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Shame

(Shame, 2011)

Dt.Start: 01. März 2012 Premiere: 04. September 2011 (Venice Film Festival, Italien)
FSK: ab 16 Genre: Drama
Länge: 101 min Land: UK
Darsteller: Michael Fassbender (Brandon), Carey Mulligan (Sissy), Mari-Ange Ramirez (Alexa), James Badge Dale (David), Nicole Beharie (Marianne), Alex Manette (Steven), Hannah Ware (Samantha), Elizabeth Masucci (Elizabeth), Rachel Farrar (Rachel), Loren Omer (Loren)
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: Abi Morgan, Steve McQueen


Inhalt

Brandon ist ein junger und erfolgreicher Geschäftsmann in New York. Sein Leben wird aber nicht nur von seiner Arbeit bestimmt, sondern auch von seiner Sexbesessenheit. An diesem Lebensstil muss Brandon allerdings etwas ändern, als seine Schwester bei ihm einzieht. Gezwungenermaßen versucht er sogar, sich von seiner Obsession zu befreien, damit seine Schwester nichts davon erfährt. Doch bei diesem Vorhaben hat Brandon wenig Erfolg.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Shame hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 82%
Kurzkritik
von Matthias Pasler
Wertung von 90 für Shame

In letzter Zeit hat man als fleißiger Kinogänger das Gefühl, Michael Fassbender ist wirklich in jedem Film zu sehen. Nicht nur aktuell, auch frühere Auftritte wie in 300 oder Inglourious Basterds fallen einem plötzlich wieder ein. Aber in keinem anderen Film reißt er die Kontrolle so sehr an sich, wie in Steve McQueens Shame. Das liegt einerseits daran, dass der Regisseur in jeder Einstellung dicht an seinem Hauptdarsteller dran ist, ob physisch oder psychisch, er lässt den sexsüchtigen Brandon niemals aus den Augen. Andererseits gibt Fassbender selbst hier eine überragende Darstellung ab, in der es ihm gelingt, jede Nuance seiner Figur auf seinem ohnehin ungemein interessanten Gesicht widerzuspiegeln. Was man als Beobachter erlebt, ist ein Mensch, der alles haben könnte, dabei aber völlig verloren am Boden ist. Und über die Geschichte tatsächlich noch tiefer fällt, während er sich immer mehr selbst zu zerstören scheint. Dabei erfreut am meisten, dass die Inszenierung nichts beschönigt, entschärft oder verschenkt, sondern konsequent provokativ bleibt. Ein echtes Filmerlebnis, das einen erstmal nicht mehr loslässt.

Kurzkritik
von Daniel Licha
Wertung von 75 für Shame

Die Kontroverse um Shame ist im Grunde trotz einiger expliziter Szenen nicht wirklich nachvollziehbar. Steve McQueen schuf ein hervorragend bebildertes Drama, das sich viel Zeit für seine Figuren nimmt und diese glaubwürdig ausarbeitet. Dass weniger manchmal mehr ist, beweist er auch, indem er das Seelenleben seiner Charaktere oftmals durch Schweigen und einzig und alleine die Mimik der Darsteller offenbart. Diese spielen durch die Bank groß auf, und auch wenn das Ganze ein wenig arg vorhersehbar ist, stört das im Grunde zu keinem Zeitpunkt. Shame ist ein glaubwürdiges Drama mit hervorragenden Darstellern und praktisch der ernste Gegenentwurf zu Joseph Gordon-Levitts Regiedebüt Don Jon's Addiction.

Kritik

von Lutz Granert
Shame hat eine Wertung von 82%
Ein Sexsüchtiger geht in New York auf seine Raubzüge und steigt dabei hinab in die Untiefen seines Selbst. Der unglaublich präsente Hauptdarsteller Michael Fassbender (Eine dunkle Begierde) wurde in dem abgründigen, phasenweise hypnotischen Psychodrama von Steve McQueen (Hunger) zu Unrecht bei den Nominierungen für den Oscar 2012 übergangen.

Bild aus Shame Brandon liegt regungslos auf seinem Bett. Seine Hand liegt auf seinem Unterbauch. Seine Sucht lässt ihn nicht weiter schlafen und hungrig werden. Nur wenige Einstellungen später sitzt der adrett gekleidete, attraktive Mann in der U-Bahn und mustert eine attraktive Blondine auf dem Sitz gegenüber. Er nimmt ihre Fährte auf, pirscht sich heran mit seiner etablierten Strategie: einem reduzierten Wechselspiel zwischen Blicken und einem Lächeln, seinen Waffen. Brandon will schnellen Sex, eine einmalige Befriedigung, die suchtgetriebenen Wellen der Begierde überfallen ihn wie die anschwellenden Streicher auf der Tonspur den Zuschauer. Beigemischt ein Ticken: Nur noch wenige Stationen bleiben Brandon, um anzugreifen - mit einer flüchtigen Berührung, mit einer unmissverständlichen Geste, der die Dame in der U-Bahn instinktiv fernab jeglicher Konversation mit Worten nicht widerstehen kann. Beide steigen aus, Brandon folgt ihr in dem Trubel des Subway, doch verliert sie aus den Augen. Seine Jagd war nicht ertragreich. Seine Sucht bleibt unbefriedigt - und treibt ihn weiter.

Michael Fassbender (Eine dunkle Begierde) spielt den sexsüchtigen Brandon meisterhaft in seinen perfektionierten Minen und Gesten, seinem selbstsicheren Auftreten, hinter dem dennoch ein Ozean der Leere und Traurigkeit zu erkennen ist. Er lebt in New York, einer anonymen Großstadt, in der sich Menschen hinter den Fassaden von Fensterfronten verstecken wie das unersättliche Raubtier Brandon hinter seinem für ihn erfolgreichen, aber langweiligen Bürojob. Niemanden lässt er an sich heran, denn Nähe kann er bei seiner unersättlichen Fleischeslust im Überangebot einer hypersexualisierten Stadt nicht zulassen. Dann steht plötzlich seine Schwester Sissy (Carey Mulligan, Drive) vor der Tür und zieht bei ihm ein. Sie ist das exakte Gegenteil von Brandon: Sie verliebt sich schnell, sucht Nähe und Anschluss, kann nicht allein sein. Brandon ist mit seiner Sucht konfrontiert und versucht, eine ernsthafte Beziehung mit Kollegin Marianne einzugehen. Doch seine Sucht ist auch stärker als seine familiäre Bindung, der unbändige Trieb treibt ihn weiter.

Ob beim Sex, beim Joggen, beim Streiten mit seiner Schwester oder beim Onanieren auf der Büro-Toilette: Regisseur Steve McQueen folgt seinem nach Hunger abermals von Michael Fassbender verkörperten Protagonisten bei der alltäglichen Routine, ist stets nah dran, sodass der Zuschauer hinter diesem distanzierten Post-Finanzkrisen-Yuppie einen einsamen Beziehungsunfähigen, hinter dem oberflächlichen Womanizer das emotionale Wrack erkennt. Seine Sucht ist seine Schande, die er sich auch dann nicht eingestehen kann, wenn seine Schwester ihn damit konfrontiert oder sein Arbeits-PC aufgrund einer von Pornografie "verseuchten" Festplatte eingezogen wird. Nur eine Träne fließt über seine Wange, wenn er hypnotisch starrend Sissy bei ihrer traurigen Interpretation von "New York, New York" in einem Nobelrestaurant lauscht. Die Stadt des herausfordernden Neuanfangs ist einer Stadt der Entfremdung und unendlichen Verführungen gewichen, die zwei Geschwister mit irischen Wurzeln gebrochen hat. Kameramann Sean Bobbitt und Regisseur McQueen haben dabei den Mut, nur Gesichter oder Köpfe in Großaufnahmen zu kadrieren, viele Sekunden, manchmal minutenlang. Allein durchs Minenspiel funktioniert Shame, wird dieses Psychogramm eines Sexsüchtigen auch durch Fassbenders grandios reduziertes Spiel zu einer beklemmend intensiven Erfahrung, welches tief in verletzte Seelen blicken lässt.

Die Omnipräsenz von Fassbenders Brandon ist dabei sowohl der große Pluspunkt als auch Schwachpunkt des Films. Das Psychodrama, das passend zum Sujet auch sporadische Nacktheit und eher mechanisch denn sinnlich inszenierte Sexszenen nicht ausspart, lässt neben ihm keine "echten" weiteren Figuren zu. Die Schwester und sein Vorgesetzter, der mit ihr eine Affäre beginnt, wirken nur als Katalysatoren von Brandons innerem Konflikt, dem zunehmend auch moralische Aspekte wie die Frage nach zwischenmenschlicher Verantwortung beigemischt werden. Dass diese Situation dramaturgisch schließlich in eine Eskalation mündet, ist vorherzusehen. Doch genau an diesem Punkt macht es sich das formal strenge, düstere Psychodrama Shame, musikalisch untermalt von J.S. Bach und 80er-Jahre-Hits, dann doch etwas zu einfach, ist in Konventionen verhaftet. Dennoch ist Shame nicht zuletzt wegen des seriösen Umgangs mit dem Tabuthema Sexsucht ein grandioses Werk. Eine präzise inszenierte Charakterstudie, welche auch abseits einiger hypnotischer Szenen aufgrund ihrer beklemmenden Eindringlichkeit lange Zeit nachwirkt und im Gedächtnis haften bleibt.



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Dt. Start: 07. Sep 2000
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