Uwe Boll als ambitionierter Filmemacher? Was ist denn da schief gelaufen? Mit Darfur - Der vergessene Krieg über den Völkermord im Sudan zeigt er, dass mehr in ihm steckt, als ein filmhandwerklicher Vorzeigedilettant. Trotz einiger inhaltlicher Schwächen ein beeindruckendes, schonungsloses und authentisch anmutendes Kriegsdrama.
Uwe Boll ist ein streitbarer Filmemacher. Was hat er nicht alles für zweifelhafte Auszeichnungen bekommen: Eine Goldene Himbeere für das "schlechteste bisherige Lebenswerk" im Jahre 2009 dürfte sicherlich zu den größten Ehrungen gehören, die er sich mit seinen Flops Alone in the Dark, Bloodrayne, Far Cry und weiteren Werken zweifelhaften Niveaus hart erkämpft hat. Der Gipfel der Geschmacksunsicherheit war der jüngst erschienene Trailer zu Auschwitz, der Boll als KZ-Aufseher in einem arg an Exploitation erinnernden Setting zeigt. Und nun das.
Mit das ist Darfur - Der vergessene Krieg gemeint, ein um Authentizität bemühtes Kriegsdrama, welches die größte humanitäre Katastrophe des 21. Jahrhunderts im Sudan thematisiert. Wer um Bolls "Qualitäten" als Regisseur weiß, befürchtet Schlimmes. Und tatsächlich ist der erste Eindruck des Films mit seinen fragmentierenden, unübersichtlichen Detailaufnahmen - ein unter dem Schlagwort "realistisch" zu subsumierendes Stilmittel - kein guter.
Es vergehen ca. 45 Minuten der Filmlaufzeit, bis die Legitimierung für den Einsatz dieses quasidokumentarischen Stilmittels eingelöst wird. Dann kommen die Dschandschawid, arabische Milizen, in ein Dorf, um ihren rassistischen Krieg gegen den schwarzen Teil der sudanesischen Bevölkerung fortzusetzen. Die anwesenden Journalisten wie offiziellen Truppen der African Union sind zum Geschehenlassen verdammt, haben keine Befugnis, einzugreifen. Was das für Konsequenzen hat, weiß man spätestens seit Shooting Dogs, der den Völkermord 1994 in Ruanda filmisch verarbeitete.
Was Uwe Boll dann entfesselt, zeigt schonungslos die ganze hässliche Fratze des Krieges. Die zweite Hälfte von Darfur - Der vergessene Krieg erinnert in ihrer physischen Inszenierung, den enervierend nervösen Bildern, die die Handkamera einfängt, durchaus an John Rambo. Doch ungleich Sylvester Stallones Alterswerk wirkt das Massaker vor dem Hintergrund eines mörderischen Konflikts nicht wie die Legitimierung ekelerregend brutaler Actionszenen. Im Gegenteil: Bolls Film bemüht sich an diesem Punkt, dem Leiden der Bevölkerung mittels - zugegebenermaßen eher angedeuteter, aber immerhin vorhandener - Charakterzeichnung ein Gesicht zu geben und zu moralisieren.
Was Darfur - Der vergessene Krieg und somit auch Uwe Boll dabei fehlt, ist ein gewisses Maß an Subtilität. Dies ist seine Stärke nicht, besteht der Film doch weitgehend aus recht grafischer Gewalt und hat Boll seine Hauskomponistin Jessica de Rooij auch dieses Mal im Einsatz pathetischer Streicher beim obligatorischen Ethno-Score nicht bremsen können. Zwar hat sich auch James Newton-Howard mit seinem ähnlich gelagerten Blood Diamond-Soundtrack keinen Originalitätspreis verdient, aber wirkt die Musikuntermalung dort etwas dezenter und auch nachdenklich stimmender. Ein Grundton, den Boll zwar mit voran- und nachgestellten Texttafeln zu suggerieren versucht, der aber in Andeutungen steckenbleibt.
Auch wurde von Boll vergessen, seinem Kriegsdrama ein emotionales Zentrum zu geben. Lässt sich anfangs noch am ehesten die von Kristanna Loken (Schwerter des Königs - Dungeon Siege) verkörperte Journalistin als Fleisch gewordenes Gewissen und zentrale Sympathieträgerin betrachten, wird ihre Figur mit Beginn des Massakers und des Eingreifens ihrer Kollegen (aber nicht ihr selbst) immer weiter marginalisiert. Eigentlich schade drum, denn so verschenkt Darfur - Der vergessene Krieg viel von seinem Potenzial. Uwe Boll kann also einen ganz passablen Film drehen, wenn er will. Doch leider will er zu selten.