Seit sich Literatur und Film mit dem Thema Zeitreise beschäftigen, taucht das klassische Paradoxon auf "Wenn ich meinen Großvater töte, bevor er meinen Vater zeugen kann, existiere ich dann?" Eine Theorie, die diese Frage bejaht, ist die Viele-Welten- oder Multiversumstheorie, nach der es unzählige Parallelwelten zu unserer gibt. Diese Theorie war 2007 die Grundlage des Romans Schilf, der nun auch fürs Kino umgesetzt wurde.
Seit ihrer gemeinsamen Studienzeit liegen die beiden befreundeten Physiker Sebastian und Oscar über einem speziellen Thema im Clinch. Universitätsprofessor Sebastian versucht akribisch, die Existenz von Paralleluniversen zu beweisen, während Oscar am CERN in Genf forscht und diese Theorie für populärwissenschaftlichen Blödsinn hält. Als Sebastians Sohn Nick spurlos verschwindet und dieser in der Folge zunehmend die Kontrolle über seine Wahrnehmung verliert, wird sein Leben ein alptraumhafter Trip, während dessen die Wirklichkeit immer unklarer wird. Wird Sebastian seine eigene Theorie zum Verhängnis?
Etwa 10% der Physiker weltweit vertritt die These, dass sich das Universum bei jeder Entscheidung, zu der es gezwungen wird, in verschiedene Universen aufspaltet, in denen die möglichen Varianten jeweils umgesetzt werden. Soll heißen, wenn ich meinen Großvater töte, bevor er meinen Vater zeugen kann, verhindere ich die Existenz meines parallelen Ichs, nicht meine eigene, weil dies nur in einer alternativen Vergangenheit geschieht, nicht in meiner eigenen. Das bedeutet nach dem Filmcharakter Oscar, dass alles möglich sei und niemand mehr zu Entscheidungen gezwungen werde.
Die Beschäftigung mit der Grundidee ist absolut spannend und quasi schon Pflichtgrundlage für eine filmische Verarbeitung. Regisseurin Claudia Lehmann findet mit ihrer Herangehensweise an den Stoff auch durchaus Lücken im bereits breiten Angebot der Filme mit ähnlichem Thema. Doch an der Umsetzung hapert es leider nicht nur ein bisschen. Was als spannungsgeladene Erzählung gedacht war, die den Zuschauer immer wieder fordern soll, mitzudenken und zu folgen, verirrt sich zu oft in den eigenen Parallelwelten.
Und so wie zwischen diesen offensichtlich hin und her gesprungen wird, wechselt der Stil des Films stetig zwischen Psychodrama und ZDF-Sonntagabendthriller, einschließlich der hier ermittelnden Abziehbildchen von Tatort-Kommissaren. Die wirkliche Ausarbeitung des Themas in Form eines Thrillers funktioniert überhaupt nicht. Zu verkrampft in den wissenschaftlichen Erklärungen, zu spannungsarm in den Erzählstrecken, zu weichgespült in den Schockmomenten. Und auch die letztendliche Aussage wird derart unbeholfen transportiert, dass sie zu lächerlich wirkt, um den Zuschauer mit offenem Mund erstaunen zu lassen. Wenn er bis dahin überhaupt noch sein Interesse aufrechterhalten konnte.
Dabei kann Hauptdarsteller Mark Waschke (Die Buddenbrooks, Fenster zum Sommer), der den Großteil der Szenen allein bestreitet, durchaus überzeugen. Doch schon Stipe Erceg (erst kürzlich in Hell zu sehen), der hier eine "andere Art von Physiker" spielt, nimmt man genau deswegen den intelligenten Wissenschaftler nur schwerlich ab. Und wenn er das erste Mal in seiner zweiten Rolle mit Rauschebart auftaucht, kann man sich ein unfreiwilliges Schmunzeln nur schwer verkneifen. Die titelgebende Figur des Schilf wird überhaupt derart unterbenutzt, dass man den Bezug zum vom Roman schlicht übernommenen Filmtitel schnell in Frage stellt.
Das als "physikalischer Thriller" beworbene Machwerk kann die gewünschte Spannung vor wissenschaftlichem Hintergrund leider nur bedingt abliefern. In einem Moment zu krampfhaft komplex, im nächsten dann wieder langweilig, entspricht es mehr dem deutschen Fernsehformat als einem ernstzunehmenden Thriller fürs Kino. In einer Parallelwelt zu unserer kann Schilf vielleicht mehr begeistern, doch zumindest in dieser hat man ihn schon am nächsten Tag wieder vergessen.