In manchen Kulturen ist eine junge hübsche Frau gerade so viel wert, wie sie an Brautgeld einbringt. Für Arben sind 10.000 Euro ein Betrag, den er für seine Liebste, Etleva, nicht aufbringen kann. Schwanger und entehrt kann ihre Familie sie aber keinem anderen Bräutigam mehr geben. Arben muss das Geld auf Gedeih und Verderb irgendwie beschaffen. Sein Weg führt ihn von den Bergen Albaniens nach Deutschland, und fast zwangsläufig beginnt für ihn hier eine kriminelle Laufbahn. Spannend erzählte Geschichte, inszenatorisch nicht immer ganz auf der Höhe und ohne Big-Drama, dafür atmosphärisch dicht und mit authentischen Typen bevölkert.
Es ist der Traum von der großen weiten Welt - und wenn schon nicht reich, dann zumindest wohlhabend genug, um sich und seiner Liebsten ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Der Albaner handelt von Arben (Nik Xhelilaj), einem jungen Albaner, der samt seiner Familie ein kärgliches Dasein in den Bergen seiner Heimat fristet. Die Landschaft mag von wildromantischer Pracht geprägt sein, Arbeit gibt es dort aber keine. So reisen die Männer der Familie immer wieder nach Griechenland und verdingen sich dort für einige Monate im Jahr als Tagelöhner. Reich wird davon niemand: Abzüglich der Wucher-Visa, welche die griechischen Behörden kassieren, bleibt gerade mal so viel, dass Ardens Familie über die Runden kommt. Wer versucht, illegal einzureisen, um am Ende mehr Netto vom Brutto zu haben, wird vom griechischen Zoll an den Landesgrenzen oft dingfest gemacht und darf sich einer "gastlichen" Behandlung sicher sein.
Arden träumt indes von mehr und ist zudem über beide Ohren verliebt. Etleva (Xhejlane Terbunja) heißt seine Angebetete, und sie erwidert seine Liebe, ihre Eltern wollen aber einen anderen Mann für sie, einen der wohlhabend ist. Das hält die beiden aber nicht davon ab, ihre Liebe - wenn auch insgeheim - zu leben. Etwas, was in dieser abgelegenen Region Europas, in der kulturell noch viele archaisch anmutenden Regeln und Konventionen gelten, außerordentlich riskant ist. Als Etleva schwanger wird, machen ihre Brüder mit der Flinte Jagd auf Arden. Der kommt nur knapp mit heiler Haut davon. Bei einer Zusammenkunft beider Familien, die dieses Problem aus der Welt schaffen soll, heißt es, dass Arden seine Etleva nur dann zur Frau bekommt, wenn er 10.000 Euro "Ablöse" zahlt. Soviel Geld kann Arden niemals aufbringen. Er hat aber gehört, dass es in Deutschland möglich sei, viel Geld zu machen; so macht er sich auf, in dieses ihm unbekannte Land, dessen Sprache er nicht mächtig ist. Angekommen, muss er schnell einsehen, dass er als Illegaler mit Hinterhof-Jobs, in denen er lediglich ein paar Euro die Stunde verdient, niemals das Geld zusammenbekommt, das er braucht. Kurzerhand schließt er sich einer Schleuserbande an, die illegal Menschen ins Land befördert; ein menschenverachtendes Geschäft, auf den ersten Blick lukrativ, in Wahrheit aber lebensgefährlich.
Dass Der Albaner ausgesprochen vielschichtige Motive bemüht, kann man dem Film nicht gerade vorwerfen - und sicherlich ist die Grundgeschichte ordentlich mit Klischees beladen: Der unvermeidliche Weg aus Liebe und Geldnöten heraus in die Kriminalität quillt nicht gerade vor Originalität über. Anderseits sind die geschilderten Lebensrealitäten in abgelegenen albanischen Regionen durchaus glaubwürdig, um nicht zu sagen, authentisch. Die kriminelle Karriere wirkt somit in ihrer "Zwangsläufigkeit" durchaus plausibel und nachvollziehbar. Und ohne Zweifel ist die Geschichte auf eine Weise erzählt, die die Sympathien auf der Seite des charmanten Protagonisten vereinigt.
Störender erweist sich die augenfällige inszenatorische Diskrepanz zwischen den Anteilen, die in Albanien und Deutschland spielen. Während die albanischen Filmsequenzen mit viel Liebe zum Detail und atmosphärischem Ethnokolorit umgesetzt wurden, wirken die Spielszenen in Good-Old-Germany trist und lieblos - mitunter wie ein zweitklassiger TV-Krimi erzählt. Mag man dabei versucht gewesen sein, diese Gegensätze bewusst als Kontrast einzusetzen, fällt die Story, während sie sich ihren Weg vorbei an deutschen Betonsilos, Schrottplätzen und Hinterhöfen sucht, dramaturgisch spürbar ab; obschon viele der wesentlichen Höhepunkte des Films hier stattfinden.
Insgesamt entpuppt sich Der Albaner aber dennoch als erfreulich stimmige Inszenierung, die zwar nicht wirklich viel Neues zutage fördert. Das, was sie zeigt, spricht allerdings eine klare wie deutliche Sprache und ist eher noch geschönt als überzeichnet. Vielleicht ist es dann eben dieses Quäntchen an großem Drama, das vermisst wird, damit der Film zu einem richtigen Aha-Erlebnis hätte werden können. Dem entgegen steht die Qualität des Alltäglichen: Die Geschichte eines (durchschnittlichen) jungen Mannes, den der Sog des Schicksals mitriss und das Leben zu dem machte, was es am Ende ist. Ein Film, den man nicht gesehen haben muss, der aber durchaus den Gang ins Kino lohnt.