Regisseurin Cheryl Dunye spielt innerhalb eines Screwball-Comedy-Szenarios mit Klischees lesbischer Lebensgemeinschaften und nackten Tatsachen. Doch leider stehen ihr bei Mommy Is Coming neben einigen ästhetischen Untiefen ein subtanzarmes Drehbuch und flache Charaktere im Weg, um über lesbische Sexualidentität und gesellschaftliche Rollenmuster differenziert reflektieren zu können.
Der seit 1987 verliehene Teddy Award soll auf der Berlinale Produktionen auszeichnen, die - Zitat - "queere Themen auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene kommunizieren und somit einen Beitrag für mehr Toleranz, Akzeptanz, Solidarität und Gleichstellung in der Gesellschaft leisten". Dass dies nicht immer mit einem konventionellen politische wie gesellschaftliche Probleme thematisierenden Kino einher geht, welches auf der Berlinale schon seit Jahren zu sehen ist, ist fast schon zu erwarten.
Bei Mommy Is Coming hat jedoch Festivalpolitik über die Qualität gesiegt, die in erster Linie ausschlaggebend dafür sein sollte, ob ein Beitrag auf renommierten Filmfestivals zu sehen sein sollte. Gegen die Produktionsbedingungen selbst - wackelige Handkamera, Digital Video in HD - ist zunächst abseits eines subjektiven Geschmacksurteils nichts einzuwenden, doch serviert uns Regisseurin Cheryl Dunye (The Owls) eine altbackene Travestie-Komödie, die unter ihren albernen Verwicklungen und Klischees - die sich auch in der platten Doppeldeutigkeit des Titels abzeichnet - sämtliche noch so sehr gewollte politische Ambitionen vergessen machen.
In den Kadrierungen mutig wie cineastisch subversiv hingegen ist der Einstieg von Mommy Is Coming: Dylan (Lil Harlow) fährt im Taxi durch Berlin. Als das Fahrzeug hält, steigt eine martialisch anmutende Amazone mit Glatze namens Claudia (Papi Coxx) ein, die eine Pistole in der Hand hält. Wenige Momente später fallen die beiden Frauen übereinander her, wird die Handfeuerwaffe überzogen mit einem Kondom zum Dildo umfunktioniert, Dylan penetriert - ihre Vagina in Großaufnahme. Cheryl Dunye setzt diese im Verlaufe des Films wiederkehrenden expliziten Einstellungen weiblicher Genitalien mit einem politischen Statement gleich, will damit die Autonomie lesbischer Sexualität betonen. Doch leider geraten diese Szenen neben in Rottöne getauchten Besuchen in einem mysteriösen SM-Club, der zur sexuellen wie persönlichen Selbstfindung dienen soll, zum Selbstzweck, zum herausragenden Stilmittel innerhalb einer ansonsten einfallslosen, sichtlich preisgünstigen Inszenierung.
Allerdings spielt Cheryl Dunye, wenn auch platt, mit den Klischees lesbischer Liebesbeziehungen. Claudia wird von Dylans Mutter Helen (Maggie Tapert), die in einer sexuell frustrierenden Hetero-Beziehung steckt, mit einem Mann verwechselt - und sie verfällt ihr. Dylan selbst veranstaltet zu Hause regelrechte Sexorgien, Penetrationen mit Umschnall-Dildos und Sexspiele inklusive. Schließlich penetriert sie durch alberne Konstruiertheiten ihre eigene Mutter. Liebe und Gefühle als durch gesellschaftlich etablierte Rollenmuster zugewiesene Gründe für Frauen, eine Liebesbeziehung einzugehen, sind zunächst der Trennungsgrund, erst später das zusammenschweißende Element. Die lesbische Art weiblicher Sexualität und Beziehungen, sie wird hier emanzipatorisch dargestellt, entfesselt und alternativ zum "männlichen Kamerablick" von einer Frau explizit eingefangen, die zudem dem Inzest-Tabu eine neue Facette abgewinnt. Sie wird allerdings auch überbetont und konterkariert damit sämtliche politischen Absichten im Subtext zugunsten einer behäbigen, anstrengenden Clownerie. Da hilft auch der Mut von der prominenten Sexpertin und feministischen Aktivistin Maggie Tapert nichts, sich mit 64 Jahren in pornösen Sexszenen freizügig vor der Kamera zu räkeln.
Zu aufgesagt und gekünstelt wirken die Dialoge, zu absurde Verwicklungen wie Verwechslungen weist das zu dünn geratene Drehbuch auf, zu sehr kokettiert die merkwürdigerweise auf Künstlichkeit hinarbeitende Screwball-Comedy Mommy Is Coming mit Schauwerten, die im ungleich "realistischeren" Independent-Kino schon seit 9 Songs zu finden sind. Schade, dass diese schnell heruntergekurbelt wirkende Kuriosität bereits mit diesen Voraussetzungen als ernst zu nehmender Beitrag zu einer wichtigen gesellschaftlichen Diskussion um queere Lebensverhältnisse und verkrustete Rollenbilder zum Scheitern verurteilt ist und auch die schwul-lesbische Zielgruppe nur sporadisch belustigen dürfte.