Am bitterkalten Heiligabend prallen in dem norwegischen Dorf Skogli verschiedene Schicksale auf einander. Ein ehemaliger Fußballer hat kein Geld für die Reise zu den Eltern, ein Arzt bringt ein Kind zur Welt, ein Junge will nicht zum verlogenen Weihnachtsessen nach Hause. Ein Vater will unbedingt seine von ihm getrennten Kinder beschenken und eine Frau kommt zu der Erkenntnis, dass ihr der verheiratete Liebhaber beim Finden der Liebe im Weg ist. Bent Hamer, norwegisches Regie-Ausnahmetalent, sinniert in seiner episodischen Tragikomödie Home for Christmas über die moralischen Werte von Weihnachten nach.
Mit Eggs (1995) machte sich der Norweger Bent Hamer international sofort einen Namen als eleganter Erzähler skurriler Geschichten. Die Geschichte zweier 80-jähriger Brüder stand nicht nur in der grandiosen, skandinavischen Erzähltradition. Sein lakonischer, getragener Humor schlug auch eine Brücke zu den Filmen von Aki Kaurismäki. Mit Kitchen Stories und O' Horten erreichte er das breite internationale Publikum und verfeinerte seine Kunst, Lustiges widerspruchsfrei direkt neben Ernstes stellen zu können.
Deshalb durfte man gespannt sein, wie eine Weihnachtsgeschichte à la Hamer aussehen würde, als der Norweger sein neuestes Werk Home for Christmas auf verschiedenen Festivals vorstellte. Hamer hat den Episodenfilm nach Kurzgeschichten von Levi Henriksen zusammengestellt. Und eine Überraschung war es dann auf jeden Fall. Nicht jeder konnte sich damit anfreunden, manche waren nur irritiert und so mancher reagierte gar pikiert. Der Schöpfer von Factotum dürfte viele seiner Fans gar auf dem falschen Fuß erwischen. Ein Erfüllungsgehilfe der Erwartungen war Hamer noch nie. Seine Version eines Heiligabend im hohen Norden versteht sich als sarkastischer Kommentar auf die Werte, die mit diesem kirchlichen Feiertag verbunden sind.
Das beginnt im Kosovo bei einem kleinen Jungen, der auf einem Fabrikgelände nach einem Christbaum sucht. Er gerät ins Visier eines Scharfschützen. Ein Knall wie Schuss blendet über ins verschneite bürgerliche Dorf Skogli, wo sich die Menschen auf den besinnlichen Abend vorbereiten.
Familienvater Paul (Trond Fausa Aurvag) holt sich Rat und Chloroform von seinem Bruder, dem Arzt Knut (Fritjof Saheim). Pauls Frau hat ihn zuhause rausgeschmissen und der Nebenbuhler ist bereits eingezogen. Doch Paul will unbedingt seinen Kindern die Geschenke bringen, auch wenn er sonst ein Loser ist. Knut hingegen hat Notdienst, mit Bedacht. Eigentlich will er nicht mit seiner Frau Elise Weihnachten verbringen, seit zwischen ihnen ein Konflikt um die Familienplanung schwelt. Später wird Knut von einem illegalen Pärchen aus dem ehemaligen Jugoslawien beeindruckt sein, das seiner Hilfe bedarf.
Schüler Simon (Joachim Calmeyer) hat keine Lust, nach Hause zum Festtagsessen zu gehen. Das Familiengezeter um Weihnachten geht ihm auf den Senkel. Er trifft auf seine Schulkameradin Bintu (Sarah Bintu Sakor), deren Familie auch nicht feiert. Sie sind Muslime. Derweil muss Karin nach leidenschaftlichem Sex mit Simon (Joachim Calmeyer) feststellen, dass dieser seine Ehefrau wohl nie verlassen wird und auch nicht daran denkt, das Fest mit ihr zu verbringen. Auch Jordan (Reidar Sorensen) ist in der Nacht unterwegs. Der obdachlose ehemalige Fußballer wurde auf dem Weg zu seinen Eltern aus dem Zug geworfen, weil er keine Fahrkarte hatte. Nun lungert er in der Eiseskälte herum und trifft zufällig auf seine große Jugendliebe, die mittlerweile als Christbaumverkäuferin arbeitet...
Noch enger als zuvor stellt Bent Hamer Freud' und Leid nebeneinander. Sein melancholischer Exkurs beschwört die Werte, die mit der Stillen und Heiligen Nacht in Verbindung gebracht werden. Dabei spielt er durchaus mit den weihnachtlichen Konventionen, wenn er gefühlsduselige Bilder wie die "Heilige Familie" kreiert, die er dann subversiv konterkariert. Da erweist sich zum Beispiel die Mutter des frischgeborenen Kindes als jene Scharfschützin aus dem Kosovo. Oder Papa Paul, der als Weihnachtsmann den Nebenbuhler im Stall ganz unchristlich überwältigt.
Hamer inszeniert teilweise hart am Kitsch, fast ein wenig an Pierre et Gilles erinnernd. Am Ende gibt er sich tatsächlich versöhnlich, wohl er letztlich das Ideal der Weihnacht höher schätzt als die Nüchternheit, mit der er die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit betrachtet. Dabei helfen ihm die durch die Bank großartigen Darsteller, die diesem nicht leichten Unterfangen die notwendige Bodenhaftung verleihen. Sie fügen den weich beleuchteten Schneelandschaften und blitzsauberen Innenansichten der Magazinidylle die notwendige Lebendigkeit bei, um die Vision nicht zu bloßen Stillleben verkommen zu lassen.
Schon in O' Horten entzog sich Hamers Inszenierungskonzept der vordergründigen Rezeption. Tragik, Drama und Komik vermischen sich zu einem melancholischen Aufruf, das festliche Innehalten, ja selbst die christliche Einkehr ja nicht als Selbstzweck zu verstehen. Das Leben, das Leiden und auch die Liebe kennen keine Pause. Wenn der Arzt Knut aus der Erfahrung der Geburt für sich den Sinn der Familie entdeckt, die Schützin Erbarmen hat und die Geliebte zu sich selbst findet, drückt der Filmemacher seine Hoffnung auf eine Zukunft aus. Auch wenn dies manch einem als Trost nicht ausreichen mag.