Der Fall Chodorkowski sorgte schon vor seiner Erstaufführung für Aufsehen, als bekannt wurde, dass von Unbekannten Filmmaterial gestohlen wurde. Tatsächlich ist der Film durchaus brisant, schließlich beschäftigt sich der Filmemacher Cyril Tuschi mit der bis heute fragwürdigen Verhaftung eines der mächtigsten Männer Russlands und Gegenspieler Wladimir Putins, wofür Tuschi über 180 Stunden Interviewmaterial sammelte. Der fertige Film ist zwar streckenweise recht informativ, aber kaum spannend oder unterhaltsam gestaltet und darum deutlich anstrengender, als er sein müsste. Leider nähert sich Tuschi der Figur Chodorkowski zudem zu einseitig und spart wichtige Fakten über seine wirtschaftlichen Tätigkeiten aus, wodurch sein Lebenslauf nur lückenhaft nachvollziehbar ist.
Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, warum ein Regisseur fünf Jahre seines Lebens der Recherche über das Schicksal eines wegen Steuerhinterziehung verhafteten russischen Oligarchen widmet. Normalerweise ist ein Filmemacher nicht zwangsläufig in der Pflicht, mit seinem Film auch die Frage nach seiner Motivation zu beantworten, doch wenn ein verurteilter russischer Oligarch in der Opferrolle präsentiert und somit zwangsläufig zum Sympathieträger erklärt wird, wäre es hilfreich, um den Film für den neutralen Zuschauer nachvollziehbar zu machen.
Technisch wurde Der Fall Chodorkowski, der mit einem verhältnismäßig kleinen Budget von 400.000 Euro verwirklicht wurde, eher mäßig umgesetzt. Dies liegt unter anderem an der teils schlechten Bildqualität, die in der heutigen Zeit kaum auf Geldmangel zurückgeführt werden kann. Das Bildmaterial ist häufig wenig ansprechend und in einigen kurzen Sequenzen, die offensichtlich Online-Videos entnommen wurden, teilweise sogar verpixelt, was auf einer Leinwand kaum noch zumutbar ist. Bei unverzichtbaren Aufnahmen kann man dies verzeihen, doch die entsprechenden Sequenzen sind keinesfalls unentbehrlich. Überhaupt wirkt vieles für eine Vorführung im Kino einfach nicht professionell genug. Zwischenzeitlich macht Tuschis Film gar einen etwas unbeholfenen Eindruck. Bezeichnend hierfür ist ein Interview, das Tuschi per Skype in einem dunklen Zimmer am heimischen Schreibtisch führt. Hier hätte man mit wenig Aufwand einen deutlich besseren optischen Eindruck hinterlassen können. Eine künstlerische Komponente gibt es aber dann doch: Zwischen den Interviews gibt es ab und an kurze Animationen zu sehen. Auch wenn diese sehr einfach und nicht immer handlungsdienlich sind, lockern sie das Geschehen zwischenzeitlich auf. Besonders zu Beginn, wo der Film noch recht vielversprechend ist, ist der Einsatz dieses Stilmittels gelungen.
Ein großes Manko ist das Verhältnis zwischen Spielzeit und Informationsgehalt. Wäre die Dokumentation nur halb so lang, würde man sich hinterher wahrscheinlich nicht weniger informiert fühlen. Leider wird der Film mit zunehmender Spieldauer immer langatmiger und zäher, sodass er anstrengender ist, als er eigentlich sein müsste. Etwas mehr Leichtfüßigkeit und der Verzicht auf einige unnötige Szenen, die aus dem Zusammenhang fallen, hätten hier schon Abhilfe geschaffen. Statt den Zuschauer bei der Hand zu nehmen, überlässt ihn Tuschi ab der Hälfte des Filmes sich selbst, nimmt seine Kommentare zurück und reiht etliche Interviews aneinander, deren Aussagen sich zum Teil wiederholen. Dabei muss man Tuschi Respekt zollen, denn in der Auswahl der verschiedenen Interviewpartner wurde gute Arbeit geleistet. So kommen neben ehemaligen Geschäftspartnern Chodorkowskis auch dessen Familie und Politiker, wie der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer, zu Wort.
Schade ist auch, dass auf die wirtschaftlichen Beziehungen Chodorkowskis zu den USA kaum näher eingegangen wird. Vieles wird nur angedeutet und erst gegen Ende werden die USA noch einmal in Bezug auf mögliche Fluchtmöglichkeiten Chodorkowskis aufgegriffen. Leider erfährt man insgesamt viel zu wenig über Chodorkowskis genaue wirtschaftliche Tätigkeiten. Zahlen und Fakten zu den Unternehmen währen schön gewesen und hätten die unzähligen Interviews mit fundierten, objektiven Fakten "aufgelockert" und zudem eine wissenschaftliche und journalistisch anspruchsvollere Basis geschaffen. Auch hätte man entsprechende Informationen visuell durch Grafiken veranschaulichen können. Leider wird auch zu wenig über den Übergang von Chodorkowskis Bank Menatep zu dem gigantischen Ölkonzern Yukos deutlich. Die Entwicklung und somit auch der Aufstieg dieses Mannes sind somit trotz dafür ausreichender Spielzeit nicht komplett und nur lückenhaft nachvollziehbar.
In seinen ersten Testscreenings wurde Cyril Tuschi vorgeworfen, sein Film sei zu sehr auf der Seite Chodorkowskis und blende die Gegenseite aus. Obwohl Tuschi sein Werk um einige kritische Stimmen ergänzte, besteht daran, dass Tuschi von der Unschuld des Oligarchen überzeugt ist, zu keinem Zeitpunkt ein Zweifel, wodurch die "richtige Meinung" von vornherein festzustehen scheint. Dabei besteht natürlich Grund zu der Vermutung, dass auch die Weste Chodorkowskis nicht absolut weiß ist. Wie hieß es in dem Balzac-Zitat, das Mario Puzo seinem legendären Roman "Der Pate" voranstellte: "Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen". Statt sich selbst auch kritisch dem Oligarchen zu nähern, wird vorausgesetzt, dass Wladimir Putin ihn einfach aus dem Weg schaffen wollte. Natürlich besteht aller Grund dazu, skeptisch gegenüber der Verhaftung Chodorkowski wegen Betrugs, Geldwäscherei und Unterschlagung zu sein. Hinzu kommt die unter anderem von Putin in einem Fernsehinterview geäußerte Anschuldigung, dass Chodorkowski auch an mindestens einem Mordfall beteiligt gewesen sein soll.
Am Ende steht eine Dokumentation, aus der man deutlich mehr hätte machen können, die filmisch höchstens durchschnittlich umgesetzt wurde und dramaturgisch unausgereift wirkt. Letzten Endes wird aber jeder, der noch nie zuvor von Chodorkowski gehört hat, nach diesem Film wissen, wer dieser Mann ist, und warum sein Fall so interessant ist, und damit hat Cyril Tuschi mit Der Fall Chodorkowski schon einiges erreicht.