Wer ich bin? Wollt Ihr das wirklich wissen? Was ich heute Nachmittag erlebt habe, ist nichts für schwache Nerven. Wenn Euch jemand sagt, es sei eine nette kleine Geschichte, wenn Euch jemand erzählt ich sei nur ein Durchschnittstyp der heute einfach so ins Kino ging, um irgendeinen Film zu sehen, dann hätte dieser jemand gelogen. Denn ich war heute in Spider-Man. Und um es mit einem einzigen Satz zu beschreiben: Der Film rockte das Haus! Regisseur Sam Raimi gelang es, eine Comic-Verfilmung zu kreieren, die einerseits dem Geiste ihrer Vorlage treu geblieben ist, andererseits jedoch eine komplette Neuschöpfung der Figur und dessen Geschichte in einem anderen Medium darstellt. Mit Spider-Man schuf Raimi ein Superhelden-Abenteuer, das sich definitiv nicht hinter den filmischen Ausflügen von Kollegen wie Superman, Batman oder den X-Men zu verstecken braucht und meines Erachtens zu den bis dato gelungensten Vertretern des Genre gehört.
Was macht Spider-Man im Vergleich zu all den anderen Superhelden zu etwas so besonderem? Wieso zählen Peter Parker und sein Alter-Ego bei Comiclesern in aller Welt zu den mit Abstand beliebtesten Figuren? Die Antwort ist simpel: Peter Parker ist im Grunde nichts weiter als ein ganz normaler Teenager, ein einfacher Junge mit alltäglichen Problemen, der nach einem kleinen Zwischenfall plötzlich außergewöhnliche Fähigkeiten entwickelt und vom Loser zum Superhelden mutiert. Sam Raimi unternahm beim Transfer der Figur vom Heft auf die Leinwand zwar einige Änderungen, behielt diese grundsätzliche Charakterisierung jedoch bei und schuf einen Helden mit dem man sich als Zuschauer weitaus besser identifizieren kann, als wie mit einem unfehlbaren Außerirdischen vom Planeten Krypton oder einem übermäßig cool in Szene gesetzten unterkühlten Vampir, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, seine Artgenossen niederzusäbeln.
Zu Beginn des Films erleben wir Peter als tollpatschigen High School Schüler, als ewigen Verlierer, der für den Großteil seiner Mitschüler nichts weiter als ein ideales Opfer für deren Scherze und Hänseleien darstellt. Bereits seit Jahren ist Peter unsterblich in Mary Jane, das bezaubernde Mädchen von nebenan verliebt, wovon diese allerdings nichts weiß, denn Peters Schüchternheit lies bisher nie mehr als ein paar belanglose Worte Small Talk zwischen ihm und seiner Angebeteten zu. Eines Tages ändert sich das Leben des Hobbyfotographen jedoch jedoch radikal. Während eines Schulausflugs wird Peter von einer genmanipulierten Spinne gebissen und durchläuft daraufhin einige körperliche Veränderungen, so ist er plötzlich in der Lage Wände hochzuklettern, große Distanzen zu überspringen, drohende Gefahren zu wittern und eine klebrige Netzflüssigkeit abzusondern. Mit sichtlicher Freude und Begeisterung macht sich Peter drauf und dran, seine neuen Fähigkeiten auszuprobieren, weist seine fiesen Mitschüler in ihre Schranken und ringt sich endlich dazu durch, seine geliebte Mary Jane anzusprechen. Doch es dauert nicht lange bis Peter feststellen muß, daß seine neuen Kräfte auch eine große Verantwortung mit sich bringen und so wird aus dem ehemaligen Nerd ein Superheld namens Spider-Man, der seine außergewöhnlichen Fähigkeiten zur Verbrechensbekämpfung nutzt.
Tobey Maguire, der in den vergangenen Jahren mit Filmen wie The Ice Storm, Gottes Werk und Teufels Beitrag oder Wonder Boys auf sich Aufmerksam machte, war meiner Meinung nach die ideale Wahl für die Rolle des Peter Parker. Es gelingt ihm bereits von der ersten Sekunde an, eine Beziehung zum Zuschauer aufzubauen, überzeugt sowohl als unbeliebter und unglücklich verliebter Teenager, wie auch als gereifter und durch das Schicksal geformter junger Mann, der seine Kräfte verantwortungsvoll einzusetzen weiß. Ihm gegenüber steht ein ebenfalls perfekt gecasteter Willem Dafoe als Spider-Mans Nemesis. Wie leicht hätte die Figur des grünen Kobolds ins Lächerliche abgleiten können, doch Dafoe verstand es, mit seiner gelungenen Performance einen Schurken zu kreieren, der trotz seines schrillen Kostüms und schrägen Auftetens einen ernstzunehmenden Bösewicht darstellt. Die Tatsache, daß es sich beim grünen Kobold nicht etwa um einen armen Irren handelt, der die Weltherrschaft an sich zu reißen versucht oder ähnliche utopische Pläne verfolgt, sondern lediglich um einen armen Irren, der sich an den Menschen rächen möchte, die seine berufliche Karriere und damit sein Leben ruinierten, trägt natürlich ebenfalls einiges zur Glaubwürdigkeit dieser Figur bei. Dank der ausgezeichneten Charakterisierung durch das dem Film zugrundeliegende Drehbuch und zweier äußerst talentierter Darsteller stehen sich in diesem Film also zwei vollwertige, dreidimensionale und glaubwürdige Figuren gegenüber, die nichtsdestotrotz das Comichafte ihrer gezeichneten Vorlagen an und in sich tragen.
Ein glückliches Händchen bewies Raimi auch bei den Nebendarstellern, angefangen von der bezaubernden Kirstin Dunst als Parkers große Liebe Mary Jane, über James Franco als Parkers bester Freund und Sohn des grünen Kobolds, bis hin zu den Oscarpreisträgern Cliff Robertson und Rosemary Harris, die als Peters sorgsamer Onkel Ben bzw. liebevolle Tante May zu sehen sind. Witzige Gastauftritte wie die von J.K. Simmons und Bruce Campbell runden das gut gewählte Ensemble gekonnt ab. Die Wahl der Schauspieler, insbesondere der Hauptrollen, ist ein sehr gutes Beispiel dafür, weshalb Spider-Man mehr ist, als nur ein weiterer schön anzusehender Popcornfilm. Sam Raimi legte bei der Adaption dieses Comics großen Wert auf die zugrundeliegende Geschichte, auf glaubwürdige Charaktere und auf eine schlüssige Handlung, anstatt sich mit einer bloßen Aneinanderreihung von beeindruckenden Stunts und Action-Sequenzen zu begnügen. In einer Zeit in der sich Actionfilme standardmäßig bereits in der ersten Szene offenbaren, in dem sie den Zuschauer mit einer möglichst spektakulären Eröffnungssequenz in ihren Bann zu schlagen versuchen, ist die klassische Einleitung und schrittweise Einführung der einzelnen Figuren in Spider-Man eine mehr als willkommene Abwechslung.
Dies bedeutet jedoch nicht, daß all diejenigen, die sich von Spider-Man auch eine gehörige Portion Eye Candy erhoffen, zu kurz kommen. Obwohl die Actionszenen in diesem Film eher dezent eingesetzt und stets der zugrundeliegenden Handlung untergeordnet sind, gibt es dennoch eine Menge Swinging und Kicking zu bestaunen. Zu den Highlights gehören sicherlich Peters Entdeckung seines neuen Spider-Sense und natürlich die Szenen, in den sich Spidy jauchzend durch die Straßenschluchten New Yorks schwingt. In diesem Zusammenhang muß man allerdings anmerken, daß die CGI-Effekte häufig ziemlich offensichtlich als solche zu Erkennen sind. Das ist zwar immer dann zu verschmerzen, wenn Spider-Man in voller Montur auf Verbrecherjagd geht, stößt dem Auge des Betrachters jedoch in den Szenen, in denen Tobey Maguire undressed animiert ist, doch ein wenig sauer auf, da es einen irgendwie aus dem filmischen Geschehen reißt und zu sehr von der Handlung ablenkt.
Zuletzt noch ein Wort zu den Änderungen, die Sam Raimi bei der Umsetzung des Comics auf die große Leinwand unternommen hat. Diese sind zwar zweifelsohne vorhanden, stehen jedoch stets im Dienste der Geschichte bzw. der filmischen Inszenierung. Fans der Comics regten sich zum Beispiel darüber auf, daß Spider-Man im Film seine Netzflüssigkeit plötzlich direkt aus den Armen aussondern kann, während er dies ursprünglich mit einer eigens angefertigten Apperatur bewerkstelligte. Durch diese kleine Änderung ersparte sich Raimi allerdings nicht nur die Erklärung, wann und wie Parker dieses technische Gerät entworfen haben soll, sondern liefert auch eine der witzigsten Szenen der ersten Filmhälfte ab, nämlich die, in der Peter verzweifelt herauszufinden versucht, wie der Auswurf seiner Spinnennetze wohl funktionieren mag. Raimi entickelte für seine Verfilmung eine eigene Chronologie, wobei er zwar stets die Comic-Vorlage im Hinterkopf behielt, sich jedoch nie zu sehr von ihr einschränken ließ. Zum Ergebnis kann man ihn nur beglückwünschen, denn die meisten seiner Enfälle sind äußert clever und verleihen dem Film eine gehörige Portion Witz und Charme. Im Zuge dessen bringt Saimi auch alle Zuschauer auf den selben Kenntnisstand und legt damit ein Fundament auf dem er in den Fortsetzungen aufbauen kann. Dies ist nebenbei bemerkt ein weiterer Pluspunkt des Films, er funktioniert sowohl als eigenständige Geschichte, wie auch als Einleitung zu einer ganzen Serie von Spider-Man-Filmen und daß dies nicht der letzte Einsatz des gelenkigen Superhelden war, dürfte spätestens seit dem gigantischen Einspielergebnis am Startwochenende sicher sein.