Was ist Glück, wie gelangt man dazu und warum ist man oft nicht glücklich, obwohl es einem an nichts mangelt. Glück ist eine komplexe Angelegenheit. Pessimisten sagen, es ist die vom Schicksal geliehene Zeit, Pragmatiker behaupten, es ist der Weg der geringsten Widerstände und manch ein Zyniker meint, dass es im Grunde eine Illusion ist. Der Dokumentarfilm Glücksformeln nimmt sich exemplarisch sehr verschiedene Menschen heraus und lässt diese darüber Auskunft geben. Darüber hinaus äußern sich noch Wissenschaftler zu dem Thema. Leider nimmt der Film aber eine extrem auf das glücklich sein fokussierte Position ein, die sich nur Menschen erlauben können, die keine echten existenziellen Probleme haben.
Was bedeutet Glück und glücklich sein? Ist das ein bestimmter Zustand, der sich erarbeiten lässt? Existieren Wege oder Strategien, die dorthin führen? Lässt sich Glück berechnen - gibt es eine Formel zum Glück - und bedeutet Glück überhaupt für alle Menschen dasselbe? In ihrem Film Glücksformeln versucht die Regisseurin und Autorin Larissa Trüby dem Mysterium des Glücks auf die Spur zu kommen.
Eine Reihe sehr unterschiedlicher Leute kommen in Glücksformeln zu Wort und werden in ihrem persönlichen Bestreben, zum Glück zu gelangen oder es festzuhalten, abgebildet: Da ist Ernst, Lehrer und Schulrektor, der das Schulfach Glück entwickelt hat und junge Menschen darin unterrichtet. Luis ist erst elf Jahre alt, doch wenn er beobachtet, wie die Erwachsenen schuften und wie wenig Zeit sie für die "wichtigen Dinge" im Leben haben, zweifelt er ernstlich daran, ob man später wirklich so etwas wie glücklich sein, erleben kann. Leo, der überaus rüstige, ehemalige Fabrikarbeiter, inzwischen stolze 90 Jahre alt, hat sein persönliches Glück erst gefunden, als er in Rente ging. Von da an konnte er sich mit dem befassen, was ihm wirklich am Herzen liegt: der Kunst. Janina hingegen ist gerade 19 und macht ihr Abi. Sie sieht sich in Zukunft extrem stark in ökonomische Notwendigkeiten eingebunden. Sie zweifelt ob es möglich sein wird, sich selbst zu verwirklichen, da die beruflichen Zwänge zu groß sein könnten. Und zuletzt Martin und Margarete, ein älteres Ehepaar, das als Entwicklungshelfer die Welt bereiste, inzwischen aber sein Glück auf einem Berghof fand.
Neben diesen scheinbar aufs Geratewohl herausgepickten Menschen, nehmen in Glücksformeln noch eine Reihe Experten (Glücksforscher) Stellung zum Thema und was Glück überhaupt bedeutet. Die illustre Runde besteht aus Soziologen, Psychologen, Biologen, Wirtschafts-, und Sexualwissenschaftlern sowie Beziehungsexperten. Im Wesentlichen lässt sich ihre Formel zum Glück in zwei bis drei "Variablen" ausdrücken: Einen Job zu haben, der jenseits der unmittelbaren Sicherung der materiellen Existenz auch zur persönlichen Entfaltung und Verwirklichung beiträgt; eine stabile und erfüllte Partnerschaft zu führen; und in ein gesundes soziales Umfeld eingebunden zu sein. Für den einen mag davon das eine mehr zutreffen, für jemand anders etwas anderes. Summa summarum aber wenig Neues oder gar Spektakuläres.
Dass der Film neben diesen nicht wirklich neuen Gesichtspunkten auf noch etwas anderes hinsteuert, ist ersichtlich. Denn letzten Endes bedeutet Glück und glücklich sein für jeden Menschen etwas anderes. Selbst das stellt im Grunde aber eine triviale Erkenntnis dar. Doch bei dieser elitären Sinnsuche wird die ganze Zeit geflissentlich ausgeklammert, dass für die überwiegende Mehrheit der Menschheit, die in Armut, Hunger, Not, Elend und Krankheit lebt, Glück höchstwahrscheinlich schon die Abwesenheit von Leid darstellt. Der Film nimmt somit eine übertrieben bis chauvinistisch arrogante westliche Perspektive ein und bildet fast ausschließlich Menschen ab, die höchstens Wohlstandsnöte kennen. Wohingegen Menschen in Drittweltländern, die nicht genug zusammen bekommen, um ihren Kindern eine ordentliche Mahlzeit zu garantieren, sich vermutlich nicht einmal vorstellen könnten, worüber sich unsereins "Sorgen" macht.
Einmal wagt sich Glücksformeln dann doch in diese Gefilde und macht eine Aussage über Menschen in ärmlichen Verhältnissen. Die These: dass diese ihr glücklich sein, obwohl sie oft nicht genug zum Essen haben und kaum mehr besitzen als was sie am Leibe tragen, aus anderen Dingen beziehen, wie aus der Geborgenheit der Familie, ihrem Glauben, ihrer Religion. Wenn das so einfach wäre, dann hätte es in der Vergangenheit niemals Bilder von ausgemergelten Frauen in Schwarzafrika nach einer Hungerkatastrophe gegeben, die ihre verhungerten Babys wehklagend im Arm trugen. Angesichts solcher Realitäten klingen derartige Thesen im Film wie Hohn und Spott. Und selbst das für uns im Westen Geforderte hakt erheblich in seiner Logik: Wer kann es sich schon leisten, einem Job nachzugehen, der seine persönliche Passion darstellt. Auch bei uns leben viele Menschen an der Grenze zur Armutsschwelle oder darunter. Sie schuften oft für einen Hungerslohn 40 Stunden oder mehr die Woche und müssen zuweilen staatliche Hilfen beantragen, da es zum Leben trotzdem nicht langt.
Wenn also schon nach einer gemeinsamen Glücksformel gefahndet wird, sollte man sich erst an der Ursächlichkeit des menschlichen Daseins orientieren. Nicht umsonst heißt es, dass der Mensch ein bio-psycho-soziales Wesen ist. Diese drei Gesichtspunkte sind zwar im Prinzip gleichberechtigt, doch steckt auch eine essentielle Priorisierung darin: Erst wenn ein Mensch genug zu Essen hat, Kleidung, ein Dach über dem Kopf und ausreichend medizinische Versorgung, kann man beginnen, sich Gedankenexperimenten über das individuelle Glück hinzugeben. Glücksformeln muss der erhebliche Vorwurf gemacht werden, dass es zu diesen Punkten keine Stellung bezieht und sich damit begnügt, den Fokus auf eine Welt zu richten, in der es überhaupt möglich ist, nach so etwas wie individuellem Glück zu streben. Das ist aber (immer noch) die Ausnahme auf diesem Planeten.