht um eine real nachprüfbare Leistung geht (im Sport ginge das nicht, da ist Leistung sichtbar; dafür muss sich der Sport mit der Problematik des Doping herumschlagen).
Wenn erst die Community und der entsprechende Absatzmarkt geschaffen wurden, verkauft sich Schundliteratur wie geschnitten Brot, füllen schlafmützige Schmonzetten die Kinosäle und Kunst, die lediglich aus Altbekanntem zusammengeschustert wurde, findet ihren Weg in die wichtigsten Galerien. Banksy - Exit Through the Gift Shop richtet genau auf dieses absonderliche Phänomen den Fokus und vermag damit hoffentlich möglichst viele zu bewegen, auch mal selber kurz darüber zu reflektieren, warum ausgerechnet dies oder das präferiert wird und ob man noch wirklich nach seinem freien Willen handelt oder nur noch um (mit) dabei gewesen zu sein?