Opern für den Kinosaal tauglich zu machen, ist eine ganz spezielle Angelegenheit. Wie das Theater lebt auch die Oper von der greifbaren Nähe der Akteure, aber noch viel wichtiger als beim Theater ist der raumfüllende Klang. Etwas, womit selbst moderne digitale Surroundsysteme zuweilen ihre Probleme haben, wenn sich manch eine Arie in extreme Höhen schwingt. Mit der Adaption von La Bohème gelang vor einiger Zeit eine passable, doch klassisch bühnenähnliche Umsetzung. Der Freischütz zeigt sich weitaus höher ambitioniert, macht aber im Spagat zwischen Film und Oper keine optimale Figur.
Der Freischütz gilt als die erste deutsche Nationaloper schlechthin. Ihre Wurzeln gehen bis in das Jahr 1730 zurück. Maßgeblich für den Inhalt ist aber das 1811 erschienene Gespensterbuch. Nach mehreren Überarbeitungen des Stoffes gelangt das Stück am 18. Juni 1821 im Königlichen Schauspielhaus Berlin zur Uraufführung. Die Geschichte handelt vom jungen Jäger Max (Michael König), den das Jagdglück und seine Zielsicherheit verlassen haben. Eigentlich hatte er vor, Agathe (Juliane Banse), die Tochter des Erbförsters, zu heiraten. Dafür gilt es aber eine Hürde zu nehmen: Beim sogenannten Probeschuss muss er seine Eignung als Schwiegersohn und zukünftiger Erbe unter Beweis stellen. Aus Angst zu versagen, hört er auf seinen Kameraden Kaspar (Michael Volle), der mit okkulten Mächten im Bunde ist.
Es ist eine Art Horrorgeschichte, ein deutsches Vor-Gothic-Novel und besitzt auch ganz eindeutig faustische Züge. Um dem alten Brauch des Probeschusses nachkommen und seine Liebste ehelichen zu können, vertraut sich Max seinem zwielichtigen Kumpanen an. Der beschwört Samiel (Samael), einen gefallenen Engel der jüdischen Mythologie (vor dem Fall der Engel des Wissens, der noch über den Seraphin, dem höchsten Engelsrang thronte), um die jeweils siebte Kugel zu segnen, so dass jeder Schuss damit nie das Ziel verfehlt.
Carl Maria von Weber gilt als Komponist der Romantik. Allerdings wurde seinerzeit unter Romantik nicht unbedingt genau das gleiche wie heutzutage verstanden. Obwohl im Kern der Handlung eine Liebesgeschichte steckt, ist es ebenfalls eine reichlich morbide Gruselgeschichte. Die Adaption fürs Kino zeigt sich großambitioniert. Anders als bei La Bohème, dessen Bühnencharakter in der Kinoinszenierung nur wenig angetastet worden war, wurde Der Freischütz an Originalschauplätzen in Sachsen gedreht und präsentiert sich mit reichlich Außendrehs. Die Kunst war es, dabei die Opulenz der klassischen Vorlage für den Film zu erhalten.
Rein filmisch erinnert die Produktion an einen der üblichen Kostümfilme - mit dem Unterschied, dass eben gesungen wird. Zum prominenten Sängerensemble zählen Juliane Banse, Franz Grundheber, René Pape, Michael König und Michael Volle. Die Musik wurde in den berühmten Abbey Road Studios mit dem London Symphony Orchestra eingespielt. Die gesangliche und musikalische Qualität zu beurteilen, bleibt aber letzten Endes einzig dem Opernfreund belassen. Als Film muss sich die Inszenierung dennoch anderen Kriterien stellen und in diesem Punkt kann die Leistung nicht vollends überzeugen. Bild- und Szenenmontage wirken oft holprig. Die üblichen Stilmittel, wie das Spiel mit der Tiefenschärfe, Perspektivwahl, Schnitt und der Wechsel zwischen Halbtotalen und Closeups, wirken manchmal wie aufs Geratewohl eingesetzt. Gleich so, als würde man aus einer Liste wählen und das eine oder das andere ausprobieren. Der Clou ist aber der Einsatz von Special-Effects-Mitteln, die unfreiwillig an Disney-Produktionen der 1980er Jahre erinnern. Davon hätte man besser ganz die Finger gelassen.
Wie im Vorfeld schon erwähnt sind Opern-Inszenierungen fürs Kino sehr speziell und Der Freischütz ist nicht gerade ein locker-leichter Stoff, der Opern-Unerfahrenen diese Welt ohne weiteres zugänglich machen könnte. Dass der gewöhnliche Cineast dank solcher Adaptionen nun zum Opern-Fan mutiert, ist also weitestgehend auszuschließen. Für die Liebhaber der Oper, die nicht immer viele Euros zahlen wollen, um diese Werke auf der Bühne genießen zu können, mag aber der Gang ins Kino, zu einem Bruchteil einer Opernkarte, eine durchaus lohnenswerte Alternative sein.