Es gibt Filme, über die man im Voraus am Besten nahezu gar nichts wissen sollte. Je unvorbereiteter man in Die Frau die singt gehen wird, desto größer wird der Kloß im Magen des Zuschauers nach dem Ende des Abspanns sein. Regisseur Villeneuve schuf ein emotional mitreißendes Drama, das mit seiner Intensität und Kompromisslosigkeit niemanden kalt lassen und nicht nur das Arthouse-Publikum begeistern wird.
Schon sein letzter Film Polytechnique, der sich im Jahre 2009 zum anspruchsvollen Geheimtipp des Fantasy Filmfests entpuppte, machte klar, dass man sich den Namen des Kanadiers Denis Villeneuve einprägen sollte. Sein neuestes Werk Die Frau die singt, basierend auf einem libanesischen Theaterstück, konnte sich nicht nur eine Oscar-Nominierung für den besten nicht englischsprachigen Film sichern: Auch auf diversen Filmfesten wurde es euphorisch aufgenommen und konnte auf dem Internationalen Filmwochenende Würzburg mit einem Erdrutschsieg den Wettbewerb gewinnen.
Nawal Marwan, Mutter der beiden Zwillinge Jeanne und Simon, war schon immer etwas verstört und auch deren Testament wirft viele Fragen auf. So bekommen ihre Kinder zwei Umschläge ausgehändigt, die sie ihrem Vater und ihrem Bruder aushändigen sollen. Dies ist vor allen Dingen deshalb überraschend, da sie bisher davon ausgegangen sind, dass ihr Vater längst verstorben sei und sie bislang nichts von der Existenz ihres Bruders wussten. Während Simon diese Aufgabe relativ egal ist, stürzt sich Jeanne intensiv in die Nachforschungen, auch in der Hoffnung, dass die Vergangenheit ihrer Mutter ihr oftmals seltsames Verhalten erklären könne.
Lange Zeit wird der Zuschauer im Unklaren gelassen, was ihn hier eigentlich erwartet, und je weniger man über die Zusammenhänge im Voraus weiß, desto eindringlicher funktioniert die grandiose Geschichte dieses Filmes. Die Frau die singt wird verschachtelt erzählt und zeigt zum einen die Geschehnisse in der Gegenwart auf der Suche nach Bruder und Vater, während sich der andere Handlungsstrang um die tragischen Erlebnisse der Mutter dreht. Obwohl über weite Strecken recht wenig passiert, wirkt der hochspannende Film zu keiner Sekunde langweilig. Das ist nicht nur der Grundthematik geschuldet, sondern auch den schockierenden Erlebnissen, die Nawal Marwan miterleben musste. Dass dabei keinerlei Blatt vor den Mund genommen und dem Zuschauer eine wirklich grandiose Auflösung offenbart wird, ist im Grunde nur das i-Tüpfelchen einer Geschichte, die man besser kaum erzählen könnte.
Wie schon in Polytechnique kann Denis Villeneuve seinen Film so eindringlich in Szene setzen, dass er zu jedem Zeitpunkt real und echt wirkt. Mit seiner schlichten, aber gleichermaßen intensiven und kompromisslosen Inszenierung nimmt er kein Blatt vor den Mund um den Zuschauer zu schockieren. Während der Film das Publikum durch die Auflösung der Geschichte mit einem Kloß im Hals zurücklässt, ist in Sachen Regie die kaltblütige Szene im Bus hervorzuheben. Obwohl Villeneuve nur selten die Kamera explizit auf die Gräueltaten hält und gegen den Trend bei einer Folterung eher weg- als zusieht, ist alleine die Vorstellung, was sich gerade außerhalb der Kamera abspielt, so intensiv, dass sie den Zuschauer kaum in Ruhe lassen wird.
Trotz seiner fast schon epischen Geschichte stehen nur wenige Figuren im Fokus. Diese werden von ihrem Darstellerensemble über weite Strecken sehr gut verkörpert. Die Belgierin Lubna Azabal erweist sich als Bestbesetzung für ihre eindringliche Figur und kann sowohl in den wenigen guten Momenten, als auch in den schockierenden Teilen eine intensive und glaubwürdige Performance abliefern. Während Maxim Gaudette eher blass bleibt und vor allen Dingen in der ersten Hälfte eher als Kontrapart eingefügt wird, gefällt seine Filmschwester Melissa Desomeraux-Poulin auf der Suche nach dem Vermächtnis ihrer Mutter umso mehr mit einer ähnlich gewaltigen Leistung wie die von Azabal.
Denis Villeneuve ist mit Die Frau die singt ein wahres Meisterwerk gelungen. Sein vielfach ausgezeichneter Film bietet eine emotional bewegende Geschichte und ist gleichzeitig ein Schlag, ach was, ein Kanonenfeuer in die Magengrube aller Zuschauer. Heraus kommt am Ende der bislang wohl beste Film des Jahres, der wohl auch nur schwer von seinem Thron zu stoßen sein wird.