Nachdem Epen über bedeutende Dynastien derzeit nicht wirklich im Trend liegen, versuchen die Filmemacher auf anderen Wegen, einen Zugang zu diesem Thema zu finden. Das gelingt mal besser und mal weniger gut. I am Love siedelt sich in einer Mailänder Modedynastie an, besitzt aber von Beginn an kein Potenzial für eine wirklich fesselnde Geschichte. Stattdessen wird der Schwerpunkt auf künstlerische Inszenierung verlegt, deren Reiz aber kaum über die Zeit zu retten vermag.
Filmische Portraits mächtiger Familien üben meist einen hohen Reiz aus. Es ist ein Stückweit die Faszination der Macht an sich, die gefangen nimmt; ein Gefühl, das zwischen bewunderndem Entsetzen und lustvoller Abscheu anzusiedeln ist, stellt sich ein, wenn die Mächtigen, denen die Schicksale der einfachen Menschen völlig gleich sind, ihre Auftritte feiern. Anders lässt sich beispielsweise der Erfolg solcher TV-Serien wie Dallas oder Denver Clan nicht erklären. Ein bisschen möchte man vielleicht selbst dazu gehören, um einmal auch so viel Macht inne zu haben, auf der anderen Seite ekeln die Machenschaften der Finanzeliten einfach nur an.
Der Versuch, solche Geschichten auf ein Filmformat zu verdichten, ist allein schon durch die Begrenztheit der Zeit schwierig. Gleiches gilt für Literaturadaptionen wie Thomas Manns Die Buddenbrooks oder Isabel Allendes Das Geisterhaus. Ein erzählerischer Bogen, der sich über mehrere Jahrzehnte spannt, ist in wenigen Stunden Film nicht ohne weiteres abzubilden. Filme aber, die von Dynastien handeln und die epische Dimension außer Acht lassen, haben es da oft einfacher. Diese Produktionen konzentrieren sich meist auf die Intrigen und inneren Zerwürfnisse in den Hallen der herrschaftlichen Häuser und machen sie exemplarisch am Schicksal weniger fest. Zuletzt verzauberte damit die unkonventionell umgesetzte Geschichte über eine Pasta-Dynastie in Männer al dente.
Die italienische Produktion I am Love hat mit diesem lockerleicht-beschwingten und gleichsam tiefsinnig-melancholischen Film aber nur insoweit etwas gemein, als dass beide von besagtem epischen Bogen wenig Gebrauch machen und beide ein italienisches Patriarchat abbilden. Im Mittelpunkt in I am Love steht der Recchi-Clan, eine überaus einflussreiche Mailänder Modedynastie, in deren Reihen es keinen Platz für zweite Sieger gibt. In dieser Familie ist es regelrecht eine Selbstverständlichkeit, dass alle Recchi-Männer überall und stets den ersten Platz belegen. Sollte dennoch einer mit einer Silbermedaille nach Hause kommen, ist ihm der Spott der anderen sicher.
In diesem hohen Haus steht jeder unter enormem Leistungsdruck und einer schier fühlbaren Last streng konservativer Traditionen. Das gilt auch für Emma (Tilda Swinton), die das Oberhaupt der Familie heiratete und ihm drei Kinder schenkte. Obwohl sie alles Materielle besitzt, was man nur sein Eigen nennen kann, ist sie im Inneren unausgefüllt und von einer Unruhe angetrieben, ihrem Leben Impulse und einen tieferen Sinn zu verleihen. Als sie Antonio (Edoardo Gabriellini), den charmanten Freund ihres Sohnes kennen lernt, der ein meisterlicher Koch ist, fühlt sie sich stark zu ihm hingezogen. Auch er ist von der aparten Highsociety-Dame angetan. Wenig später bezirzt er erst ihren Gaumen und anschließend schreitet er zur kompletten Verführung. Doch die Romanze wird nicht ohne Folgen im Hause Recchi bleiben.
Augenscheinlich steckt in I am Love ein Effi Briest-Motiv: Die unglückliche Holde, verheiratet mit einem mächtigen aber gefühlsarmen Patriarchen, die durch ihr Aufbegehren gegen Konventionen verstößt. Was Theodor Fontane wegen des Sittsamkeitsempfindens seiner Zeit nur andeuten konnte, verharrt hier nicht in Zwischentönen. Wenngleich das schon das einzige ist, was zumindest ein wenig Leben in die sonst blutarme Geschichte befördert - und im Grunde immer noch ein furchtbar banales Motiv darstellt. Von seiner Story lebt I am Love aber nun wirklich nicht. Der Film macht keine Sekunde einen Hehl daraus, dass er reinstes Arthousekino ist. Erwähnenswert sind dennoch der Einsatz des Score, der Kamera, die Perspektivauswahl sowie der Einsatz von Licht und Schatten. Man muss aber schon gewillt sein, sich an so etwas über die ganze Dauer ergötzen zu wollen, denn anders als beispielsweise in Honig, sind die Bilder in I am Love nicht von einer berauschenden natürlichen Schönheit geprägt, sondern weisen eine eher künstliche Ästhetik auf. Im sterilen Ambiente des Interieurs der noblen Lebewelt der Recchis erinnert der Film zudem stark an Coco Chanel & Igor Stravinsky, der vor nicht allzu langer Zeit zu einer einschläfernden Art-Deco-Studie verkam. In seiner künstlerischen Komposition mögen sich zwar einige interessante Ansätze für extravagante Inneneinrichtungen finden, dennoch wird es ein äußerst zähes Unterfangen, einzig und allein damit über die Runden kommen zu wollen. Selbst wenn eine Tilda Swinton sich müht, die Show am Leben zu erhalten, bleibt I am Love somit unterm Strich ein eher spezielles Kinovergnügen.