Nach den beiden sehr unterschiedlichen Männer al dente und I am Love gelangt mit Small World dieses Jahr ein weiterer Film in die Kinos, der von einer großen mächtigen Dynastie handelt. Frankreichs internationaler Topstar Gerard Depardieu übernimmt hierin die Rolle eines Mannes, der nach vielen Jahrzehnten in die Familie zurückkehrt, in der er als Sohn einer Bediensteten aufwuchs. Mit ein paar Kain-und-Abel-Motiven ausgestattet, gerät dieses Arthouse-Drama, das auch einige Krimi-Elemente sein Eigen nennt, mit dem Fortschreiten aber immer mehr zur Geduldsprobe.
Um manch einen Schauspieler wird es im Alter schnell still. Nicht so um dem französischen Ausnahmemimen Gerard Depardieu. In jungen Jahren eher auf Actionklamauk abonniert, wandelte er sich durch die Jahre hinweg zu einem außerordentlichen Charakterdarsteller. Dabei haben ihm nicht einmal Auftritte in schmalzigen Teenieromanzen oder die Darstellung von Comicfiguren geschadet. Der inzwischen über 60-jährige ist aktuell ungebrochen gut im Geschäft, mit Filmen wie dem Chabrol-Spätwerk Kommissar Bellamy oder Mammuth.
Neuestes Projekt ist eine Hauptrolle in Small World, der Adaption des gleichnamigen Martin-Suter-Romans. Der schweizer Literat erlebt im Kino mit den Verfilmungen seiner Bestseller derzeit eine echte Konjunktur; wie zuletzt mit Lila, Lila und Giulias Verschwinden. Small World war sein Debüt-Roman, der nun ebenfalls seinen Weg auf die große Leinwand findet und der vom Schicksal und dem Leben Konrad Langs berichtet, im Film von Gerard Depardieu dargestellt.
Das Leben meinte es mit Konrad Lang nicht eben gut: Seine Mutter verließ ihn, als er noch ein kleiner Junge war. Er wuchs als Spielkamerad des gleichaltrigen Industriellen-Sohns Thomas der steinreichen Familie Senn auf, an dessen Spitze die Matriarchin Elvira steht. Mit dieser Sonderstellung avancierte er zu einem "Freund der Familie", was ungefähr so viel bedeutete, dass er den Status eines Edel-Bediensteten inne hatte. Als Thomas und Konrad sich in die selbe Frau verliebten, sich diese aber für den reichen Erben entschied, zog sich Konrad aus dem inneren Zirkel der Senns zurück, bewahrte sich aber das Wohlwollen der Familie.
Jetzt im Alter zehrt er von diesem Wohlwollen, beispielsweise indem er in den zahlreichen Häusern und Anwesen der Senns immer ein Dach über dem Kopf findet. Das Schicksal beutelte ihn trotzdem hart: Konrad ist allein, leidet an Alzheimer, der sich schubweise verstärkt und er ist Alkoholiker. Eines Tages im Winter entfacht er im Suff mit Benzin ein Feuer im Kamin eines der leer stehenden Senn-Anwesen und schläft gleich darauf in einem der Nebenräume ein. Das Feuer lodert unkontrolliert vor sich hin, es dauert nicht lange und es brennt überall lichterloh. Am Ende bleibt vom noblen Bau nur noch eine rauchende Ruine. Wenig später platzt Konrad ungebeten in die Hochzeitsfeier von Thomas' Sohn hinein. Trotz allem gewährt man ihm Obdach, sein Auftauchen Jahrzehnte später wird aber eine verhängnisvolle Ereigniskette in Gang setzen, an dessen Ende die schmutzigen Geheimnisse der Familie und im Besonderen der Matriarchin ans Licht gelangen werden.
Etwas unfreiwillig erinnert Small World an einen ganz berühmten Klassiker. In Alexandre Dumas Roman Der Graf von Monte Christo kehrt nach vielen Jahren Edmond Dantes zurück, um Rache und das Leben einzufordern, das man ihm durch eine heimtückische Intrige einstmals raubte. Und wie bei Dumas, war der Ausgangspunkt des tragischen Geschehens der Streit um eine Frau. Damit erschöpfen sich schon die Gemeinsamkeiten; der Streit um die selbe Frau spielt in Small World eine eher zweitrangige Rolle; und auch die Figur Konrad Langs hat so gar nichts vom Racheengel Edmond Dantes.
Mit tragikkomischer Eleganz mimt Depardieu diesen Menschen, der sich wie das hier und jetzt langsam aber sicher verliert. Sein Auftritt verleiht dem sonst sehr trockenen und zuweilen reichlich hölzernen Drama eine gewisse Leichtigkeit. Angesiedelt zwischen naiv und selbstvergessen bis hin zu zynisch und suizidal fängt er die komplette Palette verschiedener Seelen- und Seinszustände ein, die mit einer progressiv fortschreitenden Demenz einher gehen. Außer Depardieu sticht aber lediglich Francoise Fabian in der Rolle der herrschsüchtigen Clanchefin Elvira heraus. Die Deutsche im Bunde, Alexandra Maria Lara, vermag indes kaum Akzente zu setzen. Die attraktive Darstellerin ist zwar ein echter Eyecatcher, in der Rolle der Simone, der Frau des Familienerben, vermag sie sich aber erst gegen Ende aus dem Rollenkorsett ein wenig zu befreien und ihrer Filmfigur über das Skript hinaus Leben zu verleihen. Erschwerend kommt hinzu, dass es ihrem Charakter völlig an Unterbau ermangelt, was aber nicht der Schauspielerin negativ angelastet werden darf.
Small World, die Geschichte um die schmutzigen Geheimnisse einer Industriellen-Familie und einem gebeutelten Leben wurde leider ohne das notwendige Esprit umgesetzt. Die einzelnen Handlungsstränge, soweit davon überhaupt zu sprechen ist, besitzen eine viel zu geringe Dynamik, um wirklich zu fesseln. Insgesamt ereignet sich ohnehin nicht genug, um zu verhindern, dass sich spürbare Längen einstellen, wenn auch, wie so oft in Filmen, die über Dynastien handeln, mit sichtlicher Akribie versucht wurde, die Stimmung im elitären Haus einzufangen. Die atmosphärische Dichte der Erzählung bleibt dabei aber dennoch auf der Strecke; das wird besonders spürbar, wenn Depardieu gegen Endes des Films nicht mehr so viele Auftritte hat und die anderen Schauspieler komplett den Film allein tragen müssen. Ausgesprochene Arthouse-Liebhaber mögen dem Film zwar mit etwas Wohlwollen einiges abgewinnen können, der große Wurf ist es allerdings nicht geworden.