Wenn die Frage nach einer romantischen Stadt aufkommt, gehört Paris meist zu den Favoriten. Nicht umsonst nennt man die französische Metropole die Stadt der Liebe. Das taiwanesische Taipeh käme diesbezüglich nicht ohne weiteres in den Sinn. In dieser rastlosen ostasiatischen Millionenstadt siedelt Arvin Chen seine Geschichte an, die ein turbulenter Mix aus Romanze, Gaunergroteske, Abenteuergeschichte und Thriller ist, in deren Mittelpunkt Kai steht, der die Liebe vor seinen Augen nicht erkennt, da seine Sehnsucht in die Ferne schweift. Au revoir Taipeh ist ein wilder Trip durch die Nacht, charmant erzählt und mit schrägem Humor gekrönt.
Taipeh ist eine rastlose Stadt, hektisch, pulsierend, nie zur Ruhe kommend. Für Kai (Jack Yao) ist das alles derzeit ziemlich belanglos. Seit seine Freundin nach Paris zog, lebt er mechanisch vor sich hin. Entweder er hilft in der Suppenküche, die seine Eltern betreiben oder hängt stundenlang in einer Buchhandlung herum und versucht sich selbst Französisch beizubringen; er träumt davon, nach Paris zu fliegen und seine Freundin zu überraschen. Dass ihn seit Wochen Susie (Amber Kuo), die süße, aber einsame Buchhändlerin anschmachtet, während er in einer Ecke hockend, versucht französische Vokabeln zu lernen, fällt ihm lange Zeit nicht auf.
Die Situation spitzt sich für Kai zu, als seine Freundin in Paris mit ihm am Telefon Schluss macht. Jetzt will er erst recht nach Frankreich. Er glaubt, wenn er persönlich hinfliegt, kann er seine Liebe retten. Um an das Geld für ein Ticket zu kommen, wendet er sich an Bruder Bao (Frankie Gao), einen alten Freund der Familie, der zugleich einer der lokalen Paten ist. Bruder Bao, der Kai versprach, dass sich dieser wenn er Schwierigkeiten hat, an ihn wenden kann, hält Wort; erst kürzlich hat er selbst noch einmal die große Liebe gefunden und bringt somit Kais Situation großes Verständnis entgegen. Bao hat nur eine kleine Bitte: Bevor Kai zum Flughafen fährt, soll er noch ein Päckchen ausliefern.
Es dauert ein paar Augenblicke bis man sich in die Story und das exotische Flair der Millionenstadt eingefühlt und sein Oberstübchen einige Level hochgefahren hat; schließlich wird der erste Eindruck einer kitschigen Romanze schnell pulverisiert und die durchaus komplexe, aber nie überbordende Handlung zieht einen mitten hinein, in ein nächtliches, schwärmerisches Abenteuer quer durch Taipeh. Tatsächlich fällt es aber nicht immer leicht zu folgen: Kais Romanze ist nur eine der Geschichten, die sich fast alle in irgendeiner Form um die Liebe drehen. Drumherum entspinnt sich aber noch ein kunterbunter Reigen.
Kais bester Freund ist ebenfalls verliebt. Er arbeitet in einem Shop, und eine seiner Kolleginnen hat es ihm sehr angetan. Er traut sich aber nicht, ihr das zu offenbaren; Susie ist indes in Kai verschossen, er hat aber nur Paris und seinen Verflossene im Sinn; ein Polizist, der hinter dem Päckchen und Bruder Gao her ist, steckt zeitgleich mitten in einer Ehekrise und droht seine Frau zu verlieren; und besagter Gao hat sich in seinem reifen Alter gleich dermaßen verliebt, dass er sich aus allen illegalen Geschäften zurückziehen will, um die verbliebene Zeit mit seiner Liebsten genießen zu können.
In diesem ganzen (Liebes-)Kuddelmuddel versteckt sich zudem noch eine wirklich witzige kleine Gangsterstory, die natürlich mit dem mysteriösen Päckchen zusammenhängt und selbstverständlich ihren ganz eigenen, zuweilen aber bizarren Charme entfaltet. Die Hatz nach dem Päckchen führt alle Haupt- wie Nebenfiguren quer durch Taipeh, das sich dabei ganz beiläufig von allen seinen unterschiedlichen Seiten ablichten lässt: lebendig, pulsierend und romantisch wie auch zwielichtig und düster.
Hinreisend schräger Höhepunkt dieser Geschichte ist nicht zuletzt eine Bande junger Ganoven, die sich alle in knalligem Orange kleiden, deren Gangsterkarriere bisher aber kaum über Kiosküberfälle hinausreichte. Überflüssig zu erwähnen, dass sie gleichfalls hinter dem Päckchen her sind. Abgesehen von der Örtlichkeit an sich, in der die Story spielt, ist dieses knallig bunte popkulturelle Element eine der wenigen klaren Referenzen an neonschillernde, kitschüberflutete Welten, ostasiatischer Metropolen. Damit bekommt Au revoir Taipeh ein letztes Quäntchen an comichafter Inszenierung, welches die ohnehin charmante und kurzweilige Geschichte noch mit einer Portion grotesker Komik versieht, die aus dem Film einen abgefahrenen Spaß macht.