Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, dass auch Charlize Theron beschloss, nachdem bereits die anderen Hollywood-Jungdiven Cameron Diaz und Jennifer Aniston in Bad Teacher und Kill the Boss einen auf Schlampe machten, sich mit der aktuellen Rolle dem Trottoir anzunähern. Mut zur Hässlichkeit hatte die attraktive Schauspielerin bereits mit Monster bewiesen, was ihr gleich einen Oscar einbrachte. In Young Adult von Juno-Macher Jason Reitman mimt sie eine depressive Autorin, die ihrer Vergangenheit nachtrauert und versucht, ihren verheirateten Ex-Freund zurückzuerobern. Böse kleine Tragikomödie voll Bitterkeit und mit überzeugendem Spiel.
Mavis (Charlize Theron) ist eine leidlich erfolgreiche Autorin einer Buchreihe für junge Erwachsene. Allerdings nur die Ghostwriterin, sodass sie kaum Bekanntheit erlangte. In den Geschichten, die sie zu Papier bringt, durchlebt sie durch ihre Protagonistin ihre eigene Jugendzeit wieder, als sie noch die High-School-Queen war. Derzeit steckt sie jedoch in einem Tief. Nach einer Scheidung ist sie depressiv und weiß mit sich nichts anzufangen. Ihr hoher Alkoholkonsum und bedeutungslose One-Night-Stands machen die Lage kaum besser.
Genau in dieser Verfassung flattert ihr eine Einladung ins E-Mail-Postfach. Ihr alter High-School-Freund Buddy Slade (Patrick Wilson), mit dem sie vier Jahre liiert war, feiert die Geburt seines Kindes und hat sie augenscheinlich nicht vergessen. In ihrem Kopf macht sich Mavis ihren ganz persönlichen Reim auf dieses Zeichen: Es sei womöglich eine Art Wink des Schicksals, sie zu bewegen, sich ihre Vergangenheit zurückzuholen. Kurz entschlossen fährt sie von Minneapolis in ihre verschlafene Heimatstadt Mercury, mit der selbstauferlegten Mission, die Ehe ihres Ex zu zerstören und ihn davon zu überzeugen, mit ihr ein neues Leben zu beginnen.
Die strahlend schöne Charlize Thron gibt das Mädchen, das schon früher keiner leiden konnte und das sich nun auf eine Reise in die Vergangenheit begibt. Symbolisch für den Akt, die Zeit zurückdrehen zu wollen, hört sich Mavis auf ihrem Trip im Auto die Songs ihrer Jugend an, nicht etwa auf CD oder via iPod. Nein, auf Kassette, und so ist sie gezwungen, immer wieder zurück zu spulen, um sich die Tracks ein ums andere Mal anzuhören. Was als zynische Tragikomödie beginnt, ist für sich streng genommen eine äußert bittere Geschichte. Das Mädchen, das bildhübsch, klug und erfolgreich war und in der Großstadt Karriere machte, entpuppt sich bei jedem Schritt und jeder Aktion als leere Hülse, welche die Sinnlosigkeit ihrer Existenz in Hochprozentigem ersäuft.
Damit erklärt sich auch am sinnvollsten, warum schon der Gedanke daran, dass sich ihr Ex an sie erinnert hat, sie plötzlich mit neuem Tatendrang - wenn auch mit fragwürdigem - erfüllt. Es geht vermutlich vielen Großstadt-Singles mitte-ende-dreißig ähnlich, die plötzlich von einer Welle der Melancholie erfasst werden, wenn sie an ihre Jugendtage zurückdenken und an die Clique, die aus dem Heimatkaff nicht herauskam, dafür aber ein funktionierendes Familienleben hat. Plötzlich erscheint all das, was man früher mit Verachtung betrachtete, als beneidenswert. Jason Reitman beweist wieder mal, was er für ein ausgesprochen gutes Gespür er für Menschen und Situationen besitzt.
Zielsicher treibt Theron zudem jede Peinlichkeit bis auf die Spitze, bis hin zum Seelenstrip und letztendlich zur totalen Selbstentblößung. Vorher gibt es jedoch noch diverse Versuche zu bestaunen, wie sich Marvis ins Zeug legt, um ihren Ex wiederzugewinnen. Mit treffsicherer Genauigkeit schmeißt sich Theron dabei in diverse Outfits, und es gelingt ihr wirklich, in jedem Look, ob sexy oder derangiert, immer unpassend gekleidet auszusehen. Das allein erzählt eine ganze Geschichte für sich, des Nicht-Ankommen-Könnens und des Stets-Deplatziert-Seins. Wieder einmal stellt die 37-Jährige unter Beweis, dass sie mit Fug und Recht zu den wenigen jüngeren Damen ihres Faches gezählt wird, die auch gute Charakterdarstellerinnen sind.
Lorbeeren verdient sich zudem Patton Oswald, der kleine dickliche Dauersingle aus der TV-Serie King of Queens. Ihm fällt die tragischste Figur in Young Adult zu, eines Menschen, den vor langer Zeit Schläger brutal misshandelten und zum Krüppel machten, nur deshalb, weil sie ihn für homosexuell hielten. Allein durch sein Nichtklagen wird er zu Mavis' ethischer Instanz, an der sich ihr unmoralisches Verhalten immer wieder messen muss. Dabei bleibt der Film selbst weitestgehend wertungsfrei und lässt die Dinge unaufgeregt passieren. Auf ausgesprochen groteske oder gar brachiale Einlagen muss dabei konsequenterweise verzichtet werden.
Young Adult wird selten laut oder poltrig. Die Abgründe lauern im Alltäglichen. Das besonders Erfrischende daran ist, dass sich gar nicht erst um Massenkompatibilität bemüht wurde, was bei Hollywood-Filmen eher selten der Fall ist. Die beinahe nivellierte Stimmung könnte jedoch manch einen Freund, der es etwas zünftiger mag, abschrecken; alle Freunde bissiger kleiner Geschichten sollten aber auf ihre Kosten kommen.