Es ist die älteste Geschichte der Welt und das am meisten bemühte Motiv im Film: Mädchen trifft Jungen. Das macht die junge Angele sogar öfter und bezahlt mit der einzigen Währung, die sie besitzt: Sex. Manchmal schon dafür, um ihrem Sohn, der bei ihren Schwiegereltern lebt, ein kleines Geschenk machen zu können. Eine Frau auf der Flucht, vor sich, vor ihrer Vergangenheit, vielleicht vor ihrer Zukunft. Als sie den beinahe stoischen Tony trifft, scheint sich einiges zu ändern. Puristisches Drama und brüchige Romanze zugleich, entpuppt sich Angele und Tony als reichlich unterkühlt und zu arm an Sympathiepunkten, die ein Mitfühlen erlauben würden.
Zwei Jahre saß Angele im Gefängnis, weswegen wird weder im Verlauf der Filmhandlung offenbart, noch anderweitig erschöpfend thematisiert. Aktuell befindet sie sich auf Bewährung auf freiem Fuß. Zu den strengen Auflagen, damit das auch so bleibt, gehören, dass sie einer geregelten Arbeit nachgeht und einen festen Wohnsitz vorweisen kann. Leicht macht es Angele ihrem Bewährungshelfer aber wirklich nicht. Wie ein Blatt im Wind wird sie vom Strom des Lebens hin-und hergerissen. Das spiegelt sich auch in ihrem Wesen, ihrer Mimik und Gestik: Angele ist stets unruhig, rastlos, nervös und wirkt affektiert.
Als sie Tony begegnet, der auf der Suche nach einer Frau ist, beginnt eine komplizierte Annäherung. Sie will ihm seine Freundlichkeit mit schnellem Sex vergelten, doch Tony sucht etwas anderes und weist sie körperlich zunächst zurück. Stattdessen bietet er ihr an, im familiären Fischereibetrieb mitzuarbeiten, gegen Kost und Logis sowie ein kleines Einkommen. Tonys Mutter hält von der jungen Herumtreiberin aber wenig. Und Angele droht sich obendrein ein ums andere Mal diese Chance zu vermasseln; doch Tony entpuppt sich als Fels in der Brandung - ein Ankerpunkt für Angele, an dem sie festmachen kann, aber keine endgültige Garantie, dass sie ihr Leben auch wirklich in den Griff bekommt.
Zuweilen können sich Schauspieler einen Wolf spielen, und der Funke will dennoch nicht überspringen. Im Falle der spröde-brüchigen Romanze zwischen Angele und Tony, die atmosphärisch wie visuell passend in den rauen Gefilden der Normandie angesiedelt wurde, liegt das womöglich an der weiblichen Hauptfigur. Clotilde Hesme zieht alle Register ihres Fachs, um die Zerrissenheit ihres Charakters in allen Akzenten auszudrücken. Sie pendelt zwischen vordergründig hart, obszön wie vulgär und anderseits verletzlich; zwischen schnellen, schmuddeligen Vögeleien, an eine Mauer gelehnt, wie völliger Unfähigkeit echte Emotionen zu artikulieren. Eine echte Sympathieebene ihr gegenüber will sich so schwerlich einstellen. Insgesamt zu kalt und abweisend erscheint diese Figur, als dass man mit ihrem Schicksal partizipieren möchte. Selbst im Ringen darum, ihren Sohn zurückzubekommen, will man sich nicht ohne weiteres mit ihr solidarisieren. Zu stark ist das Gefühl, dass es dem Kind bei den Großeltern wesentlich besser ergehen muss.
Trotz offensichtlichem Purismus wartet die Geschichte mit mehr als einer schroffen Romanze auf, sowie dem Bestreben einer Mutter, ihr Kind vom Gericht zugesprochen zu bekommen: Auf Seiten der Fischerfamilie liegt einiges im Argen; sowohl was das Verhältnis Tonys seinem jüngeren Bruder gegenüber angeht als auch auf der Familienebene insgesamt. Vor sechs Monaten ertrank Tonys Vater, sein Leichnam wurde aus der See aber nicht geborgen. Tony versucht ihn immer noch verzweifelt zu finden; es ist fast eine Art Obsession geworden, die ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Sogar teure Taucher bemüht er für diese Suche.
So großartig die Darsteller, besonders Gregory Gadebois als Tony, so wenig will die Geschichte insgesamt berühren. Der Erstling der Regisseurin Alix Delaporte besitzt die Qualitäten eines kruden Märchens, dass von Figuren bevölkert wird, die das Leben zeichnete. Die kleine Flamme, der magische Funke, der das Ganze auf ein poetischeres Niveau, auf eine andere Ebene des Realismus befördert, will aber nicht aufkommen. Inszenatorisch zu einförmig und emotional zu spröde macht es Angele und Tony somit schwer, warm mit der Geschichte zu werden.