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Bambi

(Bambi, 1942)

Dt.Start: 17. Juni 1993
DVD: 10. März 2011
Premiere: 08. August 1942 (UK)
FSK: ab 6 Genre: Abenteuer, Animation, Familie
Länge: 65 min Land: USA
Darsteller: Hardie Albright (Bambi), Stan Alexander (Flower), Bobette Audrey, Peter Behn (Thumber), Thelma Boardman (Mrs. Quail), Janet Chapman, Jeanne Christy, Dolyn Bramston Cook, Marion Darlington (Bird Calls), Tim Davis (Thumber)
Regie: David D. Hand
Drehbuch: Larry Morey, Perce Pearce


Inhalt

Nach seiner Geburt macht der junge Hirsch Bambi seine ersten Gehversuche im Wald, lernt die anderen Tiere kennen und freundet sich mit ihnen an. Seine Mutter weist ihn auf die Gefahren durch die Menschen hin, die unter anderem auf der Wiese lauern können. Eines Tages wird Bambi schließlich mit Jägern konfrontiert.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Bambi hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 72%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Lutz Granert
Bambi hat eine Wertung von 72%
Das ist die sprichwörtliche Niedlichkeit: Bambi ist eines der bekanntesten Werke aus dem Hause Disney und ein Meilenstein des Zeichentrickfilms. Doch trotz der in erster Linie jungen Zielgruppe lässt der Klassiker zugleich aufgrund seiner Entstehungszeit eine zeitgeschichtliche Lesart zu.

Bild aus Bambi Bambi wurde 1942 als vierter abendfüllender Zeichentrickfilm aus dem Hause Disney fertig gestellt. Obwohl schon 1936 mit der Umsetzung begonnen wurde, verzögerte sich die Produktion des Films immer weiter. Das kann nicht zuletzt Walt Disneys Perfektionsdrang zugerechnet werden, der - so geht aus den Extras der DVD hervor - auch Skripte von Meetings anfertigen ließ, in denen es um die Entwicklung des Drehbuchs ging. Nichts wollte er bei diesem auf dem gleichnamigen Roman von Felix Salten basierenden Archetypus einer Adoleszenzgeschichte dem Zufall überlassen. Einer Adoleszenzgeschichte, die die Lesart als ein ideologisch gefärbtes Politikum zulässt.

Zunächst jedoch illustriert Bambi in den ersten Filmminuten seine technische Virtuosität. Mittels des sogenannten Multiplan-Verfahrens, bei welchem mehrere gezeichnete Ebenen schablonenhaft übereinander gelegt werden, ist eine Kamerafahrt durch einen dreidimensional wirkenden Zeichentrickwald zu bewundern. Die Stimmung ist aufgrund feierlichen Gesangs und der Dunkelheit des dichten Geästs mystisch, die Figur des gerade erst geborenen young prince Bambi wird erst nach einigen Mini-Episoden um die anderen Bewohner des Waldes eingeführt. Mit der Aneignung der Sprache und dem Kennenlernen der Gefahren des Lebens ist Bambi das Symbol für die ebenso junge wie vitale, ebenso wissbegierige wie mit Konflikten konfrontierte Generation. Die Einführung der Wiese als gefährlicher Ort ist dabei nur ein Hinweis auf die anstehende Prüfung, die - wie fast immer in Disney-Filmen - ein Über-sich-hinaus-Wachsen und einen Reifeprozess der jungen Hauptfigur erfordert, um sie zu meistern und sich schließlich von jener Autorität zu lösen, die sie bis dahin mit bestimmender Hand durchs Leben führte.

Dieser Ort befindet sich außerhalb des eigentlichen Lebensraums der im Wald lebenden Tiere. Sie haben sich auf ein wenig definiertes, mit Nebel mystisch umhülltes, offenes Terrain begeben, von denen sie durch Jäger (men), die zugleich das unsichtbare Feindbild darstellen, vertrieben wurden. Eine Analogie zur isolationistisch betriebenen US-Außenpolitik vor dem Kriegseintritt im Dezember 1941 kann darin gesehen werden: Großbritannien wurde im Krieg gegen Nazideutschland unterstützt, doch die eigene Partizipation am Krieg abgelehnt gegen einen undifferenziert "böse" gezeichneten Feind, von dem eine ungewisse Bedrohung ausging, die jedoch (noch) keine Folgen für das gesellschaftliche Leben und den engeren Lebensraum der US-Amerikaner hatte.

Später, als Bambis Mutter von den unsichtbaren Jägern erschossen wird, erfährt er vom als great prince of the forest bezeichneten "Leithirsch", dass dieser sein Vater ist. Bambi und analog mit ihm die junge Generation muss lernen, mit Verlusten umzugehen, Verantwortung für das eigene Leben und - als Nachfolger der Mächtigen - das Leben anderer zu übernehmen. Der äußeren Bedrohung wird mit der Betonung der konservativen Werte der Familie und Pflichterfüllung die Stirn geboten, was auch die folgenden Szenen zum Balz- und Paarungsverhalten im Frühling zeigen. Die Entstehung der Kernfamilie mit Bambi und Hirschkuh Feline wird dadurch auf eine Probe gestellt, dass Bambi einen Rivalen ausstechen muss, was als Kampf von Schatten vor einer impressionistisch anmutenden, monochromen Waldkulisse dargestellt ist, um die Brutalität weniger grafisch erscheinen zu lassen. Erst dann ist der Weg frei für eine mit Blätterregen und Herumtollen zu Schmusemusik kitschig überladenen Sommerliebesnacht.

Die Bewahrung dieser Werte, das Kümmern um die Familie im Angesicht äußerer Bedrohung steht im weiteren Verlauf von Bambi im Vordergrund. Krähen und bissige Jagdhunde künden die Rückkehr der Jäger an. Dem verletzten Bambi gelingt es, zu entkommen, doch der Wald fängt ungleich der literarischen Vorlage Feuer, brennt nieder. Die eigenen Vorstellungen wurden übertroffen: Nicht nur der Feind bedroht die eigene Lebensumwelt, sondern auch dessen Zerstörungskraft. Im Wald herrscht Krieg, der Feind bleibt weiter unsichtbar, es bleibt nur die Flucht. Verluste werden in Kauf genommen, durch Fortpflanzung wieder ausgeglichen. An diesem Punkt lässt sich eine Analogie herstellen zu den Angriffen auf Pearl Harbor im Dezember 1941: Das traumatische Erlebnis einer großen Niederlage, die vergolten werden musste aber in der paralysierenden Ohnmacht noch nicht vergolten werden konnte. Das eigene Territorium (Wald) war nun vom Krieg betroffen, nachdem er zuvor vor den eigenen Landesgrenzen (Wiese) Halt gemacht hat.

Bambi ist somit ein buntes und fröhliches, aber - und darin liegt der pädagogische Wert - auch tragisches Märchen für die Kleinen, an denen auch die Extras der Diamond Edition ausgerichtet sind (u. a. ein Feature zum Leben echter Waldtiere). Gleichzeitig ist der technisch eindrucksvolle Zeichentrickfilm jedoch auch ein - wer sich auf diese Lesart einlassen möchte - differenziertes Vexierbild US-amerikanischer, zeitgeschichtlicher Befindlichkeiten für die Großen. Dass Bambi etwas mehr Inhalt gut zu Gesicht gestanden hätte, fällt in dieser dialogarmen Romanadaption, die zugunsten klarer Trennungen von Gut und Böse auf Grauschattierungen verzichtet, nicht weiter ins Gewicht. Ein Meilenstein des Zeichentrickfilms und ein typischer Disney-Film: Technisch perfekt, liebevoll animiert, unterhaltsam, aber manchmal einfach viel zu süß und fragwürdig im Subtext.



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