Ein zweifach verurteilter Sexualstraftäter zieht ins Haus nebenan ein - wie würden Sie reagieren? Zwischen Akzeptanz ob des juristischen Urteils und Demonstrationen zur Sicherheitsverwahrung stellt die Dokumentation der Regisseurinnen Mareille Klein und Julie Kreuzer die Frage, was eigentlich die größere Strafe für einen Sexualstraftäter ist: die jahrelange Haft oder das lebenslange Stigma?
"Wegschließen - und zwar für immer!", so äußerte sich Gerhard Schröder, Bundeskanzler a.D., vor zehn Jahren über den Sexualmord an der kleinen Julia aus dem hessischen Biebertal. Passend zur aktuell wieder aufflammenden Diskussion zur Sicherheitsverwahrung kommt nun Auf Teufel komm raus in die Kinos, eine Dokumentation über Karl D. aus der nordrhein-westfälischen Gemeinde Randerath, einem Stadtteil von Heinsberg. Vor zwei Jahren wurde Karl D. nach einer 14-jährigen Haftstrafe wieder auf freien Fuß gesetzt. Er soll 1994 zwei Mädchen, 14 und 15 Jahre alt, sexuell misshandelt, vergewaltigt und dann ihre Schamlippen zusammengenäht haben. Jetzt stehen die Mitglieder der Gemeinde vor seinem Haus und skandieren: "Wir wollen keine Kinderschänderschweine!".
Drastischer ist die rechtsradikale Fraktion, die nach "Ausrottung" und "Todesstrafe" ruft, und sich in einem Straßenzug ebenfalls zum Haus von Karl D. durchzuschlagen versucht. Beziehungsweise dem Haus von Helmut D., der seinen Bruder bei sich aufnahm und dadurch selbst zur Zielscheibe der Demonstranten wurde. "Nur im Doppelpack" kriege man sie weg, erklärt Helmut D. zu Beginn und äußert sein Vertrauen darin, dass sein Bruder unschuldig ist. Er sei "schon überzeugt, dass er es nicht war", erklärt Helmut und auch Karl bestätigt gegenüber der Kamera seine Unschuld. Für den Staat aber ist Karl D. ein Wiederholungstäter, saß er doch bereits 1985 fünfeinhalb Jahre wegen Vergewaltigung einer 15-Jährigen ein.
Damit zählt er juristisch gesehen zu jenen zehn Prozent der Sexualstraftäter, die laut einer Studie von 2006 wieder sexuell straf- beziehungsweise rückfällig werden. Vor zwei Jahren, als Mareille Klein und Julie Kreuzer die Dreharbeiten zu Auf Teufel komm raus aufnahmen, entfielen 0,26% der bundesweit verübten Straftaten auf den sexuellen Missbrauch von Kindern. Numerisch sind das 11.319 Fälle und damit fast 4.000 weniger als noch zehn Jahre zuvor. Aber wer interessiert sich für eine Rückfallquote und Straftatabnahme, wenn ein zweifach verurteilter Sexualstraftäter ans Ende der Straße einzieht? Da beruhigt auch die polizeiliche 24-Stunden-Überwachung die Bürger von Randerath-Heinsberg kaum.
Sowieso stellt man sich im Verlauf der Dokumentation mehr und mehr die Frage, ob die Polizei eigentlich die Menschen vor Karl D. beschützt oder nicht doch eher Karl D. vor dem Mob auf der Straße? "Ob das menschlich ist, weiß ich nicht", zeigt sich Helmut D. wenig verständnisvoll für die Demonstrationen, die scheinbar täglich von Statten gehen. Die Animosität der Demonstranten richtet sich dabei nur indirekt gegen Helmut D. selbst, mit hineingezogen wird der Familienvater allerdings dennoch. Kurzzeitig ziehen seine Frau und Sohn aus, Helmut D. wird wegen Morddrohungen ein Mal zwangweise in die Psychiatrie eingewiesen, ein anderes Mal landet er wegen dem Herzen im Krankenhaus.
Gegen den eigenen Bruder stellen will er sich dennoch nicht. "Er gehört zur Familie", sagt Helmut D. bestimmt. Später kommt die Frau mit dem gemeinsamen Sohn zurück, einige der demonstrierenden Frauen suchen den Dialog mit der Familie. Sie setzen sich mit Karl zusammen, der scherzt und versichert, er sei zu Unrecht verurteilt worden. Danach steht für manche der Damen fest, "dass ich nicht mehr demonstriere". Einige Tage darauf sind die Frauen selbst zu Opfern ihrer Mitdemonstranten geworden, die den vermeintlichen Schulterschluss mit dem "Kinderschänder" nicht begreifen können. Viel dreht sich hier um die Schuldfrage von Karl D., der lediglich die erste Vergewaltigung zugibt.
Eine Antwort gibt der Film nicht, lediglich eine Texttaffel zu Beginn verkündet den Sachverhalt und das Urteil des Gerichts. Details zur zweiten Verurteilung von Karl D., ein Statement seines damaligen Verteidigers oder des Staatsanwaltes erspart sich der Film. Ob Karl D. schuldig ist oder nicht, muss der Zuschauer für sich selbst entscheiden, ohne sich an Beweisen für die eine oder andere Seite orientieren zu können. Ebenso lässt Auf Teufel komm raus Stellungnahmen der Polizei und des Gemeinde- oder Landrats zu den Vorkommnissen in Randerath vermissen. Was umso bedauerlicher ist, da Helmut D. zu einem Zeitpunkt schwere Vorwürfe gegen die Kriminalpolizei (die ihn überfallen haben soll) und einen der Landräte (der die Demonstrationen angeblich absegnet) erhebt.
Insofern hat die Dokumentation eher beobachtenden, denn aufklärenden Charakter. Überraschenderweise weisen zwei der Demonstrantinnen selbst eine sexuelle Misshandlung in ihrer Jugend auf, was ihrer Aktion etwas mehr Tiefe und Verständnis verleiht. Ohnehin bezieht Kleins und Kreuzers Film aus der Gegenüberstellung der beiden Positionen seine große Stärke. Juristisch gesehen hat Karl D. seine rechtmäßige Strafe erhalten, faktisch hat diese jedoch erst begonnen, beziehungsweise dauert sie an. Im Mittelpunkt steht dabei weniger der Sexualstraftäter selbst, als vielmehr sein loyaler Bruder. Blut ist dicker als Wasser, heißt ein altes Sprichwort und Helmut D. ist ein lebendes Beispiel dafür.
Was emotional in Karl D. vor- und was das Streitthema Sicherheitsverwahrung angeht, kann die Dokumentation sicherlich nur bedingt eruieren, weshalb sie sich Analysen und Positionierungen erspart. Stattdessen liefert der Film Einblicke in die Denke von Menschen, in das Dilemma des Widerspruchs von juristischer und emotionaler Gerechtigkeit. Darf Karl D. nach abgesessener Haft auf freien Fuß, aber bitte nicht in meine Gemeinde? Soll er als Präventionsmaßnahme in Sicherheitsverwahrung, aber wenn ja, wie lange? Fragen, die Klein und Kreuzer nicht beantworten können, müssen oder sollen, sondern die ans Publikum weitergegeben werden. Auf Teufel komm raus widmet sich einem interessanten, spannenden und wichtigen Thema, auch wenn er einige journalistische Fragen offen lässt.