Vier erotische Perversionen, vier Episoden: Walerian Borowczyks Unmoralische Geschichten stehen inzwischen nicht mehr auf dem Index. Eine spröde, aber faszinierend bebilderte Reise durch die Geschichte sexueller Tabus zu einer ungarischen Blutgräfin und Inzest in der katholischen Kirche.
Walerian Borowczyks Teil seines Werks, das zur größten Berühmtheit gelangte, ist geprägt von der künstlerischen Inszenierung der Libido. Die Inszenierung sinnlicher, oftmals beinahe pornografischer Erotik aus vergangenen, untergegangenen Epochen, in stimmigem Zeitkolorit ist sein Markenzeichen, das er mit seinen kontrovers diskutierten Werken in den 70er Jahren etablierte. Unmoralische Geschichten ist in Deutschland nach 25 Jahren auf dem Index nun endlich wieder ungekürzt auf DVD erhältlich.
Borowczyk machte eine Ausbildung zum Maler und Grafiker, was man der Bildgestaltung seiner Filme, bei denen er zusätzlich zur Regie häufig auch als Cutter fungierte, ansieht. Während er in Unmoralische Geschichten das Rauschhafte und die Macht der Unterwerfung innerhalb des sexuellen Wunsches betonte, rückte er bei La Bete - Die Bestie das Animalische der Lust ins Zentrum und verlagerte er sich in Ars Amandi - Die Kunst der Liebe, der zu Zeiten Ovids im antiken Rom spielt, auf das Poetische in der Liebe. Ein Thema, viele Facetten: Das kam auch in seinen Kurzfilmen zum Ausdruck.
Ursprünglich fünf von ihnen vereinigte er unter dem Titel Contes Immoraux, später fiel La veritable Histoire de la Bete du Gevaudan weg und wurde umgeschnitten als Traumsequenz in La Bete - Die Bestie verwendet. Er stellte den Episoden seinen Kurzfilm Une collection particulière voran, eine Dokumentation um Gegenstände zur Masturbation und pornografische Darstellungen auf Bildern, Fotografien und Guckkästen. Diese sollte einstimmen auf die erotischen, offen moralischen "Märchen", die in Unmoralische Geschichten folgen.
Die Bandbreite, die in diesem Kaleidoskop des gesellschaftlichen Tabus abgedeckt wird, reicht dabei von Oralverkehr mit auffälligen Detailaufnahmen des Gesichts eines jungen Mädchens (La Maree) über weibliche Selbstbefriedigung (Thérèse Philosophe) bis hin zu als blasphemische Posse inszeniertem Inzest in der katholischen Kirche (Lucrezia Borgia). Für besondere Aufmerksamkeit sorgte indes die längste Episode: Erzsébet Bathory. In ihrer einzigen Filmrolle spielt Paloma Picasso, die Tochter des berühmten Malers Pablo Picasso, eine lesbische ungarische Fürstin, die nach einer Orgie mit vielen jungen Mädchen ein Bad in deren Blut nimmt.
All diese Episoden an sich lassen den Zuschauer etwas ratlos zurück, sind sie doch thematisch nicht unmittelbar kausal aufeinander abgestimmt. Borowczyk beweist mit seinen Miniaturen der Unmoralischen Geschichten wieder eindrucksvoll sein Können als Provokateur in einem Tabus brechenden, aber nichtsdestoweniger auffallend stilvoll bebilderten Erotikfilm. Über den ein oder anderen dramaturgischen Stolperstein innerhalb der unterkühlt-nüchtern inszenierten Miniaturen sieht man dabei auch aufgrund des erhellenden Booklets zur DVD-Veröffentlichung von Bildstörung großzügig hinweg.