Angekündigt mit dem Namen des vielversprechenden Produzenten Guillermo del Toro, entpuppt sich Agnosia wider Erwarten weder als gruseliger Horror-Trip wie Das Waisenhaus, noch als außergewöhnlich fantasievolles Meisterwerk wie Pans Labyrinth. Stattdessen trägt es eine ganz andere Handschrift, die des Drehbuchautoren Antonia Trashorras, der schon bei The Devil's Backbone für das Skript zuständig war. Agnosia schafft es, dauerhaft eine ähnlich beklemmende Atmosphäre zu schaffen, wenngleich die Dramatik für das ein oder andere Gemüt teils zu stark ins seifenopernartige abrutschen dürfte. Shakespeare lässt grüßen.
Joana ist die Tochter des erfolgreichen Waffenfabrikanten Artur Prats und erkrankt zu Beginn des Films an der sogenannten Seelenblindheit, auch visuelle Agnosie genannt. Als Folge kann sie zwar die Konturen von Menschen und Gegenständen wahrnehmen, diese jedoch nicht genauer definieren oder gar identifizieren. Diese Tatsache macht sich sogleich ein Widersacher ihres Vaters zu Nutze, der diesen um seine bedeutendste Erfindung bringen will, ein spezielles Fernglas, welches dem Besitzer auf dem Schlachtfeld erhebliche Vorteile verleihen würde.
Nach einer optisch eindrucksvollen Einleitung bahnt sich in klaren Bildern zügig ein teils surreales Katz- und Mausspiel an, an welchem der Protagonist und Dienstbote Vincent unfreiwillig teilnimmt. Bietet dieses Grundkonstrukt Potenzial für zahlreiche unterschiedliche Ansätze und Herangehensweisen, nutzt Regisseur Eugenio Mira die Schauspielfähigkeiten seiner beiden Hauptdarsteller und verzichtet auf allzu bildgewaltige Einstellung, um nicht von diesen abzulenken.
Mit an Bord ist neben den beiden Charaktermimen Bárbara Goenaga und Eduardo Noriega auch die deutsche Schauspielerin Martina Gedeck als rücksichtslose Geschäftskonkurrentin, deren bisherige Karriere sich über Filme wie Das Leben der Anderen, Der bewegte Mann oder Der Gute Hirte erstreckt, die im Film aber eine eher kleine Rolle einnimmt. Eduardo Noriega spielt währenddessen die Doppelgänger-Rolle, sowohl die Fälschung wie auch das Original, äußerst intensiv, und Bárbara Goenaga als geplagte und isolierte Erbin kann auf ganzer Linie überzeugen. Beide liefern wirklich gute Schauspielarbeit ab.
Zwischenzeitlich verzichtet das Drehbuch leider zugunsten einer einprägsamen Romanze zu sehr auf überraschende Wendungen, lässt damit insgesamt etwas an Finesse missen. Dennoch bläst das höchst aufwühlende Finale den einen Teil der Zuschauer emotional hinfort, während der andere Teil die shakespeareschen Ansätze der tragischen Heldenfigur als Seifenoper-Dramatik abtun dürfte.
Letztendlich ist es aber eine hochwertige und stille "Oper", die von der problematischen Situation und den einprägsamen Charakteren getragen wird. Eine Romanze, die selbst Kitsch glaubhaft rüberbringt. Eine düstere Tragödie, die sich mit der Intensität eines Theaterstücks als emotionaler Doppelgänger entpuppt, welcher dem Publikum ein metaphorisches Glitzern in die Augen zaubert, während eine große Träne seine Wange runterläuft.