In seiner humanistisch angehauchten Dokumentation Der erste Film versucht Mark Cousins, der Magie "Film" ein Sprachrohr zu verleihen. Das Ergebnis ist interessant, allerdings auch sehr willkürlich und letztlich weniger eine objektive Beobachtung vor Ort als vielmehr ein subjektives Filmtagebuch in einer gebeutelten Region.
Goptapa liegt in einem Land zwischen der Türkei und dem Iran. Einem Land, das seit Jahren in den westlichen Medien fast täglich auftaucht und von einem "bösen Mann" befreit wurde, wie Mark Cousins es formuliert. Dass es sich um den Irak handelt, wird nicht gesagt, aber deutlich gemacht. Die Wahl des Nordiren, ausgerechnet in Goptapa zu drehen, wird nicht erläutert. Mit lediglich 700 Einwohnern wirkt die Stadt nicht besonders einladend. Morgens um acht Uhr herrschen bereits 40 Grad Celsius, und das nächste Krankenhaus ist zwei Autostunden entfernt. Aber Regisseur Mark Cousins weiß: "There's magic everywhere".
Die Kinder in der nordirakischen Stadt ähneln denen im Westen - und doch auch wieder nicht. "They laugh at fart jokes and play with guns", berichtet Cousins. "There are lots of guns here and bombs, too." Was erschreckend anmutet, ist zumindest für Cousins selbst vertraut. Schließlich wuchs er während des Nordirlandkonflikts auf und damit ebenfalls mit Waffen und Bomben. Es ist diese Verbindung, die ihn in den Irak gebracht hat. Denn weil Cousins selbst Ablenkung in dem Besuch von Kinofilmen fand, will er auch den irakischen Kindern dieses Erlebnis ermöglichen. Schließlich kann Goptapa eine Erheiterung vertragen.
Im Gepäck hat Cousins Pelle der Eroberer, in welchem ein kleiner Junge in einer verlassenen Welt aufwacht und diese zu seinem Spielplatz wird. Und Chakmeh, ein iranischer Film, der von einem Jungen erzählt, der einen verlorenen neuen Schuh eines Mädchens aufspürt. Auch Das singende, klingende Bäumchen, Der Rote Ballon und E.T. - Der Außerirdische bekommen die Kinder zu sehen. "Films about love, solidarity and loneliness", sagt Cousins, der nach dem euphorischen Jubel der Kinder nach den Filmvorführungen resümiert: "I never heard such cheering at the movies."
Cousins ist für die Kinder eine willkommene Abwechslung, mit seinen Luftballons, Filmen und Kameras. Was jedoch nicht alle so sehen. Ein Mal kommt die Geheimpolizei vorbei, verbietet das Drehen und verlangt einen HIV-Test. Wieso und ob es zu weiteren Problemen kommt, verrät Cousins nicht. Als er den Kindern dann schließlich drei kleine Handkameras in der Größe eines iPhones gibt und sie zum Drehen schickt, macht er gleich deutlich, wem seine Sympathien gehören. Einem kleinen Jungen, dem er bereits vor einem Jahr begegnet war, als er nach der geeigneten Stadt suchte, und der sich am Ende zufällig (?) als Gewinn herausstellt.
Manche der Kinder filmen die Ramadan-Prozedur in der städtischen Moschee, andere rezitieren Gedichte in die Kamera oder filmen Gleichnisse mit Voice-Over. Zwei der Kinder befragen Erwachsene nach dem traumatischsten Tag in der Geschichte von Goptapa: dem 3. Mai 1988. An jenem Tag suchte die Anfal-Operation, ein Giftgasanschlag, die irakische Stadt heim. Eine Frau bricht während ihrer Beschreibungen in Tränen aus, als sie an all die toten Familienmitglieder denkt. Doch was Cousins wirklich begeistert, ist jener kleine Junge, der einen Freund beim Spielen im Schlamm filmt und dadurch dessen Innenleben porträtiert.
Es ist jener Junge, dem Cousins am Ende eine besondere Widmung verliest und ihm somit eine Sonderstellung schenkt. In vielen langen und oft redundanten Einstellungen hat er in Der erste Film gezeigt, was die Fantasie nicht nur, aber auch in Filmen für Kinder in Krisenregionen bedeuten kann. Einen Ausweg aus dem Alltag, eine Loslösung der vergangenen und gegenwärtigen Probleme. Das ist keine Offenbarung und nichts, was man sich nicht auch vorher schon gedacht hätte, aber es verleiht der hässlichen Fratze des Krieges, die sonst in den Medien angesichts des Namens "Irak" aufkommt, ein wärmeres Gesicht.