In seinem jüngsten Film geht der ehemalige Dokumentarfilmer und Oscarpreisträger Kevin Macdonald endgültig vor dem Mainstream-Kino in die Knie, wenn er Newcomer Channing Tatum in ein pathetisches Sandalenepos schickt. Und wäre da nicht dieses grausige Finale, könnte sein historic road movie trotz der enorm konstruierten Handlung sogar gelegentlich überzeugen.
Das Schöne an Geschichte ist: was man nicht genau weiß, kann man zur Diskussion stellen. So wie das Verschwinden der Legio IX Hispana, der Neunten Legion der römischen Armee im zweiten Jahrhundert nach Christus. Was aus ihr wurde, ist umstritten - und damit der Stoff für Legenden. Eine von ihnen, der im vergangenen Jahr bereits Neil Marshalls Centurion folgte, besagt, dass die Neunte Legion im damaligen Caledonia (heute: Schottland) verschwand. Selbiger Idee folgt nun auch Kevin Macdonald mit seiner Jugendliteraturadaption von Rosemary Sutcliffs Der Adler der neunten Legion. Da Macdonald sich nicht explizit auf die Geschichte beruft, kann er sie sich einfach nach eigenem Gusto erstellen. Zum Beispiel, dass die Neunte Legion in Caledonia das Wahrzeichen Roms, ihren Legionsadler, verlor, und Kaiser Hadrian schließlich aus Furcht vor den Einheimischen seinen Hadrianswall bauen ließ, als Ende der bekannten Welt. Dieser militär-römische Makrokosmos wird nun auf einen individuellen Mikrokosmos in Person von Tatums Marcus Flavius Aquila - Aquila bezeichnete im römischen Reich den (Legions-)Adler - heruntergebrochen, dessen Vater die Neunte Legion einst nach Caledonia geführt hatte.
In seinem Aufbau folgt Der Adler der neunten Legion altbekannten Genrestrukturen. Nachdem Aquila zuerst als intelligenter und voraussichtlicher Heeresführer etabliert wird, lenkt Macdonald das Geschehen in die Bahnen eines sich anbahnenden Buddy-Movies, welches er nach dem - ausgesprochen langatmigen und extrem gezwungenen - ersten Akt schließlich der eigentlichen Prämisse des Filmes folgen lässt. Begeben sich Aquila und sein britischer Sklave Esca dann schließlich auf die beschwerliche Reise gen Norden, entschädigen zumindest wunderschöne Landschaftsaufnahmen für die mehr als platte Erzählweise.
Denn insgesamt ist es zweifelsohne der Look des Filmes, der am meisten überzeugen kann. Die Dreharbeiten vor Ort in Schottland - und ergänzend dazu Ungarn - verleihen den Bildern von Anthony Dod Mantle eine Authentizität, die von den Kostümen nur bedingt erzeugt wird. Das Ergebnis ist umso beachtlicher, da der Film für lediglich 20 Millionen Dollar entstand (was allein der Gage von Russell Crowe in Robin Hood entspricht). Gemeinsam mit der gälisch angehauchten Musik Atli Örvarssons wohnt dem Filme eine Atmosphäre inne, die durchaus historisches Flair erweckt, das die Handlung nur bedingt zu erzeugen vermag.
Zu konstruiert wirken die Geschehnisse - von den Charaktereinführungen im ersten Akt, über den zähen Verlauf des Mittelteils, bis hin zum Finale, welches sich dann zusätzlich zum einen in einer lediglich dem Film innewohnenden Logik und zum anderen in Kitsch und Pathos verliert. Der Adler der neunten Legion wirkt inhaltlich oftmals zu gezwungen und das narrative Scheitern des Films lässt sich sicherlich dem Jugendliteraturcharakter der Vorlage ankreiden. Dass es Macdonald allerdings nicht geschafft hat, Sutcliffs Roman als Basis für eine glaubwürdige Geschichte zu verwenden, ist ihm jedoch selbst anzulasten.
Jene culture clash-Momente, in denen Aquila und Esca im zweiten Akt über Ehre - der antreibende Motor der gesamten Geschichte - sprechen, werden ebenso verschwendet und ungenügend ausgearbeitet, wie beispielsweise das Aufeinandertreffen von Israelis und Palästinensern in Spielbergs München. Hätte Macdonald etwas mehr von der Konsequenz seines Vorgängerwerks State of Play - Der Stand der Dinge gezeigt, wo er bewies, dass er im Stande ist, eine qualitativ unterlegene Vorlage entsprechend aufzubereiten, würde auch sein jüngster Film in seiner Summe weitaus ansprechender und überzeugender daherkommen.