Problembeladen aber nicht problemüberladen und gewürzt mit der nötigen Mischung an britischem Humor - das ist der neue Film von Mike Leigh. Nachdem sich der 1943 in der Nähe von Manchester geborene Filmemacher in seinem letzten Film Happy-Go-Lucky der Generation um die 30 gewidmet hat, wendet er seinen Blick nun deren Eltern zu. Another Year thematisiert einfühlsam Aspekte wie Einsamkeit im Alter und enttäuschte Erwartungen - und nimmt sich dafür sehr viel Zeit.
Janets Trotz kennt keine Grenzen. Man sieht das in ihrem Gesicht, vor allem in ihren Augen. Und man hört es, wenn sie spricht. Schnell ist klar, dass die Schlaflosigkeit, wegen derer sie zum Arzt gegangen ist, nicht ihr eigentliches Problem ist, sondern nur ein Symptom ihres Problems: einer tiefen Depression. Aber das erkläre einmal einer dieser stolzen britischen Hausfrauen, die sich vom Leben nicht unterkriegen lassen will und die sich noch weniger von anderen sagen lassen möchte, was sie wie zu tun hat. Selbst eine geübte Psychologin wie Gerri (Ruth Sheen) hat kaum Chancen, zu ihr durchzudringen.
Der mit viel Mut zu Langsamkeit inszenierte Auftritt von Imelda Staunton (Oscar-Nominierung für Vera Drake im Jahr 2005) führt den Zuseher zu Beginn von Another Year eigentlich auf eine falsche Fährte. Denn Janet wird im weiteren Verlauf des gut zwei Stunden langen Filmes nicht mehr auftauchen, sie ist - so hat es der Regisseur Mike Leigh selbst formuliert, nur der "emotionale Prolog" zu dem, was kommt. Und doch: so falsch ist die Fährte nicht, auf der sich der Zuseher wiederfindet. Bei dieser äußerst britischen Tragikomödie geht es um die Last des Alters, um enttäuschte Erwartungen und um Einsamkeit, um den täglichen Kampf mit dem eigenen Selbstbild, eingefangen durch immer wiederkehrende lange Kameraeinstellungen auf gezeichnete Gesichter.
Ein Jahr lang, in vier jahreszeitliche Episoden unterteilt, begleitet der Film Gerri und ihren Ehemann, den Geologen Tom (Jim Broadbent, Harry Potter und der Halbblutprinz) sowie die "Privatpatienten" des Paares. Verliebt wie am ersten Tag, leben Tom und Gerri - Zeichentrickfans dürfen an dieser Stelle schmunzeln - ohne Anzeichen von Zwist in einem Mikrokosmos der Harmonie, in den immer wieder Menschen vorstoßen, denen es nicht gut geht. Da ist Gerris Arbeitskollegin Mary (Lesley Manville), die in jeder Hinsicht tollpatschig und frustriert durch ihr Leben taumelt und es zuweilen auf die Spitze treibt, wenn sie allzu verzweifelt um Tom und Gerris Sohn Joe wirbt. Dieser, Patient Nummer zwei, wartet auf das Liebesglück, während die Freunde um ihn herum nach und nach alle in den Hafen der Ehre einfahren. Joe hält sich seinen Eltern gegenüber verschlossen, ganz anders als Toms alter Kumpel Ken (Peter Wight, Hot Fuzz - Zwei abgewichste Profis, der nicht ohne Grund T-Shirts mit der Aufschrift "Less thinking - more drinking" trägt. Mit einer vom Alkohol gelockerter Zunge beschwert er sich über sein trauriges Dasein und bemüht sich vergeblich um Mary, die so verzweifelt dann doch nicht ist, dass sie sich mit einem versoffenen Verlierer abgeben möchte. Schließlich ist da noch Toms älterer Bruder Ronny (David Bradley, ebenfalls bekannt aus mehreren Harry-Potter-Filmen), der nach dem Tod seiner Frau keine Perspektive mehr sieht und ohnmächtig dem Zorn seines verlorenen Sohnes Carl (Martin Savage) gegenüber steht.
Was sich wie die Handlung eines überlangen Problemfilms anhört, stellt sich beim näheren Betrachten zwar als problembeladen, aber nicht problemüberladener Blick auf die Wirren des Alters heraus, der - anders wäre es wohl nicht zu ertragen - auch seine humorvollen Momente hat. Regisseur Leigh, der sechsmal für den Oscar nominiert war (zuletzt 2009 eben für Happy-Go-Lucky) gehört selbst zum älteren Eisen. Er ist 1943 geboren. Mit vielen seiner Darsteller arbeitet er seit vielen Jahren zusammen, ist gewissermaßen mit ihnen weiß und weise geworden. Insofern ist der Film in gewisser Hinsicht durchaus selbstreferenziell. Für das jüngere deutsche Publikum dürfte es nicht einfach sein, einen Zugang zu Another Year zu finden. "Immer diese Jungen", beschweren sich die einst wilden Angehörigen der Love-and-Peace-Bewegung, als sie sich über die Lautstärke und Intoleranz der Jugend von heute beschweren. Doch eine gewisse Liebenswürdigkeit können, bei aller Distanz, auch eben jene angesprochenen jungen Menschen diesem Film nicht absprechen.