Margin Call zeigt dem Zuschauer die Welt der Wall Street - Wolkenkratzer, teure Anzüge, unfassbare Löhne. Dabei bleibt der Film gänzlich auf der persönlichen Ebene der Akteure innerhalb der Investmentgesellschaft. Sehr gute Dialoge, eine Prise Humor und schöne Bilder - gemessen daran, dass man fast nur Glas, Stahl und Computerbildschirme zu sehen bekommt.
Kevin Spacey, Paul Bettany, Jeremy Irons, Stanley Tucci und Demi Moore - mit dieser Starbesetzung ist Margin Call ein eher ungewöhnliches Erstlingswerk. Das Thema lag dem jungen Regisseur J.C. Chandor persönlich nah, da sein Vater 40 Jahre in der Investment-Branche gearbeitet hat und er seinen Sohn dementsprechend bei den Nachforschungen für sein Drehbuch unterstützten konnte.
Eigentlich ist Peter Sullivan studierter Raketenwissenschaftler. Aber Zahlen sind Zahlen und an der Börse lässt sich einfach mehr Geld verdienen. Und Peter ist gut in seinem Job, wie er auf unschöne Weise erfahren muss: Sie kommen unauffällig, sind leise wie Fallschirmjäger und hinterlassen gleichermaßen ein Blutbad. Sie sind Freistellungsbeauftragte, die mit harter Hand und freundlichen Worten Karrieren beenden. 80% der Abteilung werden an diesem Tag entlassen. Peter bleibt.
Sein Chef, Eric Dale, war 19 Jahre lang für das Unternehmen tätig. Keine zehn Minuten dauert das Gespräch, dann darf er sein Büro räumen - mit einem Sicherheitsbeauftragten im Nacken. Sein Firmenhandy ist bereits abgemeldet. Eine Entscheidung, die man später noch bereuen wird. Am Aufzug schafft Dale es gerade noch, dem jungen Analysten Peter Sullivan einen USB-Stick in die Hand zu drücken.
Die von Heroes-Bösewicht Zachary Quinto gespielte Figur Peter ist für den Zuschauer der Identifikationspunkt des Films. Als junger Einsteiger in der Firma ist er noch nicht so abgehoben wie die erfahreneren Kollegen. Auch er staunt noch, als sein Chef erklärt, warum zweieinhalb Millionen auch privat schnell ausgegeben sind.
Margin Call schafft es nicht ganz, die Distanz zu überwinden, die Otto Normalbürger gegenüber den Figuren empfindet. Da hilft es auch nicht, dass sie mit Kaugummi spielen, sich freuen, wenn sie einen Korb in den Mülleimer gelandet haben oder weinen, wenn ihr Hund stirbt. "Fuck normal people" sagt einer der Mitarbeiter, als man über die Auswirkungen der Finanzkrise philosophiert. Dennoch werden die abgehobenen Akteure des Finanzthrillers verständlich gemacht und ihr Handeln wird nachvollziehbar - so fern sie dem Zuschauer auf anderer Ebene auch bleiben mögen.
Es mag schwer fallen, beim Thema Finanzkrise spannende Kinounterhaltung zu erwarten. Dennoch schafft der Film es, mit brillanten Dialogen und kleinen Gags eine Spannung aufzubauen, ohne sich aus dem Milieu, das er erzählt, herauszubewegen. Was man einerseits als Manko sehen kann - die Tatsache, dass Margin Call erzählerisch nie die Investmentgesellschaft verlässt, seine Figuren nicht in einen gesellschaftlichen Kontext setzt und auch keine Auswirkungen auf die Bevölkerung zeigt - ist vielleicht auch seine Stärke. Man mag es kritisch betrachten, kann die Ferne zur "Realität" bemängeln, aber aus der Enge, die sich J.C. Chandor als Umgebung für seine Geschichte gesucht hat, ergibt sich auch eine klare Eigendynamik.
Natürlich kommt Margin Call letztlich nicht darum herum, die Moralfrage zu stellen. Durch die unterschiedlichen Standpunkte der Figuren wird sie aber nicht abschließend beantwortet. Es gibt keine Bilder von Menschen, die ihren Job oder ihr Dach über dem Kopf verlieren. Stattdessen: Glas, Stahl und Bildschirme. Wir sehen nur die kühle Distanz der Wolkenkratzer - die Umgebung, in der auch die Entscheidungen getroffen wurden, die alles eingeleitet haben.