Die Zeiten werden unruhiger, Erdbeben und Tsunamis vermehrt zum Bestandteil unseres Alltags. Dazu kommen andere Naturkatastrophen als Boten der globalen Erwärmung, sowie mögliche terroristische oder kriegerische Anschläge. Sorgen um Sorgen, die auch die Figur in Jeff Nichols' Psycho-Drama plagen, welches das Wechselspiel zwischen Paranoia und Vorahnung gekonnt durchexerziert.
Wer Wind sät, wird Sturm ernten, heißt es so schön. Ein letztlich passendes Zitat für Jeff Nichols' jüngsten Film Take Shelter, in welchem Michael Shannon durch Albträume eine böse Vorwarnung für eine Katastrophe, die seiner Familie ins Haus steht, zu erhalten glaubt. Dabei hat sein Curtis ein im Prinzip so gewöhnliches wie zufriedenes Leben. Eine liebevolle Frau, einen guten Job und eine Versicherung, die sogar eine Operation für seine taube Tochter übernimmt. Doch das soll sich ändern.
Ein erster Albtraum zeigt, wie ein Sturm an der Front heraufzieht und sein Hund ihn attackiert. Fortan stellt sich Misstrauen gegenüber dem Tier ein, wie auch Curtis selbst durch sein daraufhin verstörtes Verhalten Misstrauen auf sich zieht. Jede Nacht wacht er schweißgebadet auf, gebeutelt von Albträumen, die an seine Subtanz gehen. Nicht zuletzt, weil sie im doppelten Sinne dunkle Vorboten sein könnten. Sei es für ein Naturdesaster oder eine von der kranken Mutter vererbte Schizophrenie.
Mehr und mehr Zeit investiert der unruhiger werdende Curtis in den Ausbau eines Sturm-Schutzbunkers, zugleich ein Ausbau seiner Psychose. In Take Shelter thematisiert Jeff Nichols (Shotgun Stories) das zunehmende Angstgefühl unserer Gesellschaft. Wie kann ein Mann seine Familie in diesen unruhigen Zeiten beschützen? Und wie viel Unterstützung kann er dabei von seiner Umgebung erwarten? In dieser Hinsicht funktioniert Nichols' Film dann wörtlich wie symbolisch.
Denn Curtis und seine Familie leben in einem Teil der USA, der von Windhosen und Tornados heimgesucht werden kann. Seine Sorge um einen desaströsen Sturm ist somit durchaus begründet, obschon die Reaktion seiner Umwelt darauf schließen lässt, dass sein Verhalten übertrieben scheint. Welche Katastrophe genau bevorsteht, ist dabei unklar, da sich die von Nichols wie Horror-Segmente gefilmten Albträume in ihrer Deutung unterscheiden. Eines ahnt Curtis jedoch: Seine Familie ist in Gefahr.
Zugleich stellt der bedrohliche Sturm auch einen metaphorischen dar, eine äußere Gewalt, derer sich Curtis nicht widersetzen kann in ihrer Zerstörungswut. Und in gewisser Hinsicht eine Analogie auf Curtis selbst, dessen Verhaltenswandel über seine Familie und Freunde hereinbricht wie ein Sturm und möglicherweise irreparablen Schaden anrichtet. Nichols erschafft mit Take Shelter somit ein Psychodrama auf mehreren Ebenen als ver(sinn-)bildlichtes Kino über die Angst.
Gekonnt wird dabei die Krankheit der Mutter dazu verwendet, Zweifel an Curtis zu säen - auch in diesem selbst. Ist alles nur Einbildung oder Realität? In einer Szene fährt Curtis nachts rechts an den Straßenrand und begutachtet ein wahres Blitzgewitter in der Ferne, während Frau und Kind im Auto schlafen. "Sieht das noch jemand außer mir?", fragt (sich) Curtis, und die Stärke der Szene besteht darin, dass wir nicht wissen, ob das Gewitter nun real ist oder nur Teil von Curtis' Wahn.
Eine Ambivalenz, die Nichols im dritten Akt bis an ihre Grenzen steigert. Kommt der Sturm oder kommt er nicht? Das ist nicht nur die Frage für Curtis, sondern auch für das Publikum. Geschickt schafft es Take Shelter, mit simplen Mitteln die Intensität des Gezeigten zu verstärken, sodass sich im vermeintlichen Filmfinale die Unruhe des Hauptprotagonisten auf die Zuschauer überträgt. Dass dies möglich ist, verdankt sich in diesem Fall allen voran dem exzellenten Spiel von Michael Shannon.
Seit jeher Charakterdarsteller, schafft es Shannon gekonnt, die Emotionen von Curtis durch bloße Nuancen in seinen Blicken zu transferieren. Ein leichtes Flackern der Augen hier, ein kurzes Pressen der Kiefer da. Nicht weniger gelungen fällt die Leistung von Jessica Chastain aus, die hin- und hergerissen zwischen Liebe zu Curtis und Angst vor seinem Verhalten neben Shannon zu bestehen weiß. Take Shelter ist somit ein Film der kleinen Gesten und der großen Bedeutungen, der auf einer Meta-Ebene funktioniert und mit einem bitter-süßen Ende aufwartet.