Über 4,2 Millionen Deutsche sahen Robert Redfords Der Pferdeflüsterer, der weniger Fiktion war als man denken würde. Denn den Pferdeflüsterer, Buck Brannaman, gibt es wirklich und die Regie-Debütantin Cindy Meehl hat ihn in dieser Dokumentation vorgestellt. Leider kann sich ihr Film aber nicht entscheiden, ob er sich mehr für Brannaman als Person oder für sein einfühlsames Verständnis den Pferden gegenüber interessiert.
Im deutschen Kinojahr 1998 ging die Titanic unter und fast auch die Erde, etwas anderes stieg derweil: das Herzklopfen der Frauen. Über vier Millionen Zuschauer lockte Robert Redfords Verfilmung von Nicholas Evans' Der Pferdeflüsterer in die Kinos und so manch eine Dame mag sich gefragt haben, warum ihr Mann nicht so zu ihr flüstern kann wie Tom Booker zu seinen Pferden. Oder warum es solche Männer wie ihn nicht auch in Wirklichkeit gibt. Wie Cindy Meehls Dokumentarfilm Buck zeigt, tun sie das durchaus, basierten Evans' Roman und Redfords Film doch auch auf dem realen Pferdeflüsterer Buck Brannaman.
Der heute 50-jährige Brannaman reist neun Monate im Jahr durch die Bundesstaaten der USA, um Pferdebesitzer in praxisorientierten Kursen bei ihren Problemen mit Pferden oder deren richtigen Erziehung zu unterstützen. A lot of time, rather than helping people with horse problems I'm helping horses with people problems, umschreibt es Brannaman zu Beginn des Films selbst. In Meehls Dokumentation lässt er die Kamera so nah an sich heran, wie er sich selbst wiederum den Vierbeinern nähert. Dabei gewährt er nicht nur Einblicke in die Art und Weise seiner Pferdeflüsterei, sondern vielmehr noch in seine problembehaftete Jugend.
Und hier liegt auch einer der Schwachpunkte von Meehls Film, der sich nicht entscheiden will, worauf er den Fokus setzt: auf die Pferdeflüsterei oder auf Brannaman als Person. Emotional wird Buck jedenfalls immer dann, wenn sich die Handlung der Privatperson nähert. Wenn Brannaman von seinem gewalttätigen Vater erzählt, der ihn und seinen Bruder immer zu verprügeln pflegte, ehe man sie eines Tages in ein Pflegeheim brachte. Wenn er erzählt, dass er selbst nie so werden wollte wie der Vater und stolz berichtet, dass seine jugendliche Tochter Reata ganz nach ihm selbst kommt. Aber selbst hier bleiben einige Fragen offen.
Was zum Beispiel wurde aus seinem Bruder, der im Gegensatz zu Brannaman selbst, seiner Frau, Tochter und Adoptivmutter nicht von Meehl interviewt wurde? Es wäre interessant gewesen zu sehen oder zu hören, ob auch er noch Glück im Leben gefunden hat oder eher zu seinem eigenen Vater avancierte. Auch über Brannamans positive Entwicklung erfahren wir nur teilweise, was umso bedauerlicher ist, da er später in gewisser Weise ein Pferde-Pendant von sich im Stall haben wird. Einen dreijährigen Hengst, der sich aggressiv gibt und dem geholfen werden muss, damit er nicht für sich und seine Umwelt zur Gefahr wird.
Leider entwickelt sich die Szene nicht, wie man sie als Zuschauer erwarten oder sich erhoffen würde. Auch, weil Buck weniger über die Pferdeflüsterei verrät als man angesichts einer Dokumentation über einen der führenden Pferdeflüsterer denken würde. All your horses are a mirror of your soul, sagt Brannaman gegen Ende, als er von einer seiner Kursteilnehmerinnen auf den jungen Hengst angesprochen wird. Zuvor hatte er angesprochen, dass man den Tieren mit Zuckerbrot statt Peitsche begegnen solle. Man könne nicht gut sein, wenn man aus dem Stall kommt, wenn man zuvor im Stall gegenüber dem Pferd böse war.
Wie man die Pferde behandelt, lautet das Resümee, so behandelt man auch die Mitmenschen. Das ist allerdings an sich irgendwie eine Binsenweisheit und Meehls Film schafft es nicht, im Gegensatz zu Brannamans Vergangenheit wirklich hinter die Kulissen seiner Kunst zu schauen. So ist Buck weder ein richtiges Personen- noch ein Berufsporträt, sondern von beidem etwas - nur leider von keinem genug. Dass Brannaman eine sympathische und interessante Figur ist, mit einer tollen Familie, steht außer Zweifel. Über die Pferdeflüsterei verrät der Film jedoch nicht mehr als nicht schon in Der Pferdeflüsterer zu sehen war.