Im Himmel, unter der Erde - Der jüdische Friedhof Weißensee Poster

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Im Himmel, unter der Erde - Der jüdische Friedhof Weißensee

(Im Himmel, unter der Erde - Der jüdische Friedhof Weißensee, 2011)

Durchschnittliche Redaktionswertung

77%



Inhalt

Im Norden Berlins, inmitten eines Wohngebiets, liegt Weißensee, ein jüdischer Friedhof. Bereits seit 1880 gibt es den größten jüdischen Friedhof Europas und er umfasst inzwischen weit über 100.000 Gräber. Er wird auch heute noch für Bestattungen genutzt, doch sind es vor allem die bekannten Namen und die Geschichten die ihn so spannend und einzigartig machen.

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Im Himmel, unter der Erde - Der jüdische Friedhof Weißensee

Kritik

von Dimitrios Athanassiou

Wertung Kritik

77%

Der eine regelt alles zu Lebzeiten, damit er jetzt schon ganz beruhigt sein kann. Einem anderen ist völlig gleich, was mit ihm nach seinem Ableben passiert. Für die Zurückbleibenden ist es aber meist sehr tröstlich zu wissen, an welchem Ort sie den geliebten Menschen finden. Der jüdische Friedhof Berlin-Weißensee beherbergt über 100.000 Gräber. Seit seiner Gründung ist dieser Ort zu einer mystischen Totenstadt gewachsen, eingebettet in einem dichten Wald, angefüllt von Geschichte und individuellen Schicksalen. Britta Wauer entwirft mit Im Himmel, unter der Erde eine sehenswerten Portrait dieses Ortes, dass viel von seinem ureigensten Zauber wiedergibt.

Bild aus Im Himmel, unter der Erde - Der jüdische Friedhof Weißensee Am Ende des Lebensweges steht die letzte Ruhestätte, der Friedhof. In einer weitgehend entspiritualisierten Gesellschaft erfüllt er aber meist nur noch den Zweck einer Funktionsstätte, eines Ortes an dem man sich (gelegentlich) einfindet, um des Augenblicks und der Verstorbenen zu Gedenken. Das Judentum hingegen ist eine Religion, die sich bis heute viel von ihrer, zum Teil sehr mystisch wirkenden, Spiritualität bis hinein in den Alltag erhalten hat. So wundert es nicht, dass jüdische Friedhöfe gleichsam etwas "Magisches" ausstrahlen.

Der größte und bekannteste jüdische Friedhof in Deutschland ist der Friedhof Berlin-Weißensee im Berliner Bezirk Pankow. Er wurde bereits 1880 angelegt, steht seit 1970 unter Denkmalschutz, erstreckt sich über eine Fläche von 42 Hektar, beherbergt 115.000 Grabstellen und es finden dort noch immer Bestattungen statt. Doch man muss Jude sein, um auch dort bestattet werden zu können. Darüber hinaus ist dieser Friedhof ein sehr geschichtsträchtiger Platz. Nicht nur ein Hort der Geschichte, sondern auch der Geschichten. Viele davon sind in Stein gehauen. So bilden die Grabsteine und Mausoleen gewissermaßen lebendige Zeugnisse vergangener Epochen und der Friedhof wird regelrecht zu einer Totenstadt.

In Weißensee reihen sich die Grabessstätten nach einem komplexen Muster an- und nebeneinander. Man sieht zuweilen manch einen mit einer Karte hantieren, der von weither angereist ist, um das Grab seiner Angehörigen wiederzufinden, dass inzwischen mitunter von Efeu und anderem Gestrüpp völlig zugewuchert sein kann, dass es kaum noch als solches zu erkennen ist. Manchmal sind es auch Kunstlehrer mit ihren Schülern und Studenten, die über den Friedhof wandern und gezielt nach Grabhäusern und Grüften suchen, um sie in ihren Zeichenblöcken zu verewigen. Viele dieser Totenbehausungen sind regelrecht kleine architektonische Meisterbauten.

In viereinhalb Jahren Arbeit entstand Im Himmel, unter der Erde, der neue Film von Filmemacherin Britta Wauer, was sich auch im mehrfach wiederkehrenden Wechsel der Jahreszeiten spiegelt. In poetischen Bildern, die musikalisch passend unterlegt wurden, gelang es der Regisseurin das Leben auf dem Friedhof einzufangen, der sich von oben betrachtet, als geschlossene Waldfläche im Herzen Berlins präsentiert und sogar für Zoologen und Botaniker interessant ist, da er eine spezielle Fauna und Flora beherbergt, die man in einer Großstadt wie Berlin nicht erwarten würde.

Wauer beschränkt sich aber nicht allein auf die (schönen) Bilder. Sie lässt die Menschen zu Wort kommen: Angehörige, Angestellte, die Friedhofsleitung, die Polizei - die regelmäßig auf dem großen Terrain patrouilliert - und sogar Mieter (es gibt tatsächlich "normale Mieter", die im Gebäudetrakt des Friedhofs Wohnungen unterhalten). Alle äußern sich über den Friedhof, seine Geschichte und ihren persönlichen Bezug dazu. Manch einer erzählt beispielsweise, dass er erst als fast Erwachsener erfuhr, dass er Jude ist und Angehörige hat, die auf dem Friedhof beigesetzt sind.

Und auch das dunkelste Kapitel der Friedhofsgeschichte, das zugleich das dunkelsten Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte ist, wird nicht ausgeklammert. Es erscheint wie ein immenses Wunder, dass dieser Platz die zwölf Jahre des Naziterrors unversehrt überstand. Im Verlauf des Films wird die These geäußert, dass es daran lag, dass die (abergläubischen) Nazis eine gehörige Portion Respekt vor diesem mystisch anmutenden Ort hatten - andere jüdische Friedhöfe wurden aber geschändet und zerstört. Viel wahrscheinlicher ist also, dass sie glücklicherweise einfach nicht die Zeit fanden, diesen außergewöhnlichen Ort zu zerstören.

Da, wo ich oft gewesen bin, zwecks Trauerei, da bringt man dich und mich dann hin, wenns mal vorbei [...] Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit, drei Meter lang, ein Meter breit. Du siehst noch drei, vier fremde Städte, du siehst noch eine nackte Grete, noch zwanzig-, dreißigmal den Schnee - Und dann: Feld P - in Weißensee, in Weißensee. Mit diesen Zeilen aus einem Gedicht Kurt Tucholskys aus dem Jahre 1925 beginnt und endet die filmische Reise zum jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee. Dazwischen spannt sich ein Bogen aus Bildern voll Poesie, spannender Geschichten rund um menschliche Schicksale sowie wertvolle Informationen, dokumentarisch leichtfüßig aufbereitet. Oft sind solche Dokus aber trotz alledem nur schwerlich als Format für die große Leinwand sinnig umgesetzt. Im Himmel, unter der Erde bildet eine echte Ausnahme, die sich vor allem Geschichtsinteressierte nicht entgehen lassen sollten.

Keine weitere Wertung


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