Immer wieder versuchen Filme, an denen deutsche Filmemacher maßgeblich beteiligt sind, überambitioniert sich in kuriose Höhen zu schrauben. Die Ergebnisse sind Produktionen wie Die Päpstin oder Henri 4, denen man zwar ansieht, wohin die Reise gehen sollte, doch auch wozu man schlussendlich in der Lage war. Poll siedelt sich zwar eher im Arthouse-Bereich an, weist dennoch vergleichbare Defizite auf. Die Geschichte in den letzten Tagen vor Ausbruch des I. Weltkriegs wirkt entrückt. Score und der Versuch poetisch anmutende Bilder zu produzieren, unterstreichen das, doch den hölzernen Rhythmus, den Mangel an liebevoller Figurenzeichnung und die bleierne Struktur macht das nicht wett.
Es sind die letzten ruhigen Tage vor Ausbruch des I. Weltkriegs. Das Russische Reich mit seiner gewaltigen Ausdehnung ist eine zaristische Monarchie, aber der Keim der Idee von einer anderen Gesellschaftsform, in der alle Menschen gleich sind, ist bereits in die Volksseele gepflanzt worden. 1917 wird dies zur Oktoberrevolution führen, zum Sturz des Zaren Nikolaus des II. und zur Machtübernahme der Sozialisten unter Lenin. Noch aber gelten solche "Reformer" als Anarchisten und werden von den Zaristen verfolgt und ermordet. Ein solcher Anarchist flüchtet sich schwerverletzt aufs Gut. Dem Tode nahe entdeckt ihn Oda (Paula Beer), die Tochter des Gutsherren und nimmt sich seiner an. Damit beginnt eine verhängnisvolle Ereigniskette.
Als großambitioniertes Kino entpuppt sich die Deutsch-Österreichisch-Estnische Koproduktion Poll, die geografisch in Estland angesiedelt ist, im Jahre 1914 spielt und mit vielen zeitgeschichtlichen und sozialen Bezügen aufwartet (wenn man denn bewandert ist). Es bedarf ohnehin Zeit, sich einzusehen, um so etwas wie ein Gefühl für das Dargebotene zu entwickeln. Die 14-jährige Oda, die im Verlauf immer stärker in den Mittelpunkt rückt, lässt anfänglich die Vermutung zu, dass es sich um eine Coming-of-Age-Story handelt, bloß angesiedelt in einer anderen Epoche.
Jenseits dessen versucht Poll noch vieles mehr zu sein und all das zu einer stimmigen Komposition zu vereinen. Im Grunde ist der dritte Film von Regisseur und Autor Chris Kraus aber nicht mehr als ein Familiendrama, das zeigt sich schnell durch die zerrüttete Ehe der Gutsleute und die Affäre, welche die Gutsfrau mit dem Verwalter hat. Herr des Gutes mit dem Namen Poll ist der Arzt Ebbo von Siering (Edgar Selge), ein besessener Anatom, der glaubt, in den Tiefen des menschlichen Hirns, das Böse lokalisiert zu haben, wegen seiner Thesen aber bei der internationalen Wissenschafts-Gesellschaft in Ungnade fiel und nicht mehr an einer Universität arbeiten oder unterrichten darf. An seiner Seite finden sich Milla (Jeanette Hain), seine Frau in zweiter Ehe, und Oda, seine Tochter. Des weiteren leben auf dem Gut noch der Verwalter Mechmershausen (Richy Müller) und Odas Cousin Paul (Enno Trebs), der als junger Kadett in der russischen Armee dient.
Bereits im Versuch, mit Bildern und Musik eine besondere Stimmung zu erzeugen, zeigt sich, dass Poll in seiner Ambition von Beginn an hoch hinaus will und dabei irrlichtert: Alles schwelgt zwischen märchenhaft-zeitlos und gleichsam erstarrt, darauf wartend, dass alsbald etwas hereinbrechen wird. Unheimlich soll das wirken, stattdessen stellt sich eher eine unheimliche Schwere ein. Das bizarre Treiben des Anatomen, der in der Scheune ein Labor mit einer Sammlung menschlicher Präparate (vor allem Köpfe, Gehirne und menschliche Föten) beherbergt, dass sogar Hannibal Lecter vor Neid erblassen würde, ist auch so ein Stück im verworrenen wie bleiernen Stimmungsbild des Films: Die Figur des manischen Arztes wird zwar eingeführt, etabliert und sie nimmt überdies Einfluss auf die Handlung, trotz aller Mühe und des Zeitaufwandes bleibt dieser Charakter aber im Grunde schematisch, ohne die nötige Tiefe.
Gewissermaßen ist dies das Grundproblem nahezu aller Figuren, sie werden sauber eingeführt, ihre Skizzierung wirkt aber hölzern und lieblos; damit stellt sich kein Bezug ein und erst recht keine Sympathieebene - selbst dort, wo es grundsätzlich möglich gewesen wäre. Auch als Zeitportrait taugt Poll nur bedingt, da durch die Abgeschiedenheit des Geschehens der historische Kontext nur klar wird, wenn man ein ordentliches Quäntchen an neuzeitlichem Geschichtswissen mitbringt. Die Entwicklungen und Eskalationen wirken überdies nicht wirklich logisch hergeleitet; fast so, als hätte man sich entschieden, ab einem bestimmten Punkt einen Gang zuzulegen, wo vorher alles nahezu erstarrt war. Zuweilen wird somit sogar der Eindruck erzeugt, dass in manch eine Szene die Schauspieler aufs Geratewohl, ohne Drehbuch, hineingeworfen wurden und sie improvisieren mussten.
Ein erzählerisch brauchbarer Rhythmus stellt sich nicht ein. Der Film wirkt bemüht, gestelzt, schwülstig und in sich erstarrt. Charme sucht man ohnehin vergebens. Den Schauspielern muss man das nicht im vollen Umfang ankreiden: Im unmittelbaren Wirkungsradius ihrer Filmfiguren machen die möglicherweise noch am meisten richtig. Allerdings stellt sich nie das Gefühl ein, dass bei der Interaktion die Chemie zwischen den Akteuren stimmig ist. Das Finale präsentiert sich schlussendlich zerfahren und produziert gleich mehrere Enden plus Epilog, was sich nahtlos in die elegisch-gezogene und strapaziöse Struktur des Films einfügt. Unterm Strich bleiben ein paar schöne Bilder und ein Set-Design, das von akribischer Arbeit zeugt auf der Habenseite, was deutlich zu wenig ist.