Gekaufte Wahrheit - Gentechnik im Magnetfeld des Geldes Poster

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Gekaufte Wahrheit - Gentechnik im Magnetfeld des Geldes

(Gekaufte Wahrheit - Gentechnik im Magnetfeld des Geldes, 2010)

Dt.Start: 10. März 2011 Premiere: 30. Juli 2010 (Festival, Deutschland)
FSK: nicht bekannt Genre: Dokumentation
Länge: 91 min Land: Deutschland
Darsteller: n/a
Regie: Bertram Verhaag
Drehbuch: Bertram Verhaag


Inhalt

Bertram Verhaag begibt sich auf Spurensuche in der Sparte der Gentechnik. Ist bei dieser Zukunft verheißenden Technik wirklich alles so, wie es behauptet wird? Er lässt ehemalige Wissenschaftler zu Wort kommen und deckt Skandale auf.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Gekaufte Wahrheit - Gentechnik im Magnetfeld des Geldes hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 85%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Harald Witz
Gekaufte Wahrheit - Gentechnik im Magnetfeld des Geldes hat eine Wertung von 85%
Die schöne Neue Welt schwärmt von genmanipulierten Superprodukten, die billig und nahrhaft und resistent gegen die Fiesheiten der Natur sind. Doch wie in Aldous Huxleys Roman trügt der Glanz dieser Welt. Bertram Verhaag porträtiert mit seiner Doku Gekaufte Wahrheit - Gentechnik im Magnetfeld des Geldes die Gepflogenheiten der Unternehmen der Gentechnologie-Branche. Er zeichnet auch die Vereinnahmung von Politik und Wissenschaft auf, um kritische Einwände gegen den Unternehmenserfolg gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Bild aus Gekaufte Wahrheit - Gentechnik im Magnetfeld des Geldes Echte Thriller kommen immer aus dem prallen Leben. Wer erinnert sich noch an Fernando Meirelles Oscargewinner "Der ewige Gärtner" (2005)? Darin wird der Pharmaindustrie vorgeworfen, in Afrika illegale Arzneimittel-Experimente durchzuführen. Es muss nicht immer die Dritte Welt sein, in der Unternehmen ihre dominante Stellung zur Vergrößerung ihres Gewinnes ausnutzen und dafür zu Mitteln, die juristisch wie moralisch verwerflich sind, greifen. Vor allem muss es keine Fiktion sein, um einen weltumspannenden Verschwörungsthriller zu kreieren.

Bertram Verhaag porträtiert die noch junge Branche der Gentechnologie, die unter dem hehren Ziel (und massiven Subventionen) entstanden ist, um Hunger und Krankheit aus der Welt zu schaffen, weil herkömmliche Landwirtschaft und Medizin dies nicht vermögen. Der engagierte Dokumentarfilmer Verhaag nennt sein Porträt Gekaufte Wahrheit - Gentechnik im Magnetfeld des Geldes einen Thriller und hat damit gar nicht so unrecht. Spannend sind die 91 Minuten allemal, denn der engagierte Dokumentarfilmer weiß, wovon er erzählt.

Seit langem schon beschäftigt er sich mit den Gepflogenheiten der Gentechnologie-Branche und der feindlichen Übernahme der Wissenschaft durch Unternehmen. So hielt er mit der Kamera den aussichtslosen Kampf eines Mannes gegen den Monsanto-Konzern (Percy Schmeiser - David versus Monsanto, 2009) fest, begleitete Wissenschaftler, deren Karrieren von multinationalen, agro-chemischen Konzernen zerstört wurden (Scientists under Attack, 2009), und berichtete über die Auswirkungen von genmanipulierter Nahrung in Leben außer Kontrolle (2004). Bereits im letzten Jahr legte er ein Porträt des Ernährungswissenschaftlers Arpad Pusztai (The Wistleblower) vor.

Gekaufte Wahrheit darf man als Quintessenz seiner bisherigen Arbeit verstehen, die sich nahtlos in die Reihe von Industrie-Porträts stellt, die seit Monaten die Verbraucher aufrütteln wollen. So kann man Coline Serreaus sezierendes Plädoyer für eine alternative Landwirtschaft (Good Food Bad Food) und Joachim Tschirners Einblick in die zerstörerische Macht der Atomindustrie (Yellow Cake) durchaus noch in ausgewählten Kinos bewundern. Werner Bootes erschütterndes Porträt des Triumphzugs der Kunststoffindustrie (Plastic Planet) ist bereits auf DVD erhältlich.

Bertram Verhaags Porträt einer Industrie, die wie kaum eine andere auf dem Kreuzpunkt verschiedener elementarer Branchen und gesellschaftlicher Bedürfnisse steht, erhebt keinen Anspruch auf eine umfassende Bestandsaufnahme. Dafür ist das Thema zu komplex, schwierig zu vermitteln und die anderthalb Stunden Laufzeit der Dokumentation zu kurz. Der in München beheimatete Filmemacher konzentriert sich deshalb auch auf das Porträt zweier Individuen: der bereits erwähnte, ungarisch-stämmige Topwissenschaftler Arpad Pusztai und der mexikanische Mikrobiologe Ignacio Chapela. Ersterer gab 1999 ein 150 Sekunden langes Interview zur Lage der Gentechnik und wurde daraufhin aus dem britischen Forschungsbetrieb entfernt. Pusztai hatte öffentlich Studien gefordert, die die langfristigen Risiken von genmanipulierten Produkten untersuchen sollten. Vom Genuss genmanipulierter Produkte riet er ab.

Chapela hingegen konnte seinen Posten nur nach langwierigen Querelen und juristischen Winkelzügen behalten, nachdem er in Mexiko den Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen nachweisen konnte, obwohl entsprechende Versuchsfelder (angeblich) über 1000 Kilometer entfernt in den USA lagen. Mittlerweile hat er sich dem Kampf um die Freiheit der Wissenschaft verschrieben und demonstriert vor einem Schutzzaun der renommierten Universität von Berkeley eindringlich, welche Macht und welchen Einfluss Konzerne auf die Wissenschaft haben.

Das Faszinierende an Verhaags Spurensuche ist die Leichtigkeit, mit der er Unfassbares und Erschreckendes zutage fördert - die Zerstörung der unabhängigen Wissenschaft und die Illusion, dass gentechnisch veränderte Produkte von Bio oder herkömmlicher Natur zu trennen sei. Seine Beschränkung auf diese beiden Thesen lässt ihn auf eine nähere Betrachtung der tieferen Strategien der multinationalen Konzerne ebenso verzichten wie auf Einblicke in Branchen jenseits der Landwirtschaft.

Pusztais Warnungen vor den Unzulänglichkeiten der Gentechnik hat Konzerne wie Monsanto nicht davon abgehalten, mit ihren patentierten Produkten zielgerichtet weltweit zahllose Futterpflanzen aus den Märkten zu drängen (also aktiv zum Aussterben gebracht) und ganze nationale Landwirtschaften in ihre Abhängigkeit zu zwingen. Indem man genmanipuliertes Getreide vertreibt, das als einziges ausgerechnet auf das hauseigene Herbizid resistent ist, verdient man sogar doppelt, wie Verhaag feststellt.

Verhaag wagt es allerdings nicht, Schlussfolgerungen zu ziehen. Er überlässt dies den Zuschauern. Sie dürfen Ausführungen von weiteren Aktivisten wie Agrarexperte Antonio Andrioli, Andrew Kimbrell (International Center for Technology Assessment) und Bestseller-Autor Jeffrey M. Smith, Photos (wie das von Pusztai mit Premierminister Blair) selbst bewerten.

Mindestens genauso tiefgreifend ist das Beispiel des Ölkonzerns BP, der sich mit einer $500 Mio.-spende das Mitspracherecht bei der Forschung an der renommierten Berkeley-Universität erkauft hat. Nun bestimmt man, was erforscht wird und mehr noch, welche Ergebnisse publiziert werden. Diese Kontrolle über die Forschung und Information erlaubt es, die Verbraucher und Politiker nicht nur im Dunkeln tappen zu lassen, sondern sie auch gezielt zu desinformieren. Chepala und Pusztai vermuten, dass mittlerweile 95% der Forschung von privaten Geldgebern abhängig sind. Damit gehört nicht nur eine freie Wissenschaft der Vergangenheit an sondern auch die Verlässlichkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Fortschritt selbst gerät in Misskredit.

Schade, dass Verhaag auch hier eine tiefere Analyse auslässt. Auch hier überlässt er es den Zuschauern, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, die ja nur in einer weiteren Vertiefung des Misstrauens gegen Politik, Wirtschaft und Institutionen kulminieren können.

Bezeichnend sind die Gemeinsamkeiten mit den anderen, bereits genannten Industrie-Porträts. Die Großkonzerne verfolgen offensichtlich dieselben Strategien zur Durchdringung und Dominanz von Märkten. Für den Unternehmensgewinn ist jedes Mittel recht, wie es scheint. Lügen, Betrügen und Manipulieren sind also keine Marketingstrategien mehr, sondern Stilmittel des ökonomischen Erfolges. Das Ziel, die totale Abhängigkeit von Märkten und die rücksichtslose Ausbeutung von Ressourcen sowie Konsumenten, macht auch vor geistigem Gut nicht mehr Halt. Tatsächlich ist ja einer der lukrativen Zweige der Gentechnologie das Patentwesen.



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