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12th & Delaware

(12th & Delaware, 2010)

Dt.Start: nicht bekannt Premiere: Januar 2010 (Sundance Film Festival, USA)
FSK: nicht bekannt Genre: Dokumentation, Drama
Länge: nicht bekannt Land: USA
Darsteller: n/a
Regie: Heidi Ewing, Rachel Grady
Drehbuch: nicht bekannt


Inhalt

Die Oscar-nominierten Regisseurinnen Heidi Ewing und Rachel Grady dokumentierten die Verhältnisse in einem Anti-Abtreibungscenter und einer Abtreibungsklinik - die ironischer Weise in ein und derselben Straße gegenüber voneinander existieren. Zwischen Beratungsgesprächen und Straßendemonstrationen halten sie den ganz normalen ideologischen Alltagswahnsinn fest, der sich jeden Tag an der Ecke 12th und Delaware in Fort Pierce, Florida abspielt.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

12th & Delaware hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 81%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Florian Lieb
12th & Delaware hat eine Wertung von 81%
Jeder zweite Amerikaner ist was Abtreibungen anbelangt "pro-choice", die andere Hälfte wiederum "pro-life". Heidi Ewing und Rachel Grady dokumentierten diese ideologische Gesellschaftskluft in ihrem jüngsten Film 12th & Delaware, indem sie sowohl eine Abtreibungsklinik als auch eine Lebensrechtsbewegung mit ihrer Kamera begleiteten.

Bild aus 12th & Delaware Im Dokumentarfilm Freakonomics heißt es in einem Segment, dass die Grundsatzentscheidung Roe v. Wade, die 1973 in den USA bundesweit Abtreibungen legalisierte, dafür verantwortlich sei, dass in den 90er Jahren die Kriminalität abgenommen hätte. Weniger ungewollte Kinder, weniger potentielle Kriminelle - so die Rechnung. Laut dem Guttmacher Institut fanden daraufhin in den USA von 1973 bis 2008 rund 50 Millionen Abtreibungen statt. Das sind im Schnitt 1,4 Millionen im Jahr, 2008 waren es zuletzt 1,21 Millionen. Florida war ein Jahr zuvor der US-Bundesstaat mit den meisten Schwangerschaftsabbrüchen gewesen. Dort trägt sich auch die Handlung von 12th & Delaware zu.

In Fort Pierce, einer Küstenstadt in Florida, eröffnete 1991 an der Kreuzung der 12th Street und der Delaware Avenue das A Woman's World Medical Center - eine von 816 Abtreibungskliniken in den USA. Als acht Jahre später das Grundstück auf der Straßenseite gegenüber frei wurde, war es innerhalb der nächsten 24 Stunden bereits wieder verkauft. 1999 ließ sich hier das Pregnancy Care Center nieder, eine von 4.000 amerikanischen Lebensrechtsbewegungen. Seither herrscht ein ideologischer Psychokrieg zwischen beiden Parteien. Die eine Seite ist "pro-life", die andere "pro-choice". Tagtäglich belagern Leute die Abtreibungsklinik, halten anstößige Bilder hoch und machen religiöse Stimmung gegenüber deren Patientinnen.

"Lass Gott in dein Leben", werden die Frauen gebeten, während ihnen auf die letzten Meter mitgegeben wird, dass Abtreibungen "das Werk des Teufels" seien. Hassobjekt ist der verantwortliche Arzt, der jeden Tag an einem geheimen Ort sein Auto parkt, von den Klinikbesitzern abgeholt und mit einem Laken verkleidet wird, um seine Identität zu schützen. Candace Guerrero, die mit ihrem Mann Arnold die Klinik leitet, zeigt Zeitungsartikel von Morden an Ärzten, die Abtreibungen vornahmen, und berichtet, wie diese inzwischen kugelsichere Westen und Handfeuerwaffen tragen würden. Bisweilen artet der Psychokrieg auch in Konfrontationen auf Leben und Tod aus. "Pro-life" kennt also seine Grenzen.

Dem Guttmacher Institut zufolge ist jede zweite Schwangerschaft in den Vereinigten Staaten ungewollt. Jede fünfte Schwangerschaft wird willentlich abgebrochen, die Hälfte davon allein durch Frauen, die zwischen 20 und 29 Jahre alt sind. Die Gründe sind unterschiedlich und tauchen alle auch in 12th & Delaware auf. So fühlt sich die 17-jährige Brittney, die bereits ihre zweite Abtreibung vornehmen lässt, einfach noch nicht reif für ein Kind. Eine Frau wird von ihrem Freund misshandelt, eine andere hält sich mit 47 Jahren für zu alt und wieder eine andere Frau hat bereits sechs Kinder und kann sich kein Siebtes leisten. Für Anne Lotierzo vom Pregnancy Care Center gilt es, alle davon zu überzeugen, dennoch ihre Kinder zu bekommen.

Beispielsweise mit kleinen Föten-Puppen, die das jeweilige Embryonalstadium festhalten. Oder mit einem Ultraschallbild, auf das man "Hi, Daddy!" und "Hi, Mommy!" schreibt. Und wenn das nicht hilft, wird der medizinische Hammer ausgepackt. Unermessliche Schmerzen würden die Frauen erleiden und sowieso berge eine Abtreibung die Gefahr, an Brustkrebs zu erkranken. Natürlich totaler Schwachsinn, wie amerikanische und britische Ärzte bestätigen. Laut Guttmacher Institut kommt es in weniger als 0,3 Prozent der Fälle zu Komplikationen bei einer Abtreibung, die wenige Minuten dauert und in der nicht die Extremitäten des Fötus' einzeln abgerissen werden, wie ein Demonstrant einer jungen Mutter weiszumachen versucht.

Aber wie heißt es so schön? Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. So freut sich Lotierzo, wenn sie glaubt, an einem Tag zwei Frauen zum Abbruch des Schwangerschaftsabbruchs überredet zu haben und verzweifelt, wenn dem dann doch nicht so ist. "Anscheinend haben diese Leute kein Leben", sagt Candace Guerrero an einer Stelle, als sie hinter den Vorhängen aus dem Fenster lugt. Und in der Tat gesteht Lotierzo, dass sie in ihrem Leben nur ihre zwei Hunde hätte, weshalb sie sich umso mehr für die Lebensrechtbewegung engagiere. Das A Woman's World Medical Center gegenüber bezeichnet sie daher als "competition" - als Konkurrenz im Kampf um die Entscheidung dieser schwangeren Frauen. Gerne auch mit Gottes Hilfe.

So taucht bisweilen der kontroverse Exorzist Thomas Euteneuer in der 12th Street auf, der Abtreibungskliniken sprichwörtlich dämonisiert und Befürworter von Geburtenkontrolle als "Ketzer" bezeichnet. Inzwischen ist Euteneuer von der katholischen Kirche seines Amtes enthoben worden, nachdem er bei einem Exorzismus seine "Patientin" sexuell ausgebeutet hatte. Dennoch spielt Gott und der christliche Glaube eine große Rolle in 12th & Delaware, sind sie doch das Primärargument von Lotierzo und der Demonstranten auf der Straße. Ihren dramaturgischen Höhepunkt erreicht die Dokumentation, als einer der Demonstranten, der die Kreuzung patrouilliert, mit einem Jesus-Bild auf die Jagd nach dem Abtreibungsarzt geht.

Mit ihrer für den Privatsender HBO gedrehten Dokumentation gelang Heidi Ewing und Rachel Brady ein mitreißendes und packendes Manifest der US-amerikanischen Zwiespältigkeit bezüglich Abtreibungen. Kritisch angemerkt werden sollte, dass die "pro-life" versus "pro-choice" Diskussion auf die Einrichtungen von Guerrero und Latierzo reduziert wird. Engelchen und Teufelchen - die symbolische Zuordnung variiert je nach Gesichtspunkt - streiten sich hier, doch was Mütter selbst wollen, die hin- und hergerissen sind, interessiert zumindest seitens der Lebensrechtsbewegung niemanden. Stattdessen wird ihnen ein schlechtes Gewissen eingeredet, Geldversprechungen gemacht und sonstiges.

Heidi Ewing glaubt, für die in 12th & Delaware bei der Abtreibung gefilmten Frauen sei es am schlimmsten Tag ihres Lebens "ein Geschenk gewesen, [am Film] teilzunehmen". Da sich keine der Frauen ablichten lassen wollte, ist dies allerdings zumindest dem Film nach zu urteilen eher wenig glaubwürdig. Hätten die beiden Regisseurinnen zumindest eine, im Idealfall vielleicht zwei der ambivalenten Frauen oder Jugendlichen intensiver begleitet - jeweils fünf Minuten hätten ausgereicht -, hätten sie auch der dritten Partei ihre verdiente Stimme geben können. Immerhin gelingt es dem Film, objektiv zu bleiben und die religiös-fanatischen Lebensrechtler weder zu karikieren noch zu falsifizieren. Das schaffen diese auch problemlos allein.



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