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Kleine wahre Lügen

(Les Petits Mouchoirs, 2010)

Dt.Start: 07. Juli 2011 Premiere: 11. September 2010 (Toronto Film Festival, Kanada)
FSK: ab 12 Genre: Komödie, Drama
Länge: 154 min Land: Frankreich
Darsteller: Francois Cluzet (Max Cantara), Marion Cotillard (Marie), Benoit Magimel (Vincent Ribaud), Gilles Lellouche (Eric), Jean Dujardin (Ludo), Laurent Lafitte (Antoine), Valérie Bonneton (Véronique Cantara), Pascale Arbillot (Isabelle Ribaud), Joel Dupuch (Jean-Louis), Anne Marivin (Juliette), Louise Monot (Léa), Hocine Mérabet (Nassim), Mathieu Chedid (Raphael), Maxim Nucci (Franck), Néo Broca (Elliot)
Regie: Guillaume Canet
Drehbuch: Guillaume Canet


Inhalt

Obwohl ihr guter Freund Ludo nach einem schweren Verkehrsunfall im Krankenhaus liegt und mit dem Tode ringt, entschließt sich die Freundesclique um Restaurantbesitzer Max und seine Ehefrau Véro dazu, den traditionellen alljährlichen gemeinsamen Urlaub in ihrem Strandhaus am Cap Ferret zu verbringen. Doch die anfängliche Fassade aufgesetzter Fröhlichkeit von Max, Véro und ihren Freunden Vincent, Antoine, Eric und Marie beginnt alsbald zu bröckeln, und lange verschwiegene Geheimnisse werden enthüllt.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Kleine wahre Lügen hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 85%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Kleine wahre Lügen hat eine Wertung von 85%
Wahre Freunde sind in der Not füreinander da. Selbst die besten Freunde führen aber auch ein eigenes Leben, und manch fremder Schicksalsschlag passt da nicht immer gut ins Programm. Während Ludo nach einem Verkehrsunfall mit dem Tode ringt, fahren seine Freunde in den gemeinsamen Urlaub. An der malerischen Atlantikküste versuchen sie, die Zeit zu genießen, machen sich aber im Grunde was vor. Jeden quälen persönliche Ängste und Sorgen, die zwar überwiegend trivial sind, jeden Einzelnen aber einnehmen, dass er kaum mehr als das wahrnimmt. Tolles Kino aus Frankreich mit hervorragenden Darstellern, das die Frage nach dem wirklich Bedeutungsvollen aufwirft.

Bild aus Kleine wahre Lügen Wann immer sich das französische Kino auf seine ureigensten Stärken besinnt und damit innehält, sich stilistisch am Übersee-Mainstream zu orientieren, vermag es verblüffende Ergebnisse zu erzielen. Guillaume Canets dritte Regiearbeit Kleine wahre Lügen ist ein hervorragend besetzter Ensemblefilm, der am Beispiel einer bunten Freundestruppe einen Blick auf die alltäglichen Banalitäten in unseren Köpfen wirft, mit denen wir uns gerne, allzu ich-bezogen, belastet wähnen. Hierzulande mögen die meisten der Darsteller nicht allzu bekannt sein, in Frankreich zählen sie aber überwiegend zur schauspielerischen Garde, was sich in den satten zweieinhalb Stunden, die niemals langatmig erscheinen, auch bewahrheitet. Einzig ernstliche Kritik, die man formulieren mag, ist, dass überwiegend die männlichen Figuren im Mittelpunkt des Geschehens stehen, während die Frauen, abgesehen von einer Ausnahme, eher schmückendes Beiwerk sind.

Zu Beginn steht ein tragischer Motorradunfall, nach dem das Leben von Ludo (Jean Dujardin) am seidenen Faden hängt. Selbstverständlich spricht sich das in seinem Freundeskreis in Windeseile herum. Alle eilen an sein Krankenbett und sind einerseits heilfroh, dass er noch am Leben ist, anderseits schockiert über die Schwere seiner Verletzungen und die schlechte Prognose. Nur Marie (Marion Cotillard) gelingt es, trotz ihrer Betroffenheit nicht in Schockstarre zu verfallen und sich dem Schwerstverletzten menschlich zuzuwenden; ihn zu berühren und ihm einen Kuss zu geben.

Während Ludo um sein Leben ringt, beschäftigt sich die Truppe aber bereits mit einem anderen Dilemma: dem bereits geplanten Sommerurlaub, den alle traditionell gemeinsam in der traumhaft an der südwestfranzösischen Atlantikküste gelegenen Villa von Max (Francois Cluzet) verbringen. Pietätlos geht gleich auf dem Bürgersteig vor dem Krankenhaus das Geschachere los: Fahren oder nicht fahren? Am Ende beschließen sie, da ohnehin alles für den Urlaub vorbereitet ist und sie für Ludo im Augenblick nichts tun können, zumindest zwei von eigentlich drei geplanten Wochen wegzufahren. Lediglich Marie zeigt Skrupel, lässt sich letztendlich aber von der Gruppendynamik mitreißen. Am Urlaubsort angekommen, werden die größeren Dramen prompt verdrängt und alle versuchen auf heile Welt zu machen.

Kleine wahre Lügen ist auf den ersten Blick ein Film, in dem nicht allzu viel passiert. Abgesehen vielleicht von wenigen skurrilen Höhepunkten wie Vincents (Benoit Magimel) Offenbarung: Er schockiert seinen alten Freund Max, der regelmäßiger Patient in Vincents Chiropraktiker-Praxis ist, mit der Enthüllung, romantische Gefühle ihm gegenüber entwickelt zu haben; obschon Vincent verheiratet ist und Kinder hat. Der gemeinsame Urlaub gerät damit zu einem Spießrutenlauf, bei dem jeder Blick und jede Berührung die von Vincent ausgeht, von Max, der sich nun im homophoben Wahn befindet, gleich fehlinterpretiert wird. Abgesehen von diesem Motiv, das im Verlauf immer wieder bemüht wird und für reichlich Erheiterung sorgt, spielt sich hinter den Fassaden, die alle Beteiligten sorgsam aufrechterhalten, im Grunde aber nur Triviales ab: Zwei der Herren haben Liebeskummer, Marie panische Angst vor Nähe und Max geht überdies auf Marderjagd und treibt des Nächtens zuweilen alle noch in den Wahnsinn.

Es ist der feinfühlige Blick aufs beinahe Belanglose, den Canet einnimmt, auf die kleinen Ängste und Probleme, die wir alle mit uns mitschleppen und gerne hochstilisieren - schließlich sind sie diejenigen, die uns selbst am nächsten sind. Dabei zeichnet er sich stilistisch nicht unbedingt durch außergewöhnliche Tiefgründigkeit oder komplexe Psychogramme aus, sondern vielmehr durch eine Leichtigkeit, die trotzdem nichts an menschelnder Qualität vermissen lässt. Selten verliert er seine Protagonisten aus dem Fokus und fängt sie eben damit in ihrem egozentrischen Gefangensein ein. Der komödienhafte Ton, mit vielen kleinen mehr oder minder turbulenten Einlagen, mag dabei schon fast als dramaturgische Tarnung verstanden werden, wenn auch fast zwei Stunden vergehen, bis zur Entlarvung geschritten wird.

Dass die Charaktere in ihrer Selbstbezogenheit und mitunter sogar Selbstgefälligkeit irgendwann die Realität einholen muss, scheint unvermeidlich. Dennoch gelingt es lange Zeit, gleichermaßen für den Zuschauer jene Illusion zu zimmern, mit der sich dieser illustre Freundeskreis umgibt, und so kommt die finale Wendung vielleicht nicht unbedingt unvorhersehbar, dennoch verblüffend genug, um unwillkürlich aufzuschrecken. Herausgerissen aus der Scheinrealität und der Scharade, wird damit auch dem Zuschauer im sicheren Kinosessel schmerzlich bewusst, dass der Mensch Meister der Verdrängung ist. Kleine wahre Lügen ist seit langem eine der leichtfüßigsten Tragikomödien, die aus dem Füllhorn des Lebens schöpft, vom völlig Banalen bis zum absolut Bedeutungsvollen.



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