Andreas Dresens Halt auf freier Strecke ist einer der unerträglichsten Filme, die je gedreht wurden! Der hirntumorbedingte Verfall eines Familienvaters, den der Zuschauer noch im Besitz seiner "normalen" geistigen Fähigkeiten kennenlernt, und die Wirkung dieses unaufhaltsamen Prozesses auf seine Familie, sind überaus unangenehm anzusehen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist jedoch auch hochinteressant, und dass einem der Film ohne unnötige Sentimentalitäten so nahe geht, spricht für dessen Qualität. Tatsächlich gelang Dresen etwas überaus Paradoxes: Er schuf ein Meisterwerk, das niemandem empfohlen werden kann.
Es gibt Filme, die eignen sich nicht für Filmabende mit Freunden. Es gibt Filme, die einfach nicht als leichte Unterhaltung dienen können. Filme, die an die Nieren gehen, den Zuschauer aufwühlen und zum Nachdenken anregen. Und dann gibt es Filme, auf die all das zutrifft und die einen einfach nur herunterziehen und zutiefst deprimieren und trotzdem eine einzigartige Filmerfahrung darstellen, die man nicht missen möchte. Halt auf freier Strecke ist genau so ein Film. Einer, den man sich schon aufgrund seines Themas nur mit etwas Überwindung ansieht und der einen emotional mitnimmt und eineinhalb Stunden mit den Tränen kämpfen lässt, und dennoch ist er einer der besten deutschen Filme der letzten Jahre.
Andreas Dresen setzt für sein Krebsdrama auf ungeschönten Realismus. Seine Inszenierung wirkt fast schon dokumentarisch, was neben der dezenten Kameraarbeit vor allem auf die naturalistischen Dialoge zurückgeführt werden kann. Dass diese ihre volle Wirkung entfalten können, verdankt der Film vor allem seinen Darstellern. Betrachtet man die Leistung jedes einzelnen Darstellers, muss man von nicht weniger als den mitunter besten Leistungen, die je in einem deutschen Film zu sehen waren, sprechen. Besonders faszinierend ist dabei Milan Peschel (What a Man). Wie er den geistigen Verfallsprozess Frank Langes darstellt, ist einfach unglaublich. Die Frau an der Seite des todkranken Frank Langes wird von Steffi Kühnert (Das weiße Band) nicht minder eingängig gespielt. Ihre innere Zerrissenheit zwischen der Liebe und fürsorglichen Betreuung ihres Mannes und dem Jähzorn gegenüber seiner Krankheit und seiner Persönlichkeitsänderung, die längst ihr Leben bestimmt, wird sehr überzeugend vermittelt. Ebenfalls beachtlich sind die Leistungen der Jungdarsteller Talisa Lilli Lemke und Mika Nilson Seidel, die beide zum ersten Mal in einem Spielfilm zu sehen sind. Ihre Darbietungen als Frank Langes Kinder sind in jedem Moment nachvollziehbar und glaubwürdig und gerade dadurch äußerst bewegend.
Einzig die Szenen, in denen Dresen den Tumor zum Menschen stilisiert und Frank Lange diesen sogar bei Harald Schmid in seinem Fernseher beobachtet, wirken etwas deplatziert. Diese filmischen Kunstgriffe kollidieren heftig mit dem Realismus und lassen den Zuschauer nicht selten etwas ratlos zurück. Dresen bezog sich in seiner bildhaften Darstellung des Tumors auf eine psychologische Behandlungsmethode, bei der der Erkrankte dem Tumor eine Gestalt gibt. In Frank Langes Fall ist es die eines Menschen. Obwohl die Idee interessant ist, passt sie einfach nicht in den Film - in einem anderen Werk hätte eben diese jedoch wunderbar funktionieren können. Doch der Gesamteindruck wird dadurch nur unerheblich geschmälert.
Es gibt humorvolle Momente im Film. Doch wenn diese kommen, ist man schon so am Boden, dass sie maximal das persönliche Gefühl der Bestürztheit abmildern, aber keinesfalls den Anschein erwecken, dass sich hier locker mit einem tragischen Thema auseinandergesetzt wird. Filme wie Ziemlich beste Freunde beschäftigen sich mit schwerwiegenden Erkrankungen auf beschwingte, ungezwungen leichte Weise - Halt auf freier Strecke macht genau das Gegenteil: Er konfrontiert den Zuschauer mit der ungeschönten Grausamkeit des elendigen Verreckens eines Mannes, der nicht zu retten ist, und seiner Familie, die hilflos dem Verfallsprozess ausgeliefert ist und sich irgendwann nur noch den erlösenden Tod für Mann, beziehungsweise Vater wünscht. Doch natürlich muss auch diese hochinteressante und realistische Betrachtungsweise einen Raum haben. Einen ähnlichen Film gibt es in dieser Form noch nicht, und so ist Andreas Dresen und seinem Team in der Tat etwas Besonderes geglückt. Denn weit von allen Sehgewohnheiten entfernt, ermöglicht der Film sicherlich vielen das Gewinnen neuer Ansichten zum Thema Tod und Sterben innerhalb der Familie.
Letztlich ist der Grund dafür, dass Dresens Film so nahe geht, auch ein zutiefst egoistischer: Denn fernab der vermittelten Botschaft über das Sterben, dem durchaus einige positive Aspekte abgewonnen werden können, überwiegt am Ende doch die Angst, dass das gesehene Schicksal jeden und vor allem einen selbst treffen könnte.