Nein, nicht noch ein Coming-of-Age-Drama möchte man sagen, aber allein der Titel macht bereits neugierig. Hubert ist 17 Jahre alt und verabscheut seine Mutter, die allein für ihn sorgt. In seinem Streben nach Entfaltungsspielraum schießt er aber durchaus auch übers Ziel hinaus. Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Xavier Dolan verarbeitet seine eigene Biografie in diesem Film, der dem Konflikt zwischen Kindern und Eltern einige neue Blickwinkel abgewinnt. Intelligentes Kino, das jeder Arthouse-Fan auf der Liste haben sollte.
Wenn einer mit 17 Jahren ein Drehbuch verfasst, in dem sich alles um die zerrüttete Beziehung zur (eigenen) Mutter dreht, bekommt das schnell einen merkwürdigen Touch. Wenn aber zwei Jahre später derselbe junge Mann mit der Verfilmung seines Drehbuchs bei den Filmfestspielen in Cannes mit Lorbeeren überhäuft und als Wunderkind gefeiert wird, lässt das aufhorchen. Der inzwischen 21-jährige Jungregisseur Xavier Dolan erntete mit seinem Erstling I Killed my Mother, für den er nicht nur das Drehbuch beisteuerte und Regie führte, sondern auch gleich die Hauptrolle übernahm, 2009 in Cannes enorm viel Applaus.
Anders, als es der morbide Titel vielleicht verheißen mag, dreht sich in diesem Film aber nicht alles um den physischen Mord an der eigenen Mutter (Anne Dorval). Vielmehr rückt die Hass-Liebe und ein immenser Mutter-Sohn-Konflikt in den Mittelpunkt des Geschehens, wobei nicht einmal wirklich ersichtlich wird, wieso dieser in einer solchen Vehemenz gleich anfänglich zutage tritt; zwar existiert hier das bereits in vielen anderen Filmen (über)strapazierte Vehikel der Homosexualität des eigenen Sohnes, da aber dieses Motiv im Wesentlichen nur gestreift wird, obwohl dem Outing eine überaus herausragende Szene zu verdanken ist, fällt es insgesamt schwer, den unseligen Zwist zwischen den beiden einfach nur daran festzumachen.
Daran aber, dass die Filmfigur und vielleicht auch der Regisseur selbst (zumindest ein Stückweit) die eigene Mutter hassen, besteht wenig Zweifel. Bereits im einführenden Monolog, der an das Publikum gerichtet ist, gesteht Hubert (Xavier Dolan) dies ganz offen. Und in der Schule erzählt er sogar überall herum, dass seine Mutter gestorben sei. Auf den ersten Blick ist dieses rebellisch-destruktive Verhalten das Aufbegehren eines Pubertierenden, der seinen Platz im Leben und in der Welt sucht. So gesehen handelt es sich bei I Killed my Mother um eine typische Coming-of-Age-Story. Die besondere Art der Inszenierung, mit viel Sinn für ein stimmungsvolles wie in sich stimmiges poetisch-philosophisches Ganzes, befördert den Film aber auf ein deutlich höheres Niveau.
Neben vielen ausufernden Streitereien, welche die Handlung durchziehen und als elementarer Bestandteil vorantreiben und dabei mitunter ein gewisses Maß absurder Komik in sich bergen können, verdankt die Geschichte ihren Reiz vor allem der feinfühligen Zeichnung der Figuren, mit dem Augenmaß für ihre innere Befindlichkeit. Trotz der erkennbaren Tendenz zuweilen dabei zu spielerisch und verschwenderisch mit Bildern und Einstellungen umzugehen oder manche Situation erzählerisch zu sehr auszukosten, gelingt es ihm insgesamt dennoch, die Balance zu halten. Kurze Zwischensequenzen, in denen der Protagonist in sein Videolog spricht, erfüllen dabei die Funktion eines Off-Kommentars und helfen, tiefer in die Psyche der Figur einzutauchen.
Anders als vielleicht erwartet und deshalb auffällig, dass Dolan sich überdies nicht einfach darauf verlegt, schwarz-weiß zu malen und die Mutter seines Helden eindimensional negativ oder plump unsympathisch zu charakterisieren: Beinahe im Gegenteil, skizziert er ihr Handeln, als durchaus plausibel und nachvollziehbar, was - wohl wissend um den autobiografischen Hintergrund dieser Geschichte - durchaus damit zusammenhängen könnte, dass Dolan und sein Filmcharakter sich letzten Endes in ihrer Beziehung zur Mutter sehr wohl auch unterscheiden.
I Killed my Mother ist erfrischendes Arthouse-Kino, das dem Thema des Erwachsenwerdens, mit all seinen steinigen Selbstfindungspfaden, Irrungen und Wirrungen, des sich Ausprobieren, der Entwicklung einer eigenen sexuellen Identität und dem Durchtrennen der Nabelschnur zu den Erzeugern, einiges Neues abgewinnt und mit erfrischender Leichtigkeit inszeniert wurde. Dabei nimmt Dolan offensichtliche Anleihen bei einige großen cineastischen Vorbildern, vermag aber die Eigenständigkeit seines Filmes konsequent zu behaupten, womit es in der Endabrechnung leicht fällt, eine Empfehlung auszusprechen.