Für Kinder wie den 11-jährigen Protagonisten im jüngsten Film der belgischen Brüder Dardenne hat Michael Mittermeier vor vielen Jahren vermutlich den Begriff des "Arschlochkindes" erfunden. Dabei wollten die Brüder wohl mal wieder nur ein Sozialdrama über Verantwortung, Liebe und Gewalt erzählen. Wäre da nicht dieser unfassbar unsympathische Kotzbrocken von einem Kind.
"Du wirst als Arschlochkind geboren", postulierte der bajuwarische Comedian Michael Mittermeier in seinem Bühnenprogramm "Back to Life" von 2000. Als ein Vertreter dieser Sorte macht der Zuschauer zu Beginn von Der Junge mit dem Fahrrad auch sogleich den 11-jährigen Cyril aus. Seinen Vater will er anrufen, erklärt das Heimkind. Der sei weggezogen und die Nummer nicht mehr vergeben, antwortet ihm sein Erzieher. Glauben will der Junge das dennoch nicht. Auch später nicht, als er ausbüxt und den Vater sucht.
Weggezogen sei dieser, sagt der Hausmeister. Nicht mehr da ist er, versichert der Nachbar. Erst als Cyril die leer geräumte Wohnung sieht, akzeptiert er die Flucht des Vaters. Bis dahin hat er bereits mehrfach um sich geschlagen und gebissen. Ein Opfer dieser Attacken ist die Friseuse Samantha, die aus Gründen, die nur sie selbst kennt, Cyril sein vom Vater verhökertes Fahrrad zurückkauft und das Heimkind an den Wochenenden bei sich aufnimmt. Nicht aus eigenem Antrieb, vielmehr hat Cyril ihr diesen Vorschlag quasi aufgezwungen.
An seinem Verhalten ändert Samanthas Großzügigkeit wenig. Immer noch dreht sich alles um Cyrils Vater, der kurz darauf ausfindig gemacht wird und gesteht, dass er mit seinem Sohn nichts zu tun haben will. Und wer mag es ihm verdenken? Nun würde ein Sozialpädagoge wohl anmerken, dass Cyril nur verhaltensgestört ist, weil er als Halbwaise von einem Vater verstoßen wurde, den der Junge über alle Maße zu idealisieren pflegt. Aber genauso besteht die Möglichkeit, dass ihn der Vater auch verstieß, weil Cyril eben ein Arschlochkind ist.
Da der Vater von Jérémie Renier gespielt wird, könnte sein Guy Catoul auch eine weitergedachte Version seiner verantwortungslosen Figur "Bruno" aus Das Kind sein. In dem in Cannes ausgezeichneten und ebenfalls von den Dardennes inszenierten Film verhökerte der Kleinkriminelle Bruno seinen neugeborenen Sohn. Und auch Guy Catoul ist ein ewig klammer Tagelöhner, bei dem es schon zu viel wäre, zu sagen, dass ihm sein Sohn wenig bedeutet. Ein Junge braucht aber einen Vater, und so sieht sich Cyril anderweitig um.
Gefühlte zwei Stunden muss sich das Publikum anschauen, wie sich Cyril als sturer Kotzbrocken durch die Handlung beißt und keift. Was laut Michael Mittermeier aber verständlich ist: "Einmal Arschlochkind, immer Arschlochkind". Während man also weiß, warum die Cyrils und Guys so handeln, wie sie in Der Junge mit dem Fahrrad eben handeln, bleibt Cécil De Frances Friseuse ein Änigma. Wieso sie sich des Jungen annimmt und warum sie ihr Leben plötzlich nach ihm ausrichtet, bleibt das Geheimnis der Dardennes.
Denn wer kann schon verstehen, wenn Samantha sich plötzlich in einer Szene gegen ihren Lebensgefährten und für einen Jungen, den sie erst wenige Tage kennt, entscheidet, sich von diesem beißen und mit Scheren verletzen lässt und mehrere hundert Euro bezahlt, um ihm das Leben zu erleichtern? Vielleicht wurde sie selbst als Kind verlassen oder stammt aus dem Heim. Woher ihre Affinität und soziale Fixierung kommt, teilen die belgischen Autoren jedoch nicht mit den Zuschauern. Handlung und Figuren fallen daher schwer zugänglich aus.
Es mag überraschen, dass Der Junge mit dem Fahrrad wie auch die letzten fünf Filme der Dardennes in Cannes prämiert wurde. Ihr jüngster Beitrag will jedenfalls nicht wirklich überzeugen, was neben den sperrigen Figuren und dem Plot auch daran liegt, dass hier - ungewöhnlich für die Brüder - Musik eine tragende Rolle spielt und Beethovens 5. Klavierkonzert in dieser Handlung reichlich prätentiös wirkt. Zu empfehlen ist der Film somit primär Fans der belgischen Brüder oder denjenigen, die ein Herz für Arschlochkinder haben.