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Over Your Cities Grass Will Grow

(Over Your Cities Grass Will Grow, 2010)

Dt.Start: 27. Oktober 2011 Premiere: 16. Mai 2010 (Cannes Film Festival, Frankreich)
FSK: nicht bekannt Genre: Dokumentation
Länge: 105 min Land: Frankreich, Niederlande, UK
Darsteller: Anselm Kiefer (er selbst), Klaus Dermutz (Interviewer)
Regie: Sophie Fiennes
Drehbuch: nicht bekannt


Inhalt

Der weltbekannte Künstler Anselm Kiefer schuf zwischen 1993 und 2008 die über 35 Hektar große Alternativwelt "La Ribaute" im französischen Barjac. Die britische Filmemacherin dokumentierte den alchemistischen Schaffensprozess zwischen Natur und Kunst. Hügelige Landschaften, alte Industriegebäude, Studioräume, eigens gegrabene Tunnellabyrinthe und eine Serie von Betontürmen verschränken sich zu einem Gesamtkunstwerk.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Over Your Cities Grass Will Grow hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 47%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Florian Lieb
Over Your Cities Grass Will Grow hat eine Wertung von 47%
Mehr Videobegleitmaterial denn Dokumentation begleitet Sophie Fiennes' Kamera in diesem Film mit bewunderndem Blick den exzentrischen Anselm Kiefer bei seiner Arbeit in seiner Installationsruine "La Ribaute". Viele hübsche Bilder von Screensaver-Qualität machen hier jedoch keinen hübschen oder gelungenen Film. Stattdessen kommen einem Fragen wie "Was ist eigentlich Kunst?" Oder: Was ist eigentlich nicht Kunst?

Bild aus Over Your Cities Grass Will Grow In einem Kellergewölbe scheppert Porzellan. Teller fliegen zu Boden und zerbersten, die Scherben schlittern über den kalten Boden in alle Richtungen. Hierbei handelt es sich nicht um einen Polterabend. Auch nicht um einen Ehestreit. Hier ist einer von Deutschlands wichtigsten Künstlern am Werk: Anselm Kiefer, Preisträger des Verdienstkreuzes 1. Klasse. Die meiste Zeit der 1990er und 2000er Jahre verbrachte Kiefer im französischen Barjac. Hier erbaute er seine Alternativwelt "La Ribaute", die mit ihren zerbrochenen Vasen, aufgetürmten Hausfassaden und unfertigen Zementblöcken aussieht wie eine gewöhnliche Baustelle. Wie ein abgebrochenes griechisches Bauprojekt.

Die Schwester der Schauspieler Ralph und Joseph Fiennes, Sophie mit Vornamen, hat sich nun nach Barjac bequemt, um "La Ribaute" und Kiefer dokumentarisch festzuhalten. Zu Beginn schwebt ihre Kamera 15 Minuten lang durch die kiefersche Installationswelt. Die Kamera fährt durch die Installationsgänge, schwenkt von rechts nach links, verlässt die Installationen. Es folgt ein Outzoom, die Kamera schwenkt von rechts nach links, sie dringt ein in die Installationen. Immer wieder gleitet die Kamera wie eine Schlange durch die sterile Welt einer vermeintlichen Ruine, zugleich gelobpreiste Kunst. Ruhige Kamerafahrten. Outzooms. Schwenks von rechts nach links.

"Trümmer sind an sich Zukunft", hat Anselm Kiefer 2005 in einem Interview mit ZEIT-Journalist Klaus Dermutz erklärt. Jenem Jahr, in dem er das Bundesverdienstkreuz erhielt. Die Inspiration für seine Materialbilder scheint der Schwabe nach eigenen Aussagen aus der Bibel gewonnen zu haben. Trümmer sind Zukunft, alles was ist, vergeht. Der alttestamentarische Prophet Jesaja soll laut Kiefer gesagt haben: Über euren Städten wird Gras wachsen. "Dieser Spruch hat mich immer fasziniert", verrät Kiefer. Nur findet er sich so nicht in Jesaja. Vielleicht meinte Kiefer die Stelle "seine Städte werden verlassen sein für immer, dass Herden dort weiden, die niemand verscheucht" (Jes 17,2).

Es bleibt auf jeden Fall kryptisch. Auch in einer Interviewpassage mit ebenjenem Klaus Dermutz, die in der Mitte von Over Your Cities Grass Will Grow platziert wurde und eine gut halbstündige Beobachtungsphase von Kiefers Arbeitsprozessen ablöst, wird der Künstler Anselm Kiefer nicht greifbarer. Der Exil-Deutsche spricht von Heidegger und dem "Gefühl der Langeweile", deren Existenz der Grund für den Wissensgewinn ist. "Sonst erfährt man ja nichts, wenn man nicht Langeweile empfindet". Dermutz ist bemüht, Oberhand im Interview zu behalten, gelingen will es ihm nicht so recht. Und als Zuschauer fragt man sich, weshalb Sophie Fiennes die religionsgeschwängerten Kommentare von Kiefer nicht als Voice Over für ihre zuvor steril-stumme Betrachtung der Arbeitsprozesse nutzte.

Doch Fiennes beschränkt sich auf die reine Beobachtung. Sie will keine Information vermitteln, weshalb sie auch nichts in Frage stellt, ja, nicht einmal Fragen stellt. Stattdessen filmt sie Kiefer, wie er mit seinen Sandalen auf seinen Bildexponanten rumwatschelt, hier und da etwas Leim hinkleckert und ab und an halbgare Sätze rauspresst wie "Ich bin mir nicht sicher", "vielleicht" oder "mal schaun". Seine künstlerischen Entscheidungen wirken bisweilen willkürlich, dem Trial & Error Verfahren nachempfunden. Ist ein Exponat für eines seiner Bilder zu groß, schickt er den Helfer los, um eines zu finden, das eben passt. Kunst als Zufallsprodukt. Wenn die Marmelade im richtigen Moment vom Brot tropft, ist ein Meisterwerk erschaffen. Oder wie Kiefer sagt: "Malen, um zu erkennen".

Und während man Kiefer dabei beobachtet, wie er Glasscheiben kaputt wirft, Löcher in den Boden buddelt und sie mit Zement auffüllt oder Asche auf Bilder streut ("Die Asche ist das letzte Medium"), kommen einem als Zuschauer ganz andere Fragen. Zum Beispiel, warum man für all den Zement, den Kiefer hier vergeudet, indem er ihn in den Boden gießt, nicht eine Schule in Afrika gebaut hat? Oder: Wenn eine Installation, die aussieht wie eine Baustelle, Kunst ist, ist dann auch jede Baustelle, die keine Installation ist, Kunst? Falls ja, was ist dann eigentlich nicht Kunst? Und nicht minder interessant wäre eine Dokumentation über diese Dokumentation gewesen. Ein Film, der der Frage nachgeht, wer solche Werke wie Over Your Cities Grass Will Grow eigentlich produziert.

Denn wer soll sich diesen Film anschauen? Die breite Masse sicher nicht. Kunst-Groupies vielleicht. Kiefer-Fans, die es sicherlich gibt. Studenten einer Kunsthochschule möglicherweise. Aber decken die erwarteten Einnahmen dieser Nischengruppe die Produktionskosten des Filmes? Oder ist Sophie Fiennes' Film Kunst um der Kunst willen, mit der Inkaufnahme von finanziellen Einbußen? Und wie sieht es mit "La Ribaute" aus. Ist das eine Touristenattraktion? Wie finanziert es sich? Wer 15 Jahre lang Personal beschäftigt und Zement in den Boden gießt, muss damit ja einen Zweck verfolgen, denn ausgestellt werden kann Kiefers Installation in keinem Museum der Welt. Und wer macht sich schon auf den Weg nach Barjac, um "La Ribaute" zu besichtigen? Kunst-Groupies vielleicht? Kiefer-Fans?

Die Fragen, die Over Your Cities Grass Will Grow auslöst, sind auf jeden Fall spannender als die Dokumentation am Ende selbst. Interessant wäre gewesen, etwas mehr über Kiefer zu erfahren und seine Arbeit. Was man nicht nur dadurch erreicht, indem man diese bewundernd abfilmt. Wenn das Zerwerfen von Porzellan Kunst ist, haben wir dann nicht alle das Potential zum Künstler? Dazu, der Star einer Dokumentation zu werden, die von der kleinen Schwester irgendwelcher Promis gefilmt wird? Banksy hat derartige Fragen im vergangenen Jahr sehr geschickt und unterhaltsam mit Exit Through the Gift Shop beantwortet. Fiennes gelingt dies leider nicht. Ihr steriles Porträt eines sperrigen Künstlers erweckt vielmehr ein Gefühl von Langeweile. Nur erfährt man hier nichts, wenn man Langeweile empfindet. Heidegger hin oder her.



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