Wann immer Filme parabelhaft zulaufen, scheinen damit oftmals auch ein moralischer Appellativ oder zumindest ein pädagogisches Statement einherzugehen. Zuweilen kann das altklug wirken. Der isländische Regisseur Dagur Kári schickt in seiner Trinkermilieu-Ballade Urgestein Brian Cox und Newbie Paul Dano für eine kurze Zeit filmisch gemeinsam auf die Reise des Lebens und führt damit zwei gegensätzliche Randfiguren und Antihelden par excellence zusammen. Kurioser Streifen, der nicht durchgängig überzeugt, aber seine ganz besonderen Momente hat.
Lucas (Paul Dano) ist eigentlich zu gut für diese Welt. Er hat ein Herz aus Gold, doch den härten des Lebens ist er nicht gewachsen. Kein Wunder also, dass er durchs System rutscht und auf der Straße landet. Ohne Perspektive und Hoffnung auf ein besseres morgen, entschließt er sich seinem Leben ein Ende zu bereiten. Mit aufgeschnittenen Venen landet er im Krankenhaus. Die Ärzte und das Pflegepersonal dort flicken ihn nicht nur medizinisch zusammen, sondern bemühen sich darüber hinaus, dem jungen Mann auch psychisch etwas auf die Beine zu helfen.
Kurz bevor er wieder entlassen wird, lernt Lucas im Krankenhaus Jacques kennen. Ihn führt sein fünfter Herzinfarkt in die Klinik. Jacques hat das Leben hart gemacht. Er ist das genaue Gegenteil von Lucas: ein Gift und Galle speiender Misanthrop. Trotzdem verstehen sich die beiden gut. Lucas wird vor Jacques entlassen und schläft bereits wieder unter einer Brücke in einem großen Karton, als Jacques ihn dort aufsammelt und ihm den Vorschlag macht, bei ihm zu wohnen - möglicherweise die erste gute Tat des Menschenhassers seit Jahrzehnten. Seine Zuwendung ist aber an Bedingungen geknüpft: Jacques ist Inhaber einer kleinen Bar in einer Seitenstraße New Yorks. Lucas soll bei ihm arbeiten und alles Notwendige über die Führung der Bar und das Leben im Allgemeinen lernen, um eines Tages den alten Miesepeter beerben zu können. Eine Zeitlang läuft alles gut, bis eine schöne Unbekannte die Bar betritt und Lucas sich in die Fremde Hals über Kopf verliebt.
Für eine Ode an den Trinker wird in Ein Gutes Herz augenscheinlich viel zu wenig getrunken. Es ist vielmehr ein Buddy-Movie, der Entwurf eines ebenso bitteren wie zynischen Portraits und eine Quest nach der Menschlichkeit in einer verhärmten Welt. Ein alter einsamer Mann erkennt, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt und entscheidet sich, sein Wissen und das was er im Leben als maßgeblich ansieht, jemandem weiterzugeben. Dafür sucht er sich geradewegs das unwahrscheinlichste Geschöpf aus, das man sich vorstellen mag: Einen Jungen, der derart unschuldig wirkt, dass man zuweilen meint, er wäre gerade erst auf die Welt gekommen. Vielleicht entscheidet er sich eben deswegen für den jungen Lucas. Möglicherweise entdeckt er einiges von sich in dem Jungen, zumindest etwas wie er früher möglicherweise selbst einmal war und meint, er müsse ihn beschützen.
Auf dem ersten Drittel dieses kleinen skurrilen Streifens vermeint man ein tiefgründiges böses Meisterwerk zu erleben, dieser Eindruck verflüchtigt sich aber ebenso schnell wie er gekommen war. Zwar sorgen die defätistischen Marotten des alten stets für halberstickte Lacher und seine pädagogischen Plattitüden schneidern maßgenau das Bild eines Menschen, der nichts anderes als Vorsicht, Misstrauen und Egoismus lernte. Das alles entbehrt aber eines sinnigen Rahmens, in den sich die Handlung einfügen könnte. So beginnt nach einer Weile die Story zerfahren zu wirken und das Behelfskonstrukt, das nun völlig unmotiviert zur Stütze eingebaut wird, ist eben zu offensichtlich Handlungskrücke. Der Handlungsbogen mit der Unbekannten, die unvermittelt in das Leben der beiden schneit und alles durcheinanderbringt, wirkt derart übers Knie gebrochen, dass man sich wünscht, dem Regisseur, der auch das Drehbuch schrieb, wäre Eleganteres eingefallen, um die Geschichte voranzutreiben.
An Kraft verliert der Film überdies wegen der beharrlichen Bestrebung, auch noch dem Letzten begrifflich zu machen, dass der fiese Alte nicht wirklich derart unmenschlich ist, sondern das Leben, das er führte, ihn einfach seine Menschlichkeit hat lange vergessen lassen. Um dies zu unterstreichen existiert auch ein Ort, an dem Jacques am liebsten leben würde - und dort wäre er ganz wundersam auch ein anderer Mensch. Brian Cox kann man diese Schwächen nicht ankreiden. Der Mime, der schon viele Bösewichter und schmierige Typen verkörperte, liefert eine überragende Performance ab und Paul Dano gibt sich in der Rolle des weichlichen Lucas ebenfalls keine großen Blößen.
Das überaus bittere Ende birgt in Verbindung mit dem Epilog zwar erneut einiges einer Botschaft im Stile Lebe jeden Augenblick als wäre es der letzte und Nichts geschieht ohne tieferen Sinn, aufgrund seiner präzisen Nüchternheit schließt es qualitativ aber eher an das erste Drittel des Filmes an. Damit entsteht zwar insgesamt ein unausgewogenes Bild, doch bleiben immer noch einige Glanzpunkte, die durchaus einen Kinobesuch lohnen könnten.