Sie war der tragische, zerrissene Star. In ihrem Inneren vermochte sie nie das einfache, unschuldige, brünette Mädchen, als das sie zur Welt gekommen war und das sie tief drinnen auch immer blieb, mit der Kunstfigur des blonden, männerverschlingenden Vamps in Einklang zu bringen, bis sie schlussendlich daran zugrunde ging. My Week with Marilyn spiegelt in ebenso humorvoller wie bezaubernder und ergreifender Weise beide Seiten ihrer Existenz wider, komprimiert auf eine Woche und erzählt aus der Perspektive eines kleinen Regieassistenten. Herrlicher Film mit überragenden Darstellern. Einfach nur ein Genuss.
Es gibt Stars und Sternchen, herausragende Darsteller und sogar Kinolegenden. Nur wenigen ist es jedoch vergönnt, in den Olymp der unsterblichen Leinwandikonen aufzusteigen. Am 1. Juni 1926 erblickte Norma Jeane Mortenson als uneheliche Tochter einer Filmcutterin das Licht der Welt. Nach ihrer Taufe erhielt sie den Nachnamen des Mannes ihrer Mutter, Baker. Es folgten eine wechselvolle wie unschöne Kindheit und eine Heirat mit 16 Jahren, weswegen sie die Schule verlassen musste. Ein paar Jahre später wurde sie als Fotomodell entdeckt und zierte bald darauf als Pin-Up nackt die Magazincover. Wenig später folgten die ersten kleinen Rollen in verschiedenen Filmen, bis ihr Auftritt in John Houstons Asphaltdschungel als junge naive Verführerin im Jahr 1950 Aufsehen erregte. Das Publikum war geradezu hypnotisiert von ihrem unwiderstehlichen kindlichen Sexappeal. Der steile Aufstieg der Film-Göttin Marilyn Monroe hatte begonnen.
Es ist Sommer in England im Jahr 1956. Der 23-jährige Colin Clark (Eddie Redmayne) ist vom Kino fasziniert. Er möchte unbedingt einen Job beim Film haben. "Sich dem Zirkus anschließen", wie es bei den Insidern heißt. Durch die richtige Mischung aus Hartnäckigkeit, Ehrgeiz und Fleiß gelingt es ihm tatsächlich, eine Anstellung als dritter Regieassistent in der Produktion Der Prinz und die Tänzerin zu ergattern. Die Hauptrollen spielen der strahlendste weibliche Hollywood-Star, Marilyn Monroe (Michelle Williams), und der berühmteste Schauspieler, Sir Laurence Olivier (Kenneth Branagh). Während das Filmset bereits steht und alle auf Marilyns Ankunft warten, weilt diese aber noch in den Flitterwochen mit ihrem neuen Mann, dem Schriftsteller Arthur Miller (Dougray Scott).
Als Marilyn endlich anreist, kann es mit dem Drehen immer noch nicht richtig losgehen. Sie ist oft unpässlich, launisch, kann sich einfachste Texte nicht merken. Sie treibt alle zur Weißglut, besonders Olivier, der es als unter seiner Würde ansieht, mit diesem blonden Dummchen arbeiten zu müssen. Seltsamerweise findet der junge Clark einen Draht zu Marilyn. Fürsorglich und auch ein wenig verliebt, nimmt er sich ihrer an. Und das Wunder geschieht: An seiner Seite stabilisiert sich die labile Schöne und die Dreharbeiten kommen voran. Marilyn ist ihrerseits äußerst angetan von Clarks Fürsorge und fühlt sich von seiner unschuldigen Art angezogen; etwas, was sie längst verloren hat. Auf der anderen Seite besitzt Marilyn den Ruf, Männer reihenweise zu bezirzen und sie anschließend urplötzlich fallen zu lassen. Clark, der ihrem Zauber immer mehr zu erliegen beginnt, spielt mit dem Feuer, kann sich aber ihrer Magie nicht entziehen.
Es wäre übertrieben, Michelle Williams (Blue Valentine) gleich als die Wiederauferstehung der Monroe zu feiern. Sie fängt aber ein großes Maß der übernatürlichen Strahlkraft der Hollywood-Legende ein und verfügt auch über die notwendigen Attribute und Fähigkeiten, diese dem Publikum weiterzugeben. So nah wie in ihrer Interpretation dieser ebenso verklärten wie ambivalenten Figur ist ihr bisher in einem Spielfilm noch keine andere Schauspielerin gekommen. Williams imitiert die Monroe nicht nur beim Spiel mit der Kamera oder während ihrer öffentlichen Auftritte. Sie hat sich viel ihrer Mimik, Gestik und selbst der kleinsten Nuancen wie einem Augenaufschlag, einem Zwinkern oder einem gehauchten Etwas von Kuss zu eigen gemacht.
Was die private Monroe angeht, ist man gezwungen, den Aufzeichnungen von Colin Clark Glauben zu schenken, schließlich basiert der Film auf seinen Erinnerungen während dieser einen Woche Dreharbeiten. Williams brilliert auch in der Darstellung dieser, der Öffentlichkeit unzugänglichen, verletzlichen Seite der Filmikone. Sie spielt die Monroe derart natürlich und mit einem hohen Maß an Charme, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Fast noch eine Spur großartiger will dennoch Kenneth Branagh (Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat) erscheinen. Mit perfektem Timing verleiht er geradezu genialisch Sir Laurence Olivier eine facettenreiche wie vielschichtige Persönlichkeit. Leider gibt sich Branagh viel zu selten auf der großen Leinwand die Ehre.
Erstaunlicherweise gelingt es Eddie Redmayne (Black Death), sich neben der blendenden Williams und dem fantastischen Branagh durchaus zu behaupten. Seine Darstellung des jungen Clarks, der zwischen spröder Zurückhaltung und sehnsuchtsvollem Verlangen der Verlockung einer übergroßen Diva zu verfallen droht, ist absolut überzeugend. Und in der zweiten Reihe wartet dann auch noch die große Judi Dench auf, die gerade eben noch in The Best Exotic Marigold Hotel zu sehen war, und verhilft dem Film zu einigen überaus sehenswerten Augenblicken.
My Week with Marilyn besitzt alles, was ein fesselnder Film braucht. Eine gute Geschichte, leichtfüßig erzählt, doch nie oberflächlich; charmante wie authentische Darsteller; Humor; Tragik; Romanze; und wunderschöne Bilder, voller Magie. Darüber hinaus gelingt es dem Film, die unsterbliche Leinwandikone Marilyn Monroe ein Stück greifbarer zu machen, die sich mit ihren 30 Jahren während der Dreharbeiten zu Der Prinz und die Tänzerin auf dem Zenit ihrer Karriere befand und danach lediglich noch drei weitere Filme vollendete, bevor sie 1962 viel zu jung verstarb.