Als George Mallory gefragt wurde, warum er den Mount Everest besteigen wolle, antwortete der Engländern simpel: "Weil er da ist". Bei einem seiner Versuche ließ Mallory dann 1924 sein Leben, wie auch zuvor und seither Menschen den Kampf gegen Berge mitunter verlieren. Extremsportler Gerald Salmina fing mit seinem Film ein solches Unterfangen ein und präsentiert nach holprigem Start eine beeindruckende Dokumentation.
"You're nuts", ihr seid verrückt, sagt Jon Johnston nicht nur ein Mal während Mount St. Elias zu seinen österreichischen Skialpin-Kollegen Alex Naglich und Peter Ressmann. "Stop bitching around", entgegnet ihm Naglich dann nonchalant mit seinem Schwarzeneggerartigen Akzent. Jon solle nicht rumzicken. Im bajuwarisch-österreichischen Raum ticken die Uhren anders, wenn man sich Naglich und Ressman hier oder ihre bayrischen Extrem-Kletterer Kollegen, die "Huberbuam" Alexander und Thomas Huber - bekannt durch den Dokumentarfilm Am Limit -, anschaut. Dabei scheinen zwei Österreicher, die einen 5.489 Meter hohen Berg mit Skiern hinunterfahren wollen, in der Tat verrückt.
Der betreffende Berg ist der St. Elias, relativ gesehen der höchste Berg der Welt, ragen doch "nur" 3.500 der 8.848 Meter des Mount Everest aus dem Hochland heraus. Der Mount St. Elias hingegen, der zweithöchste Berg der USA und Kanada, erstreckt sich in voller Pracht vom Meeresspiegel bis zum Gipfel. 1741 entdeckte ihn Vitus Bering, rund 150 Jahre später, am 31. Juli 1897, wurde er zum ersten Mal durch Prinz Luigi Amadeo von Savoyen bestiegen. Es sollten fünfzig Jahre vergehen, ehe es 1946 erneut zu einer Besteigung kommen würde. Aus dem einfachen Grund, dass es kein Kinderspiel ist, "The Unmerciful", den "Gnadenlosen", zu besteigen. Aufgrund seiner Nähe zum Meer herrschen hier, im Südosten Alaskas an der Grenze zum Yukon Territory, furchtbare Wetterverhältnisse. Das mussten auch die US-Amerikaner Aaron Martin und Reed Sanders im April 2002 feststellen, als sie bei starkem Schneefall ihr Leben ließen.
Die Amerikaner hatten dasselbe versucht, wie fünf Jahre später nun Naglich und Co. Sie wollten vom Gipfel die längste schneebedeckte vertikale Linie der Welt auf Skiern zurücklegen. "Wer stürzt, ist tot", weiß Naglich, der im wirklichen Leben Architekt ist. Das Abfahren auf vereistem Schnee bei Gradwinkeln von bis zu 80 Grad verlangt den Skialpinisten höchste Konzentration ab. Und, wie es sich beim Bergsteigen gehört: bedingungslose Zuverlässigkeit der Nebenleute. Wenn also Naglich und Ressmann ein ums andere Mal miteinander auf Deutsch sprechen, lässt sich der Ärger von Johnston nachvollziehen, der ziemlich offensichtlich bereut, sich auf die wahnwitzige Aktion eingelassen zu haben. Wieder und wieder stürzen sich die zwei Österreicher fast blindlings ins Berggefälle. Vereiste Strecken, mögliche Steinstürze und eingeschneite Biwaks - Naglich begegnet all dem mit einem müden Schulterzucken.
Regisseur Salmina fängt die mehrmonatige Mission der Männer mit grandiosen Bildern ein. Seien sie aus dem Helikopter oder von den Kameramännern Günther Göberl und Beat Kammerlander direkt an den Hängen. Allein wegen seiner großartigen Aufnahmen ist Mount St. Elias den Kinobesuch wert, entfalten sich Salminas Bilder in ihrer ganzen Schönheit doch erst auf der großen Leinwand. Und dass es dem Regisseur gelingt, noch die Kurve zu kriegen, ist eine nicht minder beachtliche Leistung. Denn der Anfang seines Dokumentarfilms wirkt reichlich misslungen. In großen coolen Lettern knallt da, lautmalerisch unterstützt vom Sound, die Mitteilung "Based on True Events" ins Bild, wie man sie plakativer noch nie erlebt hat. Auch die rockige Musik, mit der Salmina die ersten Abfahrten von Naglich und den anderen unterlegt, will irgendwie so gar nicht passen. Erst nach einer halben Stunde finden die Bilder ihren passenden Rahmen, wird die spannende Atmosphäre von Klavierstücken begleitet, statt der E-Gitarre.
Parallel zum Geschehen stellt Salmina dann nachgestellte Szenen und Interviews zu der Tragödie von 2002, die Skiflugzeugpilot Paul Claus damals miterlebt hat. Es sind stets dieselben Bilder: Das Abstürzen des Amerikaners im Schneetreiben, die in den Schnee getrampelte Nachricht "2 Tote" der Überlebenden, die Claus damals von seinem Flugzeug aus las. Die dramaturgischen Beweggründe lassen die Redundanz der Bilder verzeihen, allerdings hätte Salminas Film ebenso gut auf sie verzichten können. Letztlich hält sich die Spannung in Mount St. Elias jedoch in Grenzen, erwartet man natürlich keineswegs, dass eine der beteiligten Personen abstürzt und stirbt. Dennoch bietet der Film genug Material, um den Zuschauern mitfiebern zu lassen und bisweilen, wenn auch wohl eher ungewollt, zum Lachen zu bringen, wenn Naglich - dessen Abenteuer von Red Bull gesponsert wurde, was er mit einem kräftigen Schluck Red Bull vor seiner Besteigung honoriert - Johnston hier und da etwas gefühlskalt anpflaumt.
Am Ende haben die Männer nicht exakt das erreicht, was sie wollten, aber dennoch obsiegt. Der grandiose Blick vom Gipfel dauert lediglich zehn Minuten, im Vergleich zu den fünf Stunden, die sie an jenem Tag für den Aufstieg gebraucht haben. Ein kurzes Schwenken der Nationalflagge, dann geht es auf den Skiern wieder abwärts. "Hier wird bei diesen Bedingungen sobald niemand mehr herunterfahren, mich eingeschlossen", sagt Naglich hinterher. Ein kurzer Triumph, insbesondere für Peter Ressmann, der am 28. Mai dieses Jahres aufgrund einer kleinen Unachtsamkeit bei einem routinemäßigen Abseilen in den Salzburger Bergen tödlich verunglückte. "Wer stürzt, ist tot" - eine traurige Wahrheit.