In Tim Blake Nelsons Genremix geht es drunter und drüber, da der Zuschauer nahezu über die komplette Laufzeit nicht weiß, was für eine Art Film er sich gerade anschaut. Trotz dieser sehr ungewöhnlichen Art, eine Geschichte zu erzählen, ist diese kurzweilig unterhaltsam und hat einen ganz besonderen Trumpf: Edward Norton darf in einer Doppelrolle so richtig aufblühen und das erste Mal seit langem wieder sein großes Talent unter Beweis stellen.
Ende der 90er war Edward Norton zwei Mal für den Oscar nominiert, wurde schon als der beste Darsteller seiner Generation tituliert und es war eigentlich klar, dass er in die Fußstapfen ganz großer Schauspieler treten wird. Doch irgendwie wurde es in den letzten 5 Jahren ruhig um ihn. Nur selten sieht man ihn noch im Kino, die meisten seiner Filme erscheinen hierzulande direkt auf DVD und man hat das Gefühl, dass sich der Mann, trotz weiterhin guter Leistungen, nicht mehr so fordert wie in den ersten Jahren seiner Karriere. Jetzt tritt er mit dem hierzulande auf DVD und Blu-Ray erscheinenden Leaves of Grass wieder etwas ins Rampenlicht und darf genau das machen, wofür er berühmt wurde: In einem Film gleich mehrere Charaktere spielen.
Das Brüderpaar Bill und Brady Kincaid könnte unterschiedlicher nicht sein. Während Brady seine Heimat mit pflanzlichen Drogen versorgt, ist Bill in die Stadt gezogen und ein erfolgreicher Universitätsdozent geworden. Auf die Nachricht, sein Bruder sei ermordet worden, kommt er das erste Mal zurück in seine Heimat, nur um von diesem quicklebendig mit offenen Armen empfangen zu werden. Sein vorgetäuschter Mord war nur ein Trick, um Bill wieder zurück nach Hause zu lotsen, da er Bradys Hilfe für ein Alibi benötigt.
Was zu Beginn fast wie eine Rückkehr zur Familie im Stile von Garden State oder Elizabethtown beginnt, entpuppt sich mehr und mehr zu einem Genremix aus Krimi, Komödie, Thriller, Drama und sogar noch einen Hauch von Romanze. Wie schwer es ist, so viele Genres zu verbinden, zeigt sich an Leaves of Grass, hat dieser doch keinen wirklichen roten Faden und springt innerhalb der Genres wie kaum ein anderer Film. Immerhin ist die Geschichte kurzweilig sehr unterhaltsam, auch weil der Zuschauer schnell merkt, dass die Drehbuchautoren keinerlei Rücksicht auf Verluste nahmen und in diesem Werk nahezu alles geschehen kann.
Inszenatorisch verlässt sich Schauspieler Tim Blake Nelson dabei auf Altbewährtes und geht einer innovativen Regie selbst aus dem Weg. Fast etwas mutlos wirkt seine 08/15-Inszenierung, die zwar keinerlei wirkliche Mängel vorweisen kann, aber auf der Habenseite außer ein paar überraschend blutigen Szenen wenig vorzuweisen hat.
Tim Blake Nelson meinte in Interviews immer wieder, dass er ohne Edward Norton den Film nie gedreht hätte und warum das so ist, merkt man schon nach wenigen Minuten: Edward Norton zeigt hier fast schon eine kleine One-Man-Show, darf er in einer Doppelrolle doch beide Hauptcharaktere spielen, die zudem auch den Großteil aller Dialoge gemeinsam führen. So zeigt sich einmal mehr seine große Wandlungsfähigkeit und wie unterschiedlich er seine Charaktere anlegen kann. Dabei wird er von manch prominenten Namen unterstützt: Während Keri Russell immerhin als Love Interest nicht mehr tun muss, als gut auszusehen, sind Susan Sarandon und Modern Family-Star Ty Burrell nahezu komplett verschenkt. Dafür weiß sich Nelson selbst gut in Szene zu setzen und auch Richard Dreyfuss hat in einer kleinen Szene als schön fieser Gangster einige sehr amüsante Momente auf seiner Seite.
Aus seinem Karrieretief (wenn man es denn überhaupt so nennen kann) wird diese direkt auf DVD erscheinende Produktion Edward Norton sicherlich nicht heben, aber es ist erfreulich zu sehen, dass er endlich wieder eine Rolle spielen darf, die ihn fordert und er sein ohne Frage riesiges Talent unter Beweis stellen darf. Der Film selbst jedoch ist zwar über weite Strecken durchaus unterhaltsam, doch es fehlt ihm der rote Faden. So bleiben Leaves of Grass zwar höhere Wertungssphären verwehrt, wer aber den guten Edward Norton mal wieder in guter Form sehen möchte, der kann bedenkenlos zu diesem kurzweiligen, manchmal etwas unentschlossenen, Werk greifen.