Gerard Depardieu ist mit 62 Jahren immer noch ungebrochen kreativ. Die Figuren, die er heute präferiert, mögen nicht mehr die gleichen wie früher sein. Seine große Wandelbarkeit sorgte aber dafür, dass sich der französische Ausnahmeschauspieler durch die Jahrzehnte hindurch an der Spitze hat halten können. Sein neuester Film ist eine rustikale Komödie, mit einigen melancholischen und tragischen Motiven unterlegt, in der Depardieu sein ganzes Können, als naiver, liebenswerter Prolet mit verunglückter Kindheit unter Beweis stellt. Für Depardieu-Fans eindeutig ein Muss, für alle anderen erfrischend unterhaltsam.
Viel Bildung hat sich beim naiven Trottel Germain (Gerard Depardieu), der sich als Gelegenheitsarbeiter verdingt und oft um einen Teil seines Lohns beschissen wird, da er nicht einmal richtig rechnen kann, zeitlebens nicht eingestellt. Lesen kann der inzwischen über 50-jährige ebenfalls kaum und er blamiert sich überdies regelmäßig, da er manch einen berühmten französischen Schriftsteller nicht von einem Restaurantführer unterscheiden kann. Mit seiner ungehobelten Art schießt er zudem ein ums andere Mal den Vogel ab. Doch Germain ist so simpel gestrickt und derart dickfellig, dass er es meist nicht einmal merkt, wenn er sich wieder mal zum Gespött der Leute gemacht hat.
Die einzigen Menschen, die ihm wirklich nahestehen, sind seine Mutter, wobei das eher eine spezielle Hass-Liebe ist, da er von ihr als Kind nie wirklich Zuneigung erfuhr; sowie seine vergleichbar junge Freundin, die in seinem Leben wie ein frischer Frühlingswind einkehrt. Die zufällige, aber dennoch schicksalhafte Begegnung mit der über 90-jährigen Margueritte (Gisèle Casadesus) eines Tages im Park befördert aber plötzlich ein neues wie ungekanntes Element in sein Leben. Margueritte geht oft in den Park, um in Ruhe zu lesen, Germain findet dort einen Ort fernab der Menschen. Die beiden kommen ins Gespräch, schnell entsteht eine freundschaftlich-vertrauliche Ebene. Als Germain der alten Dame offenbart, dass er beinahe Analphabet ist, entschließt diese sich, ihm aus ihren Büchern vorzulesen. Eine Entscheidung, die außergewöhnliche Entwicklungen in Gang setzten wird.
Frankreichs Filmstar Nummer eins ist auch noch auf seine gereiften Tage, die mit einer wuchtigen körperlichen Präsenz einhergehen, ungebrochen gut im Geschäft. Nach der Literaturadaption von Martin Suters Buch Small World folgt nun mit Das Labyrinth der Wörter eine weitere Romanverfilmung. Inhaltlich wie inszenatorisch könnten diese beiden Filme aber nicht unterschiedlicher sein, und dennoch gibt es einen gemeinsamen Nenner. Es ist die Art von Figuren, die sich Depardieu in letzter Zeit in seiner Rollenwahl herauszusuchen scheint: naiv-trottelige und dickliche Gutmenschen, die vom Schicksal nicht gerade begünstigt wurden. War es in Small World ein dementer 70-jähriger, dem man als Kind das Leben geraubt hatte, ist es nun in Das Labyrinth der Wörter ein 50-jähriger, der nichts wurde, da sich seiner in der Kindheit niemand annahm.
Der aktuelle Streifen ist glücklicherweise aber alles andere als ein langatmiger Film über eine Familien-Dynastie und deren Leichen im Keller. Angesiedelt irgendwo zwischen Tragik-Komödie, Märchen und Groteske ist Das Labyrinth der Wörter nahezu eine einzige Depardieu-Show geworden. Neben dem imposanten Mimen verblasst nicht nur größtenteils das Geschehen drumherum, sondern im Endeffekt beinahe die gesamte Handlung. Erstaunlicherweise gelingt es aber der zerbrechlichen Giséle Casadesus, die ihre erste Filmrolle bereits im Jahre 1934 spielte, gegen die raumgreifende Leinwandpräsenz Depardieus mit einer Art niedlichem wie leicht spröde wirkendem Jungmädchen-Charme, zu bestehen. Und das mit 96 Lenzen!
Das Labyrinth der Wörter ist oberflächlich betrachtet ein stimmungsvoller Film voll absurder Komik. Die Stillen, besinnlichen Augenblicke gehören überwiegend den Szenen zwischen Depardieu und Casadesus, die beide darstellerisch klar herausragen; darüber hinaus gibt es noch eine sehr schräge Dynamik zwischen Depardieus Filmfigur und seiner Mutter. In Rückblenden wird dieser Handlungsstrang Stück für Stück entschlüsselt und bildet den tragischen Unterbau der Geschichte, wenn es auch als "erklärendes Allheilmittel" wesentlich stärker hätte ausgearbeitet werden müssen. Die Nebenfiguren, bleiben zwar alle etwas blass, dennoch sind selbst die zweitrangigen Rollen mit sehr authentischen Typen besetzt, wenngleich der Hang zum Skurrilen gut ausgereizt wurde. Mitunter artet das bunte Potpourri an merkwürdigen Figuren soweit aus, dass der Film zeitweise wie eine kleine Freakshow wirken kann.
Die überzeichneten Figuren passen sich aber wiederum soweit harmonisch in das Geschehen ein, wie man es bei einem (modernen) Märchen erwarten würde. Ein paar Fragezeichen bleiben aber, beispielsweise die recht junge wie attraktive Partnerin, die Depardieus Charakter angedichtet wird; wie es kommt, dass der gutherzige, korpulente Prolet mit so einer anbändeln konnte, wo ihm doch sonst so wenig im Leben gelingt, sollte man aber besser die Redaktion von Bauer sucht Frau fragen. Insgesamt ist Das Labyrinth der Wörter ein sehr unterhaltsamer Film geworden, der erfrischend unkonventionell daherkommt, auch wenn die Kernbotschaft, dass es nie zu spät ist, sein Inneres zu wandeln, recht trivial bleibt.