Ohne Hardcorefans, die ihren Leinwandidolen derart nacheifern, dass sie am liebsten in deren Haut schlüpfen würden, wäre die bunte Scifi-Welt nur halb so schön. Die Briten Graeme und Clive sind genau aus diesem Holz geschnitzt. Ihre Welt besteht aus Comic- und Filmrealitäten, UFO -und Alienkult. Sie weilen gerade in der USA, um auf einem großen Kongress ihren favorisierten Autor zu treffen und anschließend mit dem Wohnmobil zu allen Plätzen zu Pilgern, die außerirdischen Besuchern schon mal als Landeplätze dienten. Harmlose Persiflage, die das Genre mit einem Augenzwinkern aufs Korn nimmt und ruhig etwas bissiger hätte ausfallen können.
Ohne Nerds und Geeks wäre manch ein Kultfilm kein solcher. Das trifft vor allem auf die eher speziellen Scifi-/Fantasy-/ und Comic-Adaptionen zu, die ohne ihre eingeschworene Fan-Community nie den cineastischen Stellenwert erlangen würden, den sie inne haben. Es sind genau jene Fans, die beim ersten Rumoren, der Georg-Lucas-Gerüchteküche, dass in einigen Monaten, in ausgesuchten Kinos, ein 30-Sekunden Teaser zu einem neuen Star Wars-Film zu sehen sein wird, bereits Tage oder Wochen vorher vor dem Kino in Clone-Krieger-Uniform oder Jedi-Gewand kampieren, um eine Kinokarte zu ergattern.
In Paul - Ein Alien auf der Flucht verkörpert der Comedy-Britdoppelpack aus Simon Pegg und Nick Frost, die auch privat befreundet sind und schon in Shaun of the Dead und Hot Fuzz - Zwei abgewichste Profis gemeinsam spielten, zwei britische Scifi-Nerds, die in die USA kamen, um auf einer Fantasy-Convention ihrem Lieblingsautor ihre Aufwartung zu machen. Und es hätte alles so schön für die Buddies Graeme (Pegg) und Clive (Frost) werden können: Frei wie der Wind folgen sie ihrer größten Leidenschaft und befinden sich in einem gemieteten Wohnmobil on-the-road zu den magischen Plätzen ihrer Weltanschauung. Plötzlich - mitten im Territorium, das zum Gebiet des Area 51 zählt - gerät unmittelbar vor ihnen ein Wagen ins Schleudern und kommt verbeult abseits des Highways zum Stehen. Natürlich halten die beiden sofort an, um nach dem Rechten zu sehen. Auf die folgende Begegnung haben sie aber nicht einmal ihre Phantasiewelten vorbereiten können: Vor ihnen steht ein leibhaftiger Außerirdischer.
Kleiner als ein Mensch, schlaksig, mit einem großen ovalen Kopf, haarlos und grau, hört er auf den Namen Paul und befindet sich vor einer dubiosen Bundesbehörde auf der Flucht. Er bittet Graeme und Clive ihn zu einem bestimmten Ort zu befördern, um von dort von seinen Weltraum-Kumpanen abgeholt werden zu können. Wenn es die drei nicht rechtzeitig dorthin schaffen, droht Paul allerdings eine unfreiwillige Spende seiner Organe an die Forschung.
In Filmen wie Fanboys wurden Nerds und Geeks bereits liebevoll verulkt und in Kick-Ass wurde eine bissige Satire daraus, bei der man final nicht ganz sicher sein konnte, ob sie gnadenlos mit all den nerdigen Vorstellungswelten abrechnet oder vielleicht ihrer eigenen Suggestion anheimfällt. In Paul - Ein Alien auf der Flucht beginnt alles betont gemächlich; die beiden Protagonisten werden in ihrem Alltag abgebildet. Dabei bedient man sich geläufiger Klischees: Sie interessieren sich eindeutig mehr für Comic-Books oder Scifi-Filme, denn fürs andere Geschlecht, sprechen Klingonisch miteinander, wenn sie keiner verstehen soll und mindestens einer von beiden hat ein leichtes Hygienedefizit.
Mehr als diese Sonderlinge wird in Paul - Ein Alien auf der Flucht die Science-Fiction-Welt im Allgemeinen (liebevoll) auf die Schippe genommen - insbesondere aber, die von Steven Spielberg. Überdeutlich sind die Sidekicks Richtung E.T. - Der Außerirdische und Unheimliche Begegnung der dritten Art. Die Men in Black bekommen aber ebenfalls ihr Fett weg. Das Erzähltempo zieht im Verlauf passend zur Handlung an und schraubt sich zuweilen in einigen Einlagen sogar in Actionfilm-Gefilde hoch. Spaß machen allerdings auch die etwas ruhigeren Passagen, deren Dialogwitz und die eingestreute Situationskomik weitaus besser ausfällt, als erwartet.
Highlight der Alien-Show bleibt allerdings der animierte Protagonist, ein ultracooles (beinahe) friedvolles und leicht anarchistisches Alien, das zwischendurch mal einen Joint durchzieht, ohne Beinkleider lässig einen baumeln lässt oder eine flotte Reggae Sohle aufs Parkett legt. Die Macher haben sich überdies auch Gedanken über die Landstriche gemacht, die auf diesem Road- wie Buddy-Movie durchquert werden; und so kommt es zu überaus schrägen Begegnungen mit reaktionären Bibel-Christen, die der Meinung sind, dass die Erde lediglich ein paar Tausend Jahre alt ist und Darwin in der Hölle schmort. Gekrönt wird die, selten wirklich fiese, Scifi-Persiflage schlussendlich durch den Auftritt der "Queen" der mysteriösen Behörde, die Paul zu "wissenschaftlichen Forschungszwecken" einfangen will.
Paul - Ein Alien auf der Flucht vermag gut zu unterhalten, wenn auch die Zielgruppe nicht unbedingt bei älteren Erwachsenen zu finden ist. Für die hätte die Gangart ruhig noch etwas derber sein können. So bleibt alles in allem ein eher komödienhafter Eindruck, der zwischen Hommage und sanfter Satire pendelt. Pegg und Frost harmonieren erwartungsgemäß gut, wenn ihnen von CGI-Paul die Show meist gestohlen wird. Kultverdächtig ist der Steifen zwar insgesamt nicht, den Gang ins Kino sollte man aber ebenfalls nicht bereuen müssen.