Mit fast 70 hat Bruno Ganz cineastisch einen richtig guten Lauf. Zusammen mit der deutschen Filmdiva Senta Berger gelangt nun ein weiterer Film mit ihm in einer Hauptrolle in die Kinos. Satte Farben vor Schwarz beschäftigt sich mit der Liebe im Alter und auch mit der wahren, unsterblichen Liebe an sich. Kernthema ist aber das unausweichliche Ende, dem sich jeder Mensch früher oder später stellen muss. Hält man die nicht gerade fesselnden anderthalb Stunden durch, stellt sich am Ende unweigerlich das Gefühl ein, dass da irgendwo verborgen eine gute Geschichte enthalten war. Nur ist sie nicht erzählt worden.
Die Kinder sind längst erwachsen und aus dem Haus. Die älteste Tochter heiratet gerade; sogar zum zweiten Mal, und die Enkelin ist schon selbst eine junge Dame. Anita und Fred (Senta Berger und Bruno Ganz) sind ein wohlsituiertes Paar Ende 60 und schon derart lange verheiratet, dass sie gemeinsam bereits durch alle erdenklichen Höhen und Tiefen der Ehe gegangen sind. Vor vielen Jahren hatte Fred beispielsweise eine Affäre. Auch das haben sie überstanden, aber ganz verziehen hat ihm Anita das nicht.
Eines Tages behauptet Fred, er wolle ins Büro. Eigentlich pensioniert, übt er immer noch eine beratende Funktion an der Stätte seines langjährigen Wirkens aus. Am selben Tag geht Anita in die Stadt zum Shoppen und sieht plötzlich ihren Mann, wie er um die Ecke biegt und in einem Hauseingang verschwindet. Sie folgt ihm und stellt ihn in einem leeren Apartment zur Rede, in dem die Handwerker gerade mit den letzten Handgriffen beschäftigt sind. Fred ist überrascht, behauptet, er hätte das Apartment als Wertanlage gekauft. Anita glaubt ihm kein Wort - sie vermutet, dass er sich ein Liebesnest einrichten möchte.
Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts sind Liebe und Sex im Alter längst keine Tabus mehr. Da dürfen 70-jährige ausgiebig ihrer körperlichen Lust frönen und offen über Vorlieben und Gelüste reden. Abwegig oder unglaubwürdig ist es deshalb nicht, dass sich ein finanzstarker vorzeigbarer älterer Herr ein heimliches Liebesdomizil einrichtet. In Satte Farben vor Schwarz steht dennoch etwas anderes im Mittelpunkt: Freds Liebesdomizil entpuppt sich als Rückzugsstätte. Er ist an (nicht therapierbaren) Prostatakrebs erkrankt und wollte sich einen Ort schaffen, wohin er sich zurückziehen kann, um allein für sich zu sein. Seiner Ehe hat er mit dieser Geheimniskrämerei aber einen echten Bärendienst erwiesen.
Wieder mal dreht sich ein Film um den Tod, das Sterben und das Abschiednehmen. Und wie vor kurzem in Das Ende ist mein Anfang ist es Bruno Ganz, dem das letzte Stündlein schlägt. Noch ein solcher Film und man wird sich an den schweizer Schauspieler als jemanden erinnern, der sich auf die "finalen Rollen" eingeschossen hatte. Anders aber als in Das Ende ist mein Anfang, in dem er den sterbenden italienischen Journalisten Tiziano Terzani verkörperte und vor transzendenten Weisheiten über das Leben und Sterben nur so überquoll, ist sein Spiel in Satte Farben vor Schwarz viel zurückhaltender, fast schon spröde.
Satte Farben vor Schwarz erzählt einerseits die Geschichte eines Mannes, der das Leben genoss, beruflich wie privat mit Erfolg gesegnet war - und der nun kein Aufsehen um seinen Tod machen möchte. Doch Konsequenzen folgen zwangsläufig, wenn man seine Liebenden ausschließt, dass sie sich nicht vorbereiten und angemessen verabschieden können. Damit ist der Film auch ein kleines Stückweit Familiendrama; vor allem handelt er aber von der großen, unsterblichen Liebe zwischen zwei Menschen. Richtig klar wird das erst gegen Ende. Bis dahin windet und krümmt sich der Film reichlich nervig, um manche erzählerische Biegung und Wendung, die man nicht unbedingt nachvollziehen können muss.
85 Minuten braucht es, um zu einem (überraschenden) Finale zu gelangen, das mit einem durchaus diskussionswürdigen und gesellschaftlich heißen Eisen den Vorhang fallen lässt; allerdings sind es auch knappe anderthalb Stunden, die sich zuweilen wie zweieinhalb anfühlen und die im Grunde wenig Handlung aufweisen. Die Grande Dame der deutschen Film- und Fernsehlandschaft reißt diesen freien Handlungs(spiel)raum konsequent an sich und vollführt ihr Bestes, um die Längen in Satte Farben vor Schwarz zu überspielen, was - im Vergleich zum zurückhaltenden Agieren von Bruno Ganz - zu einem spürbaren Maß an Overacting führt.
Unterm Strich bleibt ein Film, der seine Berechtigung und Zielgruppe viel eher im TV, als auf der großen Leinwand finden könnte. Die Wendungen sind nicht unbedingt plausibel, schauspielerisch mangelt es ihm überdies etwas an der nötigen Balance und das (nicht uninteressante) Ende wird nicht sonderlich gut hergeleitet. Man muss sich Wohl oder Übel in dem Nichtgezeigten und in den Auslassungen die notwendigen Antworten holen, um die Story komplett und sinnig zu finden, wenn man unbedingt der Meinung sein sollte, diesen Film nicht auslassen zu dürfen.