Thriller aus Skandinavien gelten nicht erst seit dem Erfolg der Millennium-Trilogie als erstklassig. Dank atmosphärischer Dichte und komplexer Erzählmuster sind sie inzwischen sogar international mehr als nur ein Geheimtipp. Auch Hollywood übersieht das nicht und produziert fleißig Remakes, von Freeze - Alptraum Nachtwache über Insomnia - Schlaflos bis hin zum aktuellen Verblendung. Nun bringt Schweden einen weiteren Kandidaten in die Kinos.
Anna beginnt mit ihrem Sohn Anders ein neues Leben. Nach dem furchtbaren Ende der Beziehung zu Anders' Vater tauchen die beiden in einem anonymen Wohnblock unter. Doch die kürzlichen Erfahrungen haben ihre Spuren hinterlassen. Anna ist dermaßen überängstlich, dass sie ein Babyphon kauft, um ihren achtjährigen Sohn auch nachts immer unter Beobachtung zu haben. Allerdings empfängt sie damit nicht nur das gleichmäßige Atmen des Jungen, sondern auch fürchterliche Schreie eines anderen Kindes.
Bei einem gewöhnlichen Thriller hätte man Angst, zuviel vom Inhalt zu verraten. Doch bei diesem alptraumhaften Psychotrip ist das gar nicht möglich, weil die verschiedenen Ebenen und irren Entwicklungen der Geschichte einem noch nach dem Abspann Rätsel aufgeben. Was ist wahr, was Fantasie? Versucht Annas Exmann, sie in den Wahnsinn zu treiben? Und was hat es mit Anders' wortkargem neuen Freund auf sich, und was mit dem netten Elektromarktverkäufer Helge und seiner Mutter? Was immer man darüber sagt, kann gar nichts vorwegnehmen, denn das einzige, was hier klar ist, ist, dass nichts klar ist. Allerdings wird dieses Spielchen so weit getrieben, dass es schon zum Manko wird.
Klar, Annas Suche nach Wahrheit und Realität ist minimalistisch, aber wirkungsvoll inszeniert und bringt Stück für Stück neue Hinweise. Und Stück für Stück geht die Geschichte einem mehr unter die Haut. Man überlegt, man kombiniert und man knabbert sich an seinen Fingernägeln entlang Richtung Auflösung. Doch schließlich überschlägt sich alles und man hat keine Ahnung mehr, was eigentlich passiert. Der motivierte Zuschauer bleibt natürlich konzentriert am Ball und macht fleißig mit. Doch da manche Dinge selbst bei mehrfachem Überlegen wenig Sinn machen, könnte das hier tatsächlich unbefriedigend enden.
Ganz im Gegensatz zu Hauptdarstellerin Noomi Rapace, die nach ihrem Hollywood-Ausflug in Sherlock Holmes - Spiel im Schatten wieder zurück in Schweden spielt. Von der ersten Minute an wird sie eins mit der komplett durchkomponierten Figur der Anna, einer Durchschnittsmutter aus der sozialen Unterschicht. Damit gelingt ihr für den ganzen Film das, was wirklich nur die Besten schaffen: man vergisst völlig die Schauspielerin und sieht nur noch die Figur handeln. Beim Filmfestival in Rom gab es dafür den Preis für die Beste Darstellerin.
Regisseur Pal Sletaune nennt Babycall einen "emotionalen Thriller über Ängste und die Grenzen unserer Wahrnehmung". Das mag absolut richtig sein, aber beim Überschreiten dieser Grenzen betritt Sletaune schon David-Lynch-Land. Und das bedeutet, so spannend das hier gebotene Verwirrspiel auch ist, es lässt im Endeffekt ein wenig mehr ungeklärt, als nötig wäre, selbst wenn man das Publikum fordern möchte. Manch einer wird sich davon auch so sehr herausgefordert fühlen, dass er nicht aufgibt, eine Erklärung für alles zu finden. Aber wem das zu sperrig sein sollte, der kann sich ja noch etwas gedulden und darauf warten, dass die Amerikaner eine etwas konsumentenfreundlichere Neuverfilmung nachschicken.