Eine simple Geschichte in einem komplexen Gewand. Genau so präsentiert sich die Independent-Produktion South, welche aus der Flucht eines gesuchten Bankräubers eine magische Reise zu einem mystischen Ort und zum eigenen Ich gestaltet. Intelligentes wie anspruchsvolles Kino, das dem Publikum einiges abfordert und dafür, über seine reine Bildästhetik hinaus, mit einigen rauschartigen Momenten belohnt. Leider aber, ohne komplett gefangen nehmen zu können. Gut und sehenswert ist South allemal. Das Prädikat kultverdächtig muss aber entfallen.
Der gut geplante Bankraub endet in einem Fiasko. Außer zwei Tätern sterben eine Reihe Unbeteiligter im Kugelhagel. Bruce, der letzte der Täter, ist flüchtig. Angeschossen befindet er sich auf dem Weg nach New York, um sich von den Auftraggebern auszahlen zu lassen. Danach möchte er gen Süden. Erst vor einigen Tagen erhielt er mit der Post ein Päckchen mit dem Tagebuch Marias, in dem sie lebhaft einen "magischen Orangenhain" in Südamerika beschreibt. Vor vielen Jahren existierte ein besonderes Band zwischen Maria und Bruce, doch dann verließ Bruce sie unvermittelt. Jetzt holt ihn dieses vergangene Leben schlagartig ein, und er fragt sich überdies, wie es Maria gelang, ihn ausfindig zu machen. Angesichts der Tatsache, dass er von der Bundespolizei gesucht wird, ist der Gedanke, sich dorthin zu flüchten und ein neues Leben beginnen zu können, zudem überaus verlockend.
Klingt alles in allem nach reichlich Potenzial für einen grundsoliden Thriller mit spannendem wie abwechslungsreichem Plot. Das österreichische Regisseurs-Gespann aus Gerhard Fillei und Joachim Krenn wollte aber mehr. Und deutlich mehr als durchschnittliche Thriller-Regalware ist South dann auch geworden: komplett im verwaschenen Schwarz-Weiß-Look, samt vielen Unschärfen, verwackelter Kamera und gewöhnungsbedürftigen Perspektiven, präsentiert sich die Produktion als allerbestes Independent-Kino. Atmosphärisch dicht, erzählerisch fordernd, hypnotisch und mit einem stimmungsvollen Score unterlegt, braucht der Film sich stilistisch überdies auch nicht hinter Werken von Jim Jarmusch und Co. zu verstecken.
Neben seinem offensichtlichen Film-Noir-Charakter, bei dem sich die Filmemacher von vielen Klassikern der 1950er und 60er Ära inspirieren ließen, birgt South mit seiner durchaus verworrenen Handlung gleich in mehrfacher Hinsicht etwas, was durchaus als Form eines metaphysischen Trips angesehen werden kann. Der Protagonist befindet sich nicht nur auf der Flucht vor Polizei und FBI, er pilgert regelrecht zu einem magischen Ort, angetrieben von einer kaum vorstellbaren Sehnsucht. Auf dieser Reise hinterfragt er seine komplette Identität. In dieser Hinsicht - mit all den mystischen Motiven der Ich-Findung - erinnert der Film sehr an die literarischen Werke des kolumbianischen Weltbestseller-Autors Gabriel Garcia Márquez, wenn ihm auch die erzählerisch spielerische Leichtigkeit fehlt.
Lässt man sich auf die Geschichte ein, entfaltet sie streckenweise eine spürbare Sogwirkung, auch wenn es nicht immer leicht fällt, dem Geschehen zu folgen. Die immer wieder eingestreuten und mit der Zeit deutlicher werdenden Flashbacks sorgen zwar im Verlauf der Handlung, ähnlich einer Spiegelgeschichte, sich der Auflösung Schritt für Schritt nähern zu können, unterbrechen die eigentliche Geschichte aber anderseits ein ums andere Mal und machen es somit nicht leichter, in diesem leicht surrealen Puzzle die Teile richtig zuzuordnen. Wer mag, kann überdies in South auch eine psychologische Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt und der Wirkung von verdrängten Traumata finden. Vorhanden sind diese Elemente sicherlich. Allerdings wird nicht wirklich tief in diese Gefilde hinabgestiegen, als dass es lohnen würde, den Film explizit aus diesen Blickwinkel zu betrachten.
Trotz seiner intelligenten wie unkonventionellen Art der Inszenierung, springt der Funke dieser magischen Reise somit nur phasenweise komplett über. Zu sehr wurde sich möglicherweise auf die reine Optik konzentriert und dabei vergessen, den Charakteren mehr Seelenleben einzuhauchen. So bleibt es nicht aus, dass South mitunter etwas steril wirken kann. Freunden unkonventioneller Neo-Noir-Thriller, wie es Memento oder Insomnia - Schlaflos waren, darf South aber durchaus ans Herz gelegt werden.