In Hans Weingartners jüngstem Film verschwindet ein wirrer obdachloser Mathematiker mit einem ukrainischen Straßenjungen des Nachts in die Berliner Wälder. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Als Seelendrama angekündigt, gewährt Weingartner kaum wirkliche Einblicke in das Innere seiner Figur. Stattdessen bedient er sich ungeschickt bei Hollywood-Vorbildern.
Zahlen spielten eine große Rolle für die beiden Hauptfiguren von Darren Aronofskys Pi und Ron Howards A Beautiful Mind. Und auch für Hans Weingartners Mathematiker Martin dreht sich alles um Zahlen. Dementsprechend orientiert er sich dann auch beim Einkaufen weniger am Preis an sich, sondern eher daran, aus welchen Nummern dieser zusammengestellt wurde. Ebenjene Filme sind es auch, die in Die Summe meiner einzelnen Teile ihre Schatten voraus werfen. Aber so ist eben das deutsche Kino.
Während in Hollywood innovatives Kino aus Frankreich und Schweden wiederverwertet wird, bedienen sich die deutschen Filmemacher wiederum bei Hollywood. In manchen Fällen, wie in Die Unsichtbare, geht das dann sogar ganz gut. In anderen Fällen, wie bei Hans Weingartner, dagegen weniger. Der Österreicher, vielfach gerühmt für den überschätzten Die fetten Jahre sind vorbei und dann wieder abgestürzt mit seiner Satire Free Rainer, orientierte sich mit seinem jüngsten Film, wenn man so will, an seinen Wurzeln.
Ähnlich wie in seinem Debüt Das weiße Rauschen dreht sich nämlich alles um einen jungen Mann mit neurologischer Störung. Und von Neurowissenschaften versteht Hans Weingartner anscheinend etwas, immerhin hat er das Fach jahrelang studiert. Wieso seinem Mathematiker aber plötzlich eine Sicherung durchbrannte, bleibt jedoch offen. Der Inhalt meint etwas von Überarbeitung, was auch Martins ehemaliger Chef andeutet. Dabei liegt der Hund scheinbar tiefer begraben, erwähnt Martins Vater später doch etwas von Alkoholsucht.
Wie dem auch sei, Martin hatte jedenfalls einen guten Job und in Julia Jentschs miserabel gespielter Petra auch eine nette Freundin. Dann landete er in der Klapse und verlor damit alles. Als er auch noch aus seiner Sozialwohnung in Berlin-Marzahn fliegt, haust Martin fortan auf der Straße und ertränkt seinen Kummer in Wodka. Bis zu jenem Tag, an dem er Viktor trifft, ein ukrainisches Waisenkind, das seine Mutter zuvor an eine Überdosis verlor. Und so finden diese zwei sozialen Außenseiter dann zusammen, ähnlich wie in Asphalt-Cowboy.
Fortan geben sie einander Halt. Martin kommt von seiner Alkoholsucht los, lernt die schnieke Zahnarzthelferin Lena kennen (deren Ex ironischerweise ebenfalls die Flucht in die Wälder angetreten hat) und macht seinen Frieden mit sich selbst und der Welt. Angst brauche man nicht haben, erklärt Martin in einer Szene Lena beim Kaffee. Angst sei überflüssig. Natürlich wird Martin wenig später doch erfahren müssen, dass man manchmal Angst haben muss. Und dass sein kleines harmonisches Paradies weitaus fragiler ist, als er zuvor realisiert hatte.
Was außerhalb von Martin vorgeht, zeigen uns die Bilder. Was sich in Martin drinnen abspielt, das verrät uns Weingartner jedoch nicht. Hinweise geben immer nur andere Figuren. Martins Vater oder seine Psychiatrie-Ärztin. Minimalismus eben, wie ihn sich Weingartner seit jeher auf seine Fahne geschrieben hat. Einen Zugang zu seiner Figur und diesem aus Hollywood-Filmen zusammengeschusterten Machwerk erhält das Publikum jedoch nicht. Was angesichts der Ankündigung eines "Seelendramas" dann etwas enttäuschend ausfällt. Und nicht nur das.
Gerade die erste Hälfte mit ihrem zähen Verlauf und dem miesen Schauspiel verkommt zur Geduldsprobe. Zwar steigert sich der Film nach der Flucht in die Wälder, was Die Summe meiner einzelnen Teile dann vor dem Totalausfall bewahrt, ihn aber nicht wirklich zu retten vermag. Zu unausgegoren ist der vermeintliche Twist, den sich der Österreicher im Nachhinein auch selbst verbaut. Vielleicht sollte er es das nächste Mal mit mehr Originalität versuchen. Oder sich zumindest geschickter bei seinen amerikanischen Vorbildern bedienen.