Lily lebt in ihrer eigenen Welt. Alleine mit ihrer Mutter auf dem Lande stört sich daran niemand. Als ihre Mutter aber plötzlich stirbt, nimmt ihre ältere Schwester den Platz des Hüters ein. Die besitzt ein scheinbar perfektes Leben, samt Gatten und Karriere, und Lily, die sie im Grunde über alles liebt, kann eine echte Plage sein. Regisseurin Fabienne Berthaud versucht in einem sensibel angelegten Film, die Geschichte zweier Schwestern zu erzählen, die in ihrer Dualität sich gegenseitig finden. Nett gemeint, aber plotschwach und irrlichternd, langweilt Barfuss auf Nacktschnecken viel zu sehr, als dass er wirklich Wirkung entfalten könnte.
Manchmal werden die Figuren in einem Film in eine absonderliche Realität transportiert, da sich in der Verfremdung gewisse Dinge erzählen lassen, ohne gleich so zu wirken, als wolle man mit der moralischen Keule über die Gesellschaft herfallen. Zuweilen versetzt man aber auch ganz triviale Geschichten in die (schräge) Wirklichkeit eines nicht der Norm entsprechenden Individuums, um durch diesen Kontrast zu entlarven, wie das stete Funktionieren und Angepasstsein, Menschen in Wirklichkeit auszehrt und mit sich selbst entzweit.
Barfuss auf Nacktschnecken funktioniert zum Teil wie eine Allegorie, eine Umkehrung von Alice im Wunderland, zugleich ist der Film auch ein konventionelles Schwestern-Drama, in dessen Mittelpunkt das Erkennen des eigenen Ich im Gegenüber steht. Lily (Ludivine Sagnier) ist anders. Obwohl körperlich eine erwachsene Frau um die 20, besitzt sie immer noch ein kindlich naives Gemüt. Sie lebt, weit abseits städtischen Trubels, mit ihrer Mutter draußen auf dem Lande in einem idyllischen Landhaus. Den lieben langen Tag macht sie was ihr immer in den Sinn kommt, dabei verweilt sie in ihrer eigenen Realität, in der die Regeln und Konventionen der Gesellschaft keine Macht haben.
Der plötzliche Tod ihrer Mutter versetzt ihr einen furchtbaren Schock, doch Lily wäre nicht sie selbst, wenn sie die versammelte Trauergemeinde nicht bereits während der Trauerfeier nach der Beerdigung brüskieren würde. Ihre Schwester Clara (Diane Kruger), die als Anwältin in der Stadt arbeitet und obendrein noch einen Anwalt geheiratet hat, ist bei der Beerdigung ebenfalls anwesend. Da sie sich große Sorgen um ihre Schwester macht, beschließt sie, ihren Job in der Stadt eine Weile ruhen zu lassen und sich ausschließlich Lily zu widmen. Eine Entscheidung, die zu einer Zerreißprobe wird: Lily treibt sie zuweilen in den Wahnsinn, ohne sie fühlt sich Clara aber unvollständig. Clara ist hin und her gerissen; so sehr, dass es sogar ihre Ehe gefährdet.
Dieser bunt-fröhliche Reigen, angesiedelt in einer verträumten sommerlichen Idylle, erinnert zu Beginn an eine Reihe von Filmen, in denen eine "geistig unterbemittelte Person" zum Helden hochstilisiert wird. Eine gewisse satirische Distanz mit etwas makaberem Humor relativieren diesen Eindruck aber soweit, dass man erwartungsfroh auf die künftigen Entwicklungen blicken möchte. Leider bleibt das auch so: Zeit vergeht, und der Streifen mäandert, schlingert und irrlichtert munter umher, dass niemand auch nur einen Cent darauf setzen würde, in welche Richtung die Macher vorhatten, die Story überhaupt zu lenken.
Von einer echten Handlung im eigentlichen Sinne zu sprechen, ist allerdings beinahe schon hochgestapelt. Barfuss auf Nacktschnecken lebt hauptsächlich von einer gut aufspielenden Ludive Sagnier, die ihrer skurrilen Filmfigur viele Ecken und Kanten verleiht; zuweilen wurden diesem Charakter, der eigentlich etliche geistige Defizite aufweisen soll, aber erkenntnishafte Sätze in den Mund gelegt, wie sie ein Psychoanalytiker nicht besser hätte formulieren können. Dieser Versuch, aus der naiven Lily samt ihrer simplen Weltsicht partout ein Art weise Instanz zu kreieren, die in der Lage ist, der älteren "normalen" Schwester den Spiegel vorzuhalten, verkommt allerdings damit ins Lächerliche.
Diane Kruger arbeitet nach Frankie bereits das zweite Mal mit der Regisseurin Fabienne Berthaud zusammen. Zugutehalten muss man der deutschen Schauspielerin, dass sie in diesem eher arthousigem Werk sich eines weitaus behutsameren, zurückgenommenen Spiels bedient, was ihr im Vergleich zu manch einer grotesken Show im Hollywood-Mainstream Pluspunkte einbringt. Was aber an der Figur der Lily den Guten zu viel hineingepackt wurde, fehlt Krugers Filmfigur an Unterbau, so dass ihr Wandel von der Karrieristin zur schönen vom Lande, die im hippiehaften Dasein final ihre Erfüllung findet, wenig glaubwürdig wirkt.
Barfuss auf Nacktschnecken beginnt als skurriler Trip in die Realität einer außergewöhnlichen jungen Frau, verkommt aber bald zu einer Aneinanderreihung von grotesken Situationen und einem emotionalen Ringkampf zwischen zwei (augenscheinlich) sehr unterschiedlichen Schwestern. Trotz ordentlicher schauspielerischer Leistungen, schönen Bildern und einem tragenden Score, ist diese zweifache Reise zu sich selbst aber alles andere als fesselnd und entwickelt durch ihr plotschwaches Herumstolpern reichlich Längen. Insgesamt wenig stimmig und mit Figuren bevölkert, die nicht wirklich interessieren wollen, wirkt der Streifen sogar etwas unterkühlt und lässt den Gang ins Kino alles andere als lohnenswert erscheinen.