Die Finalszene ging in die Filmgeschichte ein, wie auch der Film selbst. Nach den klassischen Genremustern aufgebaut, zählte die Romanze zweier Menschen, denen das Leben schlechte Karten ausgeteilt hatte, zu den erfolgreichsten Filmen von 1982. Und mit seinem gekonnten Spiel der Hollywood-Partitur ging dies letztlich auch in Ordnung.
Das gute alte Studio-System gibt es in Hollywood nicht mehr. Zumindest nicht mehr so wie früher, als mächtige Produzenten wie Don Simpson der Besetzungscouch gegenüber saßen und junge Starlets wie Debra Winger als "nicht fickbar genug" titulierten oder gegen den Erfolg seines Titelsongs wetteten und letztlich nicht mal die Wettschuld einlösten. Am Ende erhielt im April 1983 jener Song ("Up Where We Belong" gesungen von Joe Cocker und Jennifer Warnes) gar einen Oscar und Debra Winger immerhin eine Nominierung als beste Darstellerin (verlor jedoch gegen Meryl Streep). Und Ein Offizier und Gentleman avancierte zum Kassenhit.
Lediglich E.T. - Der Außerirdische und Tootsie lockten mehr US-Amerikaner in die Kinos und für Hauptdarsteller Richard Gere sollte sein Engagement über acht Jahre hinweg die erfolgreichste Rolle seiner Karriere ausmachen (auch heute ist es noch der vierterfolgreichste Film in seiner Vita). Und dabei wäre es fast gar nicht dazu gekommen, denn das alte Hollywood präsentierte sich eher als marktschreierische Feilbieterei. Für den Part von Zack Mayo bevorzugte man John Denver, John Travolta, Jeff Bridges und Kurt Russell, die Rolle von Gunnery Sergeant Foley lehnte Jack Nicholson ab und auch Winger war ursprünglich nur vierte Wahl.
Aber weil Sigourney Weaver, Anjelica Huston und Jennifer Jason Leigh (die sich für Ich glaub', ich steh im Wald entschied) ablehnten und Winger wohl "fickbarer" erschien als Meg Ryan, erhielt die damals 26-Jährige den Zuschlag. Vom Endresultat profitierten schlussendlich alle Beteiligten, von Gere über Simpson bis zum Oscarprämierten Louis Gossett, Jr. und im Grunde auch Winger, die zusätzlich lernte, dass man sich allein deswegen einen Agenten holt, um ein Nacktszenen-Verbot in seinen Vertrag zu schreiben. Und gäbe es Ein Offizier und Gentleman nicht, man müsste auf eines der ikonographischsten Enden der Filmgeschichte verzichten.
In seinem Aufbau folgt Taylor Hackfords Film dabei bekannten Mustern. Zu Beginn wird Mayo als Waisenkind eingeführt, dessen Vater (drei von vier Wochen im Monat als Deckmann der Navy ohnehin abwesend) weniger Erzieher als Kumpel ist. Beide Männer teilen sich eine Wohnung und die Straßenprostituierten. Die Verkündung, dass Mayo, der im Grunde den gesamten Film hindurch primär auf seine Physis reduziert wird, einen Hochschulabschluss bewältigt hat, mutet unnatürlich an. Genauso wie seine Entscheidung, sich wie sein Vater der Navy zu verschreiben. Denn dem Sprichwort "wie der Vater, so der Sohn" wird dies nur bedingt gerecht.
Die Vermutung liegt nahe, dass Mayo in die Fußstapfen seines Erzeugers treten wollte, um zu beweisen, dass er als größerer Mann hervortreten kann. Auch wenn Mayo dies die meiste Zeit des Filmes nicht wirklich unter Beweis stellt. Wenn er sich später von Paula den Vorwurf gefallen lassen muss, er behandele Frauen "wie Huren", dann trifft dies ebenso zu, wie sein eigenes tränenreiches Geständnis gegenüber Foley, dass er nirgends anders hinkönne. Mayo ist eine alleingelassene Figur, der sich wie die anderen Charaktere in sein Schicksal zu fügen scheint und im Teufelskreis zu landen droht. Denn ein Offizier und Gentleman zu sein, ist in diesem Film ein Widerspruch.
Denn der Film präsentiert kaum eine männliche Figur, die kein Offizier der Navy ist. Und zugleich kaum eine Frau, die nicht darunter zu leiden hat. Mayos eigene Mutter wurde einst von seinem Vater verlassen und brachte sich schließlich um. Und auch Paula ist eigentlich das Kind eines Offiziersanwärters, der jedoch nach abgeschlossener Ausbildung seinen erzieherischen Pflichten den Rücken zukehrte. Wenn Mayo und Sid also mit den regionalen Arbeiterinnen Lynette und Paula anbandeln, dann wird dies zu Beginn von allen Vieren als Liaison auf Zeit verstanden. Erst als bei den Damen Gefühle und Wünsche einkehren, beginnt der Teufelskreis seine Bahnen zu ziehen.
Innerhalb des engen Korsetts des Genres bleibt für die Figuren wenig Bewegungsspielraum. So tut Sid im Grunde nur das, was von ihm erwartet wird. Sei es die Offiziersausbildung, die bereits sein Vater und Bruder bewältigten oder die Ehelichung jener Frau, die eigentlich sein Bruder heiraten sollte, der jedoch in Vietnam fiel. Und auch im Finale des Filmes, wenn Lynette versucht, mittels einer vorgetäuschten Schwangerschaft aus ihrem Teufelskreis auszubrechen, agiert Sid weniger nach eigenem Gutdünken, sondern nach der Erwartungshaltung, die von außen auf ihm abgelastet wird. Selbst Mayo und Paula können sich nur bedingt von gewissen Klischeevorstellungen lösen.
So folgt der Film inhaltlich und was die Katharsis seiner Hauptfigur betrifft dem, was man vom Romanzen-Kino des 20. Jahrhunderts gewohnt ist. Bis hin zum Finale, das selbst den Beteiligten ursprünglich zu kitschig war, am Ende jedoch konsequent und stimmig erscheint. Ein Offizier und Gentleman ist dementsprechend ein verdienter Klassiker, mit einem erfrischend jungen Richard Gere und einer Debra Winger, die nicht nur überzeugend spielt, sondern - entgegen der Meinung von Don Simpson - durchaus "fickbar" aussieht. Amüsant zudem die Einführung von Louis Gossett, Jr., der - von R. Lee Ermey geschult - dessen Aussehen und Sprachgebrauch aus Full Metal Jacket vorausgreift.
Ob Hackfords Film genauso gut funktioniert hätte, wenn John Travolta, Sigourney Weaver und Jack Nicholson die essentiellen Rollen übernommen hätten, lässt sich schwer beurteilen. Zu sehr ist Ein Offizier und Gentleman in seiner jetzigen Form im Gedächtnis verhaftet. Zugleich ist dies eine Romanze, wie man sie heute wohl kaum noch zu sehen bekommt, da sie heutzutage auch nicht mehr funktionieren würde. Für manch einen nostalgischen Sonntagnachmittag auf Kabel Eins oder, noch besser, im Original auf DVD ist der Film jedoch bestens geeignet. Und ein treffenderes Abschlusszitat eines Filmes hat es auch selten gegeben: way to go. Gut gemacht.